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Im Post-Archiv finden Sie alle Briefe, die bisher von drüben bei uns ankamen.

Bert Trautmanns Himmelsbrief zum Sonntag, 21. Juli 2013

Ja, Versöhnung ist wunderbar. Kaum bin ich daheim, darf ich einen Himmelsbrief übernehmen. Einen Brief in Sachen Versöhnung.

Ihr habt vielleicht mitbekommen, dass ich, "Traut the Kraut", dieser Tage gestorben bin. Gebürtig in Bremen. Vollständig heiße ich Bernhard Carl Trautmann. In England riefen sie mich "Bert". Schon während meiner irdischen Jahre nannte man mich eine Legende. Die unübersehbar vielen Himmlischen winken da nur müde ab.

Legendenbildung gehört drüben zum Alltag. Drüben? Wir sagen "drüben" und meinen euch - auf Erden. Hüben und drüben und drunter und drüber - es gibt zu guter Letzt nur ein Leben. Zu meinem Leben als Torwart später mehr. Zuerst zu euch und eurem politischen Abendsegen in der Krypta.

Ihr habt euch das Wort von der Versöhnung zu Herzen genommen, angeregt durch das Nagelkreuz, das eure Basilika seit Jahren mit Coventry verbindet. Nur die Ältesten unter euch haben Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg. Coventry. Dresden. Bomben. Tote. Wer wollte es Kriegsfeinden verargen, wenn sie fortan der Hass regiert, der Wunsch nach Vergeltung, Revanche? Längst geht es euch beim Abendsegen nicht - oder nur gelegentlich - um die deutsch-britische Versöhnung. Ihr entzündet Lichter, ihr betet und singt nach Art von Taizé, ihr denkt an die Geplagten in Syrien und Palästina, in Kambodscha und Thailand, im Jemen und in Afghanistan ... Ihr selbst lebt in einer Oase des Friedens, aber ihr blendet all die aktuellen Konflikte nicht aus. Denn das Nagelkreuz gibt keine Ruhe. Gott sei Dank gibt es keine Ruhe, Freunde der Versöhnung!

Und ich? Gerade mal 22 Jahre war ich alt, als ich kurz vor Kriegsende in britische Gefangenschaft kam. 27. März 1945 am Niederrhein. So einen Tag vergisst man nicht. Und nie vergesse ich die Begrüßungsworte eines britischen Soldaten: "Hello Fritz, fancy a cup of tea?" Nobel war das, nobel und unerwartet. Nobel, unerwartet und für mich eine völlige neue Erfahrung. Denn wie alle Hitlerjungen hieß unsere berüchtigte Parole: Hart wie Kruppstahl, zäh wie Leder und schnell wie die Windhunde. Aber es ging uns leider nicht um Spiel und Sport, sondern um Hauen und Stechen, Morden und Metzeln. Wir waren im Krieg. Friedensstifter und Versöhnungsbotschafter war ich damals wirklich nicht. Mit 17 meldete ich mich freiwillig zur Luftwaffe, wurde Fallschirmjäger, kämpfte in Russland, der Ukraine und Frankreich. Dazu der Judenhass! So einer war ich. Und jetzt die Überraschung, diese noble Behandlung durch die Briten.

Was für eine unglaubliche Fairness! Hier erst lerne ich Toleranz, Menschlichkeit und Nachsicht. Meine Menschwerdung beginnt. Und die schöne Geschichte geht weiter. Im Gefangenencamp erfüllt man mir und einigen Mitgefangenen unseren Wunsch und gibt uns prompt einen Fußball. Man beobachtet mich und merkt mich als begabten Torhüter vor. Es klingt wie im Märchen - jetzt im Zeitraffer: Aus dem verhassten Kraut, dem deutschen Kriegsgegner, wird in wenigen Jahren der Kult-Keeper von Manchester City, die Torhüter-Legende Bert Trautmann, der Lieblingsdeutsche der Engländer.

Natürlich erinnern sich später alle an jenen Augenblick am 5. Mai 1956 im Wembley-Stadion. Manchester City gegen Birmingham. Zum sechsten Mal stehen wir im Finale des FA-Cups. 100.000 Zuschauer. In der 73. Minute will Birminghams Mittelstürmer am Elfmeterpunkt per Kopf für Peter Murphy auflegen. Ich mit dem Kopf voran aus dem Tor, ich fange den Ball. Da kommt Murphy, knallt an der Grenze des Fünfmeterraums mit mir zusammen und rammt mir - unabsichtlich – full speed das Schienbein in den Nacken. Ich gehe wie ein geschlagener Boxer zu Boden. 100 000 Zuschauer halten den Atem an. Und ich, nicht totzukriegen, wieder auf die Beine, und - wie in Trance - hüte ich das Tor und rette unser 3:1. Wie alle laufe ich die Ehrenrunde mit, genieße Triumph und Jubel, drücke der Queen die Hand, halte den Cup in Händen - und habe verdammt lausige Schmerzen im Nacken. Als Prinz Philip sich nach meinem Befinden erkundigt, sage ich: "Ich habe einen steifen Hals." Ja, die Norddeutschen.

Kopf und Kragen hatte ich riskiert, aber das war mir gar nicht klar. Erst vier Tage später sagt man mir bei der Röntgenuntersuchung: Fünf Halswirbel ausgerenkt, der zweite glatt durchgebrochen. Ich hätte querschnittsgelähmt sein können. Ich hätte tot sein können. Und so wurde ich - ungewollt - zum Helden. Zum Helden und zum Botschafter der Versöhnung. Ich erzähle das alles, weil ich zwar tüchtig war und erfolgreich und allen Grund habe, auf meine Leistungen stolz zu sein, aber dass ich den 5. Mai 1956 halbwegs heil überlebt habe, noch jahrelang im Tor stehen konnte und fast 89 Jahre alt wurde: Grund zum Danken.

Ich weiß, dass bei manchen Fussballspielen alte Feindschaften aufflackern, nicht nur wenn sich englische und deutsche Mannschaften begegnen. Ich weiß aber auch, dass Sport Menschen verbinden kann. Ich weiß vor allem, dass Wunden heilen können und aus einem begeisterten Hitlerjungen ein friedfertiger Erwachsener werden kann, in dem die alten Kriegsgegner nicht den verhassten Kraut sehen, sondern einen tüchtigen Torwart und anständigen Menschen.

Ich wurde alt und habe Grund zum Danken. Zum Danken und zum Denken, denn einer von uns ist Robert Enke, jener deutsche Torwart, der seine Depressionen nicht überstand und nur 32 Jahre alt wurde. Wäre kein Himmel - wie arm wären wir dran!
Freunde, wie bei jedem politischen Abendsegen habt ihr das Versöhnungsgebet aus Coventry gesprochen. Damit darf mein Brief dann schließen. Und wenn unter euch ein Fussballfan ist: Ein extra Gruß!

Euer himmlischer Brieffreund: Bert

„Alle haben gesündigt und ermangeln des Ruhmes,
den sie bei Gott haben sollen.” (Röm 3, 23)

Den Hass, der Rasse von Rasse trennt, Volk von Volk, Klasse von Klasse:
VATER VERGIB!
Das habsüchtige Streben der Menschen und Völker, zu besitzen, was nicht ihr eigen ist:
VATER VERGIB!
Die Besitzgier, die die Arbeit der Menschen ausnutzt und die Erde verwüstet:
VATER VERGIB!
Unseren Neid auf das Wohlergehen und das Glück der anderen:
VATER VERGIB!
Unsere mangelnde Teilnahme an der Not der Heimatlosen und Flüchtlinge:
VATER VERGIB!
Die Entwürdigung von Frauen, Männern und Kindern durch sexuellen Missbrauch:
VATER VERGIB!
Den Hochmut, der uns verleitet, auf uns selbst zu vertrauen und nicht auf Gott:
VATER VERGIB!
„Seid untereinander freundlich, herzlich und vergebt einer dem anderen,
gleichwie Gott euch vergeben hat in Christus” (Eph 4, 32)