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Agnus, das Weihnachts-Schaf. Zuletzt gesehen bei Kollmar.

 

 

Agnus, das Weihnachtsschaf
schreibt zum Sonntag Gaudete (16. Dezember 2012)

Liebe Pfadfinder,

ihr könnt euch gar nicht vorstellen, wie stolz ich bin. Stolz und aufgeregt. Ihr habt mich als wichtigen Nebendarsteller für eure Christmette am Heiligabend auf dem Bauernhof gebucht! Mich, das dumme Schaf.

Dumm? Dumm ist nur, was du da sagst, Freund. So redet mir ein netter alter Herr gut zu, Robert Musil heißt er, ein Österreicher. "...der Mensch findet heute das Schaf dumm. Aber Gott hat es geliebt. Er hat die Menschen wiederholt mit Schafen verglichen. Sollte Gott ganz unrecht haben?" Und er streichelt mich, wie es viele Leute gern tun. Sie mögen das mollige Wollige. Und noch was - sagt Robert, zu meiner Beruhigung - : "Der sichtbar gestaltete Ausdruck hoher Zustände ist dem der Blödheit nicht unähnlich." Mäh, sage ich und lasse mich würdevoll noch ein bisschen kraulen.

Ihr seid ja inzwischen eine richtige Attraktion: "Pfadis feiern Weihnachten im Original mit Ochs und Esel!" So schlagzeilt das Kleinkrempener Wochenblatt, wobei wieder mal nur die großen Tiere Erwähnung finden. Dabei sind die beiden nicht einmal biblisch, sehr im Unterschied zu uns Schafen. Und von Original kann sowieso nicht die Rede sein, ihr seid höchstens originell. Und das ist doch was. Einer von euch, vermutlich der mollige Olli, wird mich feierlich an die Krippe führen und in meinem Namen eine Rede halten, eine Schafspredigt, vergnügliche Variante des Hirtenbriefs. Dafür braucht ihr honorige Tipps aus berufenem Mund. Und meinem Mäh könnt ihr leider noch zu wenig Inhalt entlocken. Erst nach Weihnachten, behauptet Olli, kommen die Nächte des großen Verstehens zwischen Tieren und Menschen. Aber da sei es natürlich zu spät.

Wunschgemäß hier die Vorschläge für meine Weihnachtsansprache im Stall.

Vorschlag 1: Ich bin eins von denen in Bethlehem

Zugegeben, das ist nicht wirklich originell, aber ihr seid auf der sicheren Seite. »Und es waren Hirten in derselben Gegend auf dem Felde bei den Hürden, die hüteten des Nachts ihre Herde« (Lukasevangelium). Elegant könnt ihr zu einem passenden Lied überleiten. Kommet ihr Hirten. Als ich bei meinen Schafen wacht. Und weist bitte darauf hin, dass zum echten Engelsgesang von oben vielstimmiges Geblöke von unten gehört. Oben hui, unten pfui.

Vorschlag 2: Ich bin der Liebling des guten Hirten.

Am besten beginnen wir mit einem Wort aus dem Johannesevengelium. "Ich bin der gute Hirt; ich kenne meine Schafe, und meine Schafe kennen mich." Und nun blättern wir in der Bibel zurück zum Propheten: "Ich bin der gute Hirt: die verloren gegangenen Tiere will ich suchen, die vertriebenen zurückbringen, die verletzten verbinden, die kranken heilen." (Ez 34,16). Bedenkt: Wenn wir Schafe besonders ungeschickt hinfallen, wenn wir gar auf dem Rücken liegen und die Beine nicht mehr auf dem Boden stehen, sind wir echt hilflos. So. Dazu natürlich dramatische Beispiele, am besten Fälle mit großer Fallhöhe. Zum tröstlichen Ende aber der Klassiker, Psalm 23. "Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser." Voilà.

Vorschlag 3: Ich bin das verlorene Schaf.

Dazu liest du aus Lukas 15, 1-7: "Welcher Mensch ist unter euch, der hundert Schafe hat und, wenn er eins von ihnen verliert, nicht die neunundneunzig in der Wüste lässt und geht dem verlorenen nach, bis er's findet? Und wenn er's gefunden hat, so legt er sich's auf die Schultern voller Freude. Und wenn er heimkommt, ruft er seine Freunde und Nachbarn und spricht zu ihnen: Freut euch mit mir; denn ich habe mein Schaf gefunden, das verloren war. Ich sage euch: So wird auch Freude im Himmel sein über einen Sünder, der Buße tut, mehr als über neunundneunzig Gerechte, die der Buße nicht bedürfen."

Tipp: Die Sache wird noch aufregender, wenn du die Prozentzahlen aktualisierst. Nach meiner Schätzung irren 99 herum und gerade mal eins sitzt brav im Stall und tut so, als ob es der Buße nicht bedürfe. Da erhebt sich die Frage, wie viele Hirten in Aktion treten müssen. Und wer weiß, ob nicht die Hirten selber herumirren. Vielleicht freuen sie sich, wenn endlich mal irgendwo mein Mäh erklingt.

Vorschlag 4: Ich bin das Schäfchen in der Grube

Auch hier beginnt ihr direkt mit Jesus: "Wer ist unter euch, der sein einziges Schaf, wenn es ihm am Sabbat in eine Grube fällt, nicht ergreift und ihm heraushilft? Wie viel mehr ist nun ein Mensch als ein Schaf!" (Matthäus 12, 9-14) Nun würde ich aber nachfragen, wer eigentlich immer diese üblen Gruben so heimtückisch anlegt, dass sogar ein cleveres Schaf wie ich ins Rutschen kommt. Und ich frage mich, ob es nicht gescheiter wäre, wie vor einem Bahnübergang Warnschilder aufzustellen. Wenn man wüsste, dass so etwas nur am Sabbat passieren kann, könnte man da ja vorsichtshalber im Stall bleiben. Aber wer weiß.

Vorschlag 5: Ich bin der Wolf im Schafspelz (oder so ähnlich)

Als Verfremdung könnt ihr zunächst die Sache umdrehen und ein Schaf im Wolfspelz ausmalen. Freilich ist zu befürchten, dass es die heilige Familie samt anbetenden Hirten gehörig erschreckt. Also keine so gute Idee. Obwohl. Wie wäre es, über ein womöglich liebenswertes Wesen hinter wölfischen Fassaden nachzudenken. Oder darüber, weshalb sich ein niedliches Schaf im Lauf der Zeit so eine harte Schale zulegt. Ob so oder so. Ihr kommt dann auf den himmlischen Frieden in Jesaja 65 zu sprechen. "Wolf und Schaf sollen beieinander weiden." Und ich als Wolf im Schafspelz arrangiere mich. Je länger, je lieber. Es ist sowieso schön, ein Image loszuwerden, das nur einsam macht.

Vorschlag 6: Ich bin dem Johannes sein Schaf - auch Agnus Dei gerufen

Mit dieser Predigt punktet ihr doppelt. Erstens, weil Johannes der Täufer sowieso zum Advent passt - „Ich bin die Stimme, die in der Wüste ruft: Ebnet den Weg für den Herrn!“ (Joh 1, 23) - und zweitens, weil ich eigentlich auf keinem seiner Bilder fehlen darf. Man kennt mich, wie mich Maler Mathis im Isenheimer Altar darstellt: zwischen dem Gekreuzigten und dem Täufer, mit Kreuzstab und einer Wunde, aus der Blut in einen Kelch tropft. Diese Weihnachtsansprache wird auch eurem Pfarrer imponieren. Ihr macht dann einen einfachen Schwenk zum Karfreitag und zitiert aus dem Evangelium: "Seht das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt hinweg nimmt" (Joh 1, 29). Alles in allem wird das eine sehr theologische Angelegenheit. Am besten übergebt ihr dann dem Pfarrer das Wort. Wie ich ihn so kenne, wird er freudig zugreifen und nicht so bald wieder loslassen.

Vorschlag 7: Ich bin das schwarze Schaf

Dazu braucht ihr keine Anleitung. Ihr gefallt euch das Jahr über ja selbst in dieser Rolle. Fast nie sieht man euch in der Kirche, und zu Weihnachten habt ihr dann das große Heimspiel im Stall. Als schwarzes Schaf bezeichnet man bekanntlich Leute, die in der guten Gesellschaft unangenehm auffallen. Außenseiter also. Aber offensichtlich nicht unsympathisch. Geile Beispiele wisst ihr sowieso.

Vorschlag 8: Ich bin Shrek, der Ausbrecherkönig von Neuseeland

Egal, wer dabei auftreten soll: Selbst das wolligste Schaf muss für meine Rolle noch was überziehen. Denn bekannt wurde ich, weil ich mich sieben Jahre lang erfolgreich der jährlichen Schafschur entziehen konnte und in Höhlen Zuflucht suchte. Als man mich 2004 endlich fasste, wurde ich live vor laufenden Fernsehkameras geschoren: 27 Kilo Wolle! Ich war der Liebling der Nation. Und als ich im letzten Jahr hochbetagt starb, trauerte meine Fangemeinde im Internet und eröffneten mir eine Facebook-Seite: "R.I.P. Shrek the Sheep".

Ob ich mich für eure Weihnachtsansprache eigne? Warum nicht? Ist es schwierig, einen geliebten cleveren Ausreißer mit dem Evangelium der Freiheit zu verbinden? Wer kennt nicht den gelegentlichen Wunsch, ungeschoren davonzukommen?

Vorschlag 9: Ich bin Dolly.

Ähnlich wie Shrek, aber ganz anders, war auch ich eine Berühmtheit, aber eine traurige. Ich war das schottische Klon-Schaf. Ob sich am Heiligabend die versammelt Gemeinde im Stall für unsereiner interessiert? Unsereiner: ich denke nicht nur an Klontechnik, sondern an Tierversuche, Reproduktionsmedizin und Genforschung. Eigentlich naheliegend, im Stall dem Leid aller geplagten Kreaturen eine Stimme zu geben. Und: Was ist der Mensch? Und wer ist wie Gott? Gute Themen, wo das Fest der Menschwerdung Gottes gefeiert wird.

Vorschlag 10: Ich bin Shaun.

Ich fürchte, ich bin eure erste Wahl, denn ich habe Witz und biete beste Unterhaltung. Neugierig und verschmitzt lebe ich im Kreis meiner Herde zusammen mit einem Hütehund namens Bitzer, dem Bauern, drei fiesen Schweinen und diversen anderen Tieren auf einem Bauernhof. Ihr kennt mich. Slapstick und Situationskomik vom Feinsten! Ob ich zu Weihnachten passe? Am besten bringt ihr meine Nummer erst als Zugabe. Jedenfalls habt ihr dann im Stall - sogar bei Sauwetter - fröhliche Weihnachten.

So, das war's. Nun macht euch an die Arbeit. Ich freue mich jedenfalls schon auf den Heiligabend. Und Vorfreude passt: Dieser Sonntag heißt ja auch Gaudete: Freuet euch!

Agnus, euer Weihnachtsschaf und Brieffreund im Himmel.

Mäh. Mit einem Gruß von Morgensterns Mondschaf