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Alice von Platen-Hallermund

Alice von Platen-Hallermund
zum Sonntag nach Epiphanias (Taufe des Herrn) 2013

Liebe Paola,

dein Flehen - gut passt dieses altertümliche Wort - dein Flehen berührt mich. Ich bin dir vermutlich unbekannt, und du erwartest nicht ernsthaft konkrete himmlische Briefpost. Doch du bittest um Kraft und Weisheit für einen großen und schwierigen und schönen Tag. Kraft, um als Patentante bei der Taufe der kranken Melanie das rechte Wort auch recht zu sagen (und nicht in Tränen auszubrechen). Weisheit, unbeirrt bei dem wunderbaren Segensgebet zu bleiben, das du ausgesucht hast, auch wenn du damit vielleicht deine Freundin und ihren Mann (über)forderst. Aber sie haben dich zum Patenamt gebeten und wissen, dass du religiös bist. Sie sind zwar auch getauft, Kirchenmitglieder, aber doch ziemlich laue Christen.

Erst jetzt, sagt René, haben wir wieder mit dem Beten angefangen. Wenigstens das Vaterunser. Wenigstens: Dein Wille geschehe. Die dunkle Bitte, die uns kaum über die Lippen will. Ob Melanie, unser kleines Würmchen, mit ihrer Behinderung lange lebt, wissen wir nicht. Das weiß nur Gott, fügt René leise hinzu, fast als ob er sich solcher Worte schämen müsste.

Ich bin Alice von Platen-Hallermund, verwandt mit dem Dichter August von Platen. 1910 im holsteinischen Weißenhaus als jüngste von drei Schwestern geboren. Aus meinem langen Leben als Ärztin, Psychiaterin und Psychoanalytikerin will ich dir nur einige Worte über den Wert kranken Lebens mitgeben. Manches verdanke ich ersten Prägungen im Internat Schloss Salem unweit des Bodensees. 1946 war ich Mitglied der Beobachterkommission beim Nürnberger Ärzteprozess. Denn ich war Augenzeugin. Hilflos hatte ich während der NS-Zeit - damals arbeitete ich in Österreich - zusehen müssen, wie Patienten im Rahmen des Euthanasie-Programms getötet wurden. Ich veröffentlichte später Prozessdokumente unter dem Titel „Die Tötung Geisteskranker in Deutschland“. Daraus einige Zeilen:

"Solange Menschen leben, wird nur ein Teil von ihnen der Norm eines Durchschnittsmenschen entsprechen; doch wäre das Leben farblos und wir arm an Kenntnis und Wissen über den Menschen und sein Sein, wenn wir zuließen, dass die 'Abnormen' kurzerhand beseitigt würden. Gerade Geisteskranke mit der Fülle ihrer Visionen und inneren Bilder stellen uns mitten in die Problematik des Menschseins; gerade dem Geisteskranken sollte unsere Ehrfurcht und Liebe gelten, ist er doch in besonderer Weise hilflos den Dämonen preisgegeben und aus der menschlichen Gemeinschaft ausgeschlossen – wenn auch den 'Göttern näher', wie Norbert von Hellingrath in einer Rede über Hölderlins Wahnsinn schrieb...“

Liebe Paola, ich weiß, dass mein Zitat nicht so richtig zu deiner Geschichte passt. Melanie, euer Frühchen, ist anders krank, anders gefährdet, aber sie ist geliebt und angenommen. Per Kaiserschnitt kam sie mit einem schweren Herzfehler zur Welt. Schon bei der Fruchtwasseruntersuchung kam damals die niederschmetternde Diagnose: Freie Trisomie 18, das Edwards-Syndrom. Nach Meinung der Schulmedizin ein hoffnungsloser Fall. Falls sie Schwangerschaft und Geburt je überlebt, blieben ihr höchstens einige Wochen, vielleicht Monate. Deine Freundin und ihr Mann wollten sie aber leben lassen, weiß der Himmel. Es war ja ihr erstes Kind. Liebe kennt keine hoffnungslosen Fälle. Aber Angst und Selbstzweifel kennt sie wohl, die Liebe, und Schuldgefühle kennt sie auch.

Nun also: die Taufe. Und du: die Patentante. Und das trotzige, kühne, verrückte Gebet, das du aus eurem Gesangbuch vortragen willst. Du hast Mut. Zeile für Zeile: unglaubliche Verheißungen.

Segne dieses Kind und hilf uns, ihm zu helfen
Dass es sehen lernt mit seinen eigenen Augen
Das Gesicht seiner Eltern
Und die Farben der Blumen
Und den Schnee auf den Bergen
Und das Land der Verheißung

Voller Poesie: das Tauflied von Lothar Zenetti. Und so sinnlich. Und so würdig. Ich finde, Paola, du hast einen sehr starken Text gewählt. Und wenn auch ein Schaudern durch die kleine Taufgemeinde gehen wird: es ist gut.

Es ist gut, zu bitten um Segen für dieses Kind und um Hilfe, ihm zu helfen:

Dass es hören lernt mit seinen eigenen Ohren
Auf den Klang seines Namens
Auf die Wahrheit der Weisen
Auf die Sprache der Liebe...
Und dass es greifen lernt mit seinen eigenen Händen...
Und dass es reden lernt mit seinen eigenen Lippen...
Und dass es gehen lernt mit seinen eigenen Füßen
Auf den Straßen der Erde
Auf den mühsamen Treppen
Auf den Wegen des Friedens
In das Land der Verheißung

Das Land der Verheißung, Paola: du berührst es tapfer Wort für Wort. Und Melanie ist gesegnet, auf dass sie lieben lernt mit ihrem ganzen Herzen.

Euer junger Diakon, der die Taufe spenden wird, ist etwas unsicher. Jedenfalls wirkt er nervös. Er will aus der Tageslesung nur zu zwei Sätzen predigen. "Ich taufe euch nur mit Wasser. Es kommt aber einer, der stärker ist als ich..." Nein, hat er gesagt, ich beziehe das nicht wirklich auf mich. Im Evangelium (Lukas 3,15-22) geht es ja um Johannes den Täufer. Und doch, sagt er zögerlich: ich beziehe es eigentlich auch auf mich. Denn ist es nicht genau so: Ich taufe nur mit Wasser. "Es kommt aber einer, der stärker ist als ich"? Und ist das nicht unsere ganze Hoffnung an diesem Tag?

Dir, dem schüchternen Diakon, den staunenden Gästen, den wunderbaren Eltern und der umsorgten Melanie wünsche ich ein liebes Fest! (Und keine Angst vor Tränen.)

Deine himmlische Brieffreundin: Alice