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Berthold Beitz' Himmelsbrief zum 18. Sonntag (4. August 2013)

Was sind schon 99 Jahre. Junge, Junge. Du hast etwas getan, was selten jemand in den Sinn kam. Du hast für mich und meine arme Seele gebetet. Dein kleiner großer Nachruf. Danke.

Kennen wir uns? Wohl kaum. Nur das Ruhrgebiet verbindet uns. Ruhrgebiet und Krupp. In Essen war man entweder unter Tage oder man arbeitete für Krupp. Schon dein Urgroßvater war stolz, ein Kruppianer zu sein. Von der Wiege bis zur Bahre Kruppianer. Und was sie alles erzählten von früher, von Kruppscher Säuglingswäsche und Kruppschem Konfirmandenanzug, Kruppschem Kindergarten und Kruppschem Bildungsverein. Und vom Henkelmann, in dem die Frauen ihren Männern zur Pause das Essen ans Fabriktor brachten. Und vom Geheul der Werkssirenn  dem Kruppschen Esel. Und von einer geradezu kindlichen Dankbarkeit zum lieben guten mächtigen Vater, nicht dem im Himmel, sondern dem in der Villa Hügel, dem Patriarchen.

Du kennst die Geschichten vom Hörensagen, weißt aber auch vom unrühmlichen Ruhm der braunen Waffenschmiede und dem Wiederaufbau nach dem Krieg. Und da beginnt dann ja auch meine Geschichte mit Krupp. Ich war nämlich unbelastet. Beinahe wäre ich 100 Jahre alt geworden. Junge, Junge, das wäre ein Fest geworden, ganz nach meinem Geschmack. Mit Freibier und Jazz in der Philharmonie. Wäre ich der Münchner im Himmel, wüsste ich jetzt was Lustiges. Aber das ist erstens ziemlich daneben und zweitens total uninteressant. So uninteressant wie all die Lobeshymnen auf mich, BB, Berthold Beitz aus Pommern, den Mächtigen, den Tüchtigen, den Anständigen, den Gentleman, den klugen (na ja!) Verwalter und erfolgreichen (na ja!) Sachwalter eines Stahlimperiums (das zuletzt doch ziemlich ins Schlingern kam), den letzten Krupp, wie sie sagten, aber doch nur der letzte Beitz, bis ins hohe Alter rank und schlank und immer schick im Maßanzug.

Und sterblich, ja, sterblich.

Das alles aber hat dich nicht sehr interessiert. Du gehst einfach davon aus, dass für einen Unternehmer meines Formats vielleicht am Ende keiner betet. Und da willst du dein Scherflein beitragen. Großartig. Du wirst mir nach der Messe eine Kerze anzünden. Nicht nach der Hannovermesse. Nach der Messe. Und du hörst im Gottesdienst, was mir, dem Übervater, zur Feier des Tages, wie ausgesucht erscheinen dürfte. Berühmte Worte aus dem Buch Kohelet:

Windhauch, Windhauch, sagte Kohelet, Windhauch, Windhauch, das ist alles Windhauch.
Denn es kommt vor, dass ein Mensch, dessen Besitz durch Wissen, Können und Erfolg erworben wurde, ihn einem andern, der sich nicht dafür angestrengt hat, als dessen Anteil überlassen muss. Auch das ist Windhauch und etwas Schlimmes, das häufig vorkommt.
Was erhält der Mensch dann durch seinen ganzen Besitz und durch das Gespinst seines Geistes, für die er sich unter der Sonne anstrengt?
Alle Tage besteht sein Geschäft nur aus Sorge und Ärger, und selbst in der Nacht kommt sein Geist nicht zur Ruhe. Auch das ist Windhauch.

In himmlischer Heiterkeit darf ich nachgerade lächeln.

Du lauschst auf die Sonntagslesungen und denkst an die Großen dieser Welt, an Bosse und Unternehmer, an mich. Du überlegst, was diese Worte mir bedeutet hätten, einst. Etwa in der zweiten Lesung aus dem Brief des Apostels Paulus an die Kolosser:

Ihr seid mit Christus auferweckt;
darum strebt nach dem, was im Himmel ist, wo Christus zur Rechten Gottes sitzt.
Richtet euren Sinn auf das Himmlische und nicht auf das Irdische!
Denn ihr seid gestorben und euer Leben ist mit Christus verborgen in Gott...
Ihr habt den alten Menschen mit seinen Taten abgelegt
und seid zu einem neuen Menschen geworden,
der nach dem Bild seines Schöpfers erneuert wird, um ihn zu erkennen.
Wo das geschieht, gibt es nicht mehr Griechen oder Juden,
Beschnittene oder Unbeschnittene,
Fremde, Skythen, Sklaven oder Freie,
sondern Christus ist alles und in allen.

Und da erinnerst du dich an die schönsten, kostbarsten Geschichten aus meinem Leben, um ein Vielfaches wichtiger als die Rettung der Firma. Die Rettung vieler Juden. Dir fiel sofort "Schinders Liste" ein, als du davon hörtest. Es war im August 1942 in Boryslaw, Ukraine. Holocaust. Viehwaggons stehen bereit für die Fahrt ins Vernichtungslager Belzec, also in den Tod. Greise? Unnützes Material. Sofort erschießen. Und Frauen. Und Kinder. „Alle Beteiligten verhielten sich so, als sei es ganz normal, am helllichten Tag eine Jüdin zu erschießen, während ihr kleines Kind neben ihr stand.“

Ich fand das nicht normal. Dabei war ich kein Held, kein Widerständler. Eigentlich ein Leben lang ziemlich unpolitisch. Aber da: Ich trete auf, souverän und selbstbewusst, wie es immer mein Stil war, nie unterwürfig, auch nicht gegen Nazis, vielmehr forsch und drohend. Es funktioniert. Ich laufe an den Waggons entlang und rufe nach den Arbeitern der „Karpathen-Öl“. Und da, viele: „Herr Direktor, nehmen Sie mich! Ich arbeite bei Ihnen." Soweit ich mich erinnere, beschäftigte ich zeitweilig mehr als 1200 Juden als echte oder angebliche Rüstungsarbeiter. Else - meine Frau - und ich versteckten jüdische Kinder in der berühmten Villa. Von all dem machte ich kein Aufhebens. Es wurde erst publik, als man mich 1990 zu einem der „Gerechten unter den Völkern“ in der israelischen Gedenkstätte Yad Vashem ernannte. Darf ich darauf stolz sein? Freuen darf ich mich. Lächeln und mich tief verneigen vor dem, der mir dieses große reiche Leben gab, all die Taten, die jetzt in Nachrufen gewürdigt wurden. Aber du, Junge, Junge, du betest für meine arme Seele.

Und du hörst dir - für mich - auch noch die dritte Sonntagslesung aus dem 12. Kapitel im Lukasevangelium an: Jesus erzählte die Geschichte vom reichen Mann und der guten Ernte und seiner wachstumsorientierten Vorratsplanung, dem Abriss der alten Scheunen, dem Bau von größeren Speichern und seinem naiven Aberglauben, nun habe er einen großen Vorrat, der für viele Jahre reicht. Nun könne er sich sagen: Ruh dich aus, iss und trink, und freu dich des Lebens...

Da sprach Gott zu ihm:
Du Narr! Noch in dieser Nacht wird man dein Leben von dir zurückfordern.
Wem wird dann all das gehören, was du angehäuft hast?
So geht es jedem, der nur für sich selbst Schätze sammelt, aber vor Gott nicht reich ist.

Ich bin dir wirklich dankbar, dass du mich als den siehst, der wir doch alle sind: Kind Gottes, Geschöpf, als armen Sünder. Und dass du mir nicht die typischen und beliebten Bibeltexte für Unternehmer und Banker herausgesucht hast, wo man sich mit dem ungerechten Mammon Freunde machen darf und das Geld nicht vergraben soll. Du traust den Tageslesungen über den Weg. Danke.

Dein himmlischer Brieffreund: Berthold