Zur gott.net Wochenausgabe
zur gott.net Übersicht

»Post-Archiv

Im Post-Archiv finden Sie alle Briefe, die bisher von drüben bei uns ankamen.

Bronisława Wajs

Bronisława Wajs schreibt zum Holocaustgedenktag 2013

Sei unbesorgt, mein Kind, du darfst dich als Zigeunerin verkleiden.

Sie haben dir ein schlechtes Gewissen gemacht? Du hast geweint? Du musst nicht weinen. Dein Kostüm ist schön. Onkel Manu - das Gesicht braungeschminkt, Goldkettchen auf der Brust - soll geigen. Du sollst tanzen. Fanni soll singen. Es wird bunt sein. Weine nicht.

Sie haben dir von uns erzählt, von all dem Leid, das man uns zugefügt hat, von den Verfolgungen, von den Konzentrationslagern. Und dass man uns nicht Zigeuner nennen soll. Das sei böse und gemein. Aber du findest uns schön. Onkel Manu liebt unsere Musik. Fanni liebt unsere Lieder. Sei also ohne Arg.

Ich will dir eine kleine Geschichte von mir erzählen, da war ich 13 Jahre alt. Mein Name: Bronisława Wajs. Keine verkleidete, sondern eine richtige Zigeunerin. "Ich war dünn und flink wie ein Eichhörnchen, nur war ich schwarz. Ich las und die Zigeuner lachten mich deswegen aus und bespuckten mich. Sie lästerten über mich und, in Missachtung, las mich mehr und mehr. Wie oft weinte ich, und trotzdem führte ich das fort, was ich wollte. Ich meldete mich in der Bibliothek an und lieh jegliche Bücher aus, die ich in die Finger kriegte, weil ich nicht wusste was gut und was nicht gut war. Ich bat meine Familie darum, mich in der Schule anzumelden, jedoch interessierten sie sich nicht das Geringste dafür: Bitte, du, eine Zigeunerin, willst Lehrerin werden? Also ließ ich sie in Ruhe und las einfach weiter und weiter..."

Unbeirrt ging ich meinen Weg und wurde Dichterin und Sängerin. Ich unterschrieb meine Lieder mit "Papuscha", das heißt Püppchen. Stell dir vor: Nicht einmal meinen genauen Geburtstag wusste ich. Wir zogen durch die Welt, meine Vorfahren kamen aus Polen. In einem Waldlager sei ich zur Welt gekommen, auf Wanderungen wurde ich groß. Ich lebte wie jedes andere Roma-Kind. "Roma" heißen wir eigentlich: "Menschen". Vor Jahrhunderten kam unser Volk aus Indien. Bis heute sehen wir in euren Augen anders aus. Wir sind schön. Und wir sind Menschen. Du spürst es.

Wir sind Menschen, und wie bei allen Menschen kennen wir nicht nur Gutes, sondern alles Leid, alle Sehnsucht, jeden Kummer, jeden Hass. Ich will das nicht aussparen. Gestern war Holocausttag, der Internationale Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust. Der Tag erinnert an die Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz vor 65 Jahren durch die Rote Armee. Auschwitz steht dabei stellvertretend für die Millionen Opfer des NS-Regimes. Du wirst noch früh genug davon erfahren. Nicht nur von Millionen ermordeten Juden, auch von vielen anderen. Auch von ermordeten Roma. Vieles verbindet uns mit Juden. Jahrhundertelang wurden sie gehasst und verfolgt. Wir auch. Gehasst, verachtet, gefürchtet, verfolgt. Warum? Weil wir anders sind, fremd. Vorsicht: Fahrendes Volk! Manche haben Angst vor allem Fremden. Manche hassen sie sogar. Du nicht. Noch nicht? Wieso kommt mir das in den Sinn? Ist es ein Gesetz, dass Kinder eines unschönen Tages das Abgrenzen lernen, das Verachten, das Hassen? Nein, es gibt auch Liebe. Nicht Gesetzlichkeiten, sondern die Freiheit der Kinder Gottes.

Ich schreibe dir davon, weil ich beides erfahren habe. Liebe Menschen und andere. Ich war kein Opfer des Holocaust, aber ich erlebte Ablehnung und Einsamkeit. Weil ich anders war als meine eigenen Leute. Singen und Tanzen und Wahrsagekunst hätte sie nicht gestört, aber meine Kontakte zu anderen, mein Selbstbewusstsein, mein Wunsch, Lesen und Schreiben zu lernen war ihnen verdächtig. Meine Leute schützten ihren eigenen Stolz durch Abgrenzung. Dass ich Stehlen konnte, war in ihren Augen normal und gut. Dass ich aber mit gestohlenen Hühnern meine jüdische Sprachlehrerin bezahlte: das ging nicht. Meine eigenen Leute lehnten mich ab. Verräterin, nannten sie mich, als ich begann, sesshaft zu werden. Man stieß mich aus der Gemeinschaft aus. Ich war „unrein“. Und ich verstummte für viele Jahre. Das war schrecklich. Immer ist es schrecklich, wenn Menschen Menschen ausstoßen. Es ist wirklich besser, wenn ihr uns Roma nennt: Menschen.

Du freust dich auf eure Auftritte und Umzüge an den närrischen Tagen. Freu dich weiter. Wenn manche Erwachsene ihre Sprache behutsam gebrauchen, nennen sie uns nicht Zigeuner. In einer Welt, in der das Wort "Zigeuner" ein Schimpfwort ist, ist es gut so. Deine Tante Luitgard hat sogar in deinen Kinderbüchern herumgekritzelt. Zehn kleine Negerlein, sagt sie, das geht nicht. Ausgerechnet eines deiner Lieblingsbücher, "Die kleine Hexe", will sie dir in einer neuen Ausgabe schenken. Zu spät. Inzwischen magst du andere Bücher. Zum Beispiel "Onkel Toms Hütte". Arme Tante Luitgard.

Ich wünsche dir fröhliche Tage, unbeschwert. Ich wünsche dir, dass du unterscheiden lernst zwischen guten und bösen Absichten. Kostüme und Verkleidungen, Witze und Lieder können schäbig und böse sein. Eure Zigeunergruppe aber ist einfach nur bunt. Und eine bunte Welt ist schöner als eine graue. Und viel schöner als das Grauen.

Darf ich dir eines meiner Lieder singen?

… Das Feuer lieb' ich wie mein eigenes Herz.
Winde, stark und sachte,
wiegten das Zigeunerkind,
trieben’s weithin in die Welt.
Regen wuschen mir die Tränen,
der Sonnball – goldener Zigeunervater
wärmte mir den Leib ...

Das ist ein Lied vom Guten. Für Lieder und Geschichten vom Bösen ist noch Zeit, wenn du groß bist. Vielleicht liest du dann einen Roman, in dem von mir und auch vom Holocaust erzählt wird. Obwohl es weh tut, möchte ich dir wenigstens eine Szene vorlesen:

"Ich war sechs. Meine Eltern waren fort, meine Brüder und Schwestern, meine Vettern und Cousinen ebenfalls: Sie waren aufs Eis getrieben worden. Rings um den See wurden Feuer entzündet und MGs aufgebaut, sodass sie nicht fliehen konnten. Als es gegen Mittag immer wärmer wurde, zwang man sie, die Wohnwagen in die Mitte des Sees zu fahren. Das Eis brach, die Räder versanken, und der Rest folgte ihnen, Wohnwagen, Pferde, Harfen..."

Schrecklich. Und nur ein Beispiel. Dass neben Wohnwagen und Pferden ausgerechnet Harfen versinken, geht mir zu Herzen, denn als unser Clan vor den Nazis flüchtete, mussten wir Pferde und Wagen zurücklassen, aber unsere Harfen nahmen wir mit in den Wald. Der Wald war unser Versteck, zusammen mit Juden. Sie wussten vom Wert der Lieder und Harfen. Sie erzählten mir von David, dem Harfenspieler und Sänger. Von ihm hatten sie Lieder, Psalmen, die uns trösteten.

Aus Psalm 137
An den Strömen von Babel,
da saßen wir und weinten,
wenn wir an Zion dachten.
Wir hängten unsere Harfen
an die Weiden in jenem Land.
Dort verlangten von uns die Zwingherren Lieder,
unsere Peiniger forderten Jubel.
Wie könnten wir singen die Lieder des Herrn,
fern, auf fremder Erde?

Mein Wunsch für dich: Dass du nie verstummst. Dass dich dein Tanzen und Singen ein Leben lang froh macht. Dass du bunt sein darfst. Dass du sein darfst, was du bist. Kind. Zigeunerkind. Gottes Kind.

Deine Brieffreundin im Himmel: Papuscha