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Im Post-Archiv finden Sie alle Briefe, die bisher von drüben bei uns ankamen.

Bruno Hoffmanns Himmelsbrief
zum Sonntag, 15. September 2013

Guten Morgen, Jana,

bei euch wäre ich gern Kirchenmäuschen. Was für eine wunderbare Idee, dass alle Kinder ihr Lieblingsintrument mitbringen dürfen. Nicht nur Orffsches Instrumente, sondern alles. Schellenkranz und Posaune. Mundharmonika und Kuhglocken. Bongos und Zither. Regenstab und Laute. Und jede Menge Flöten. Das Beste aber sind die Weingläser. Über zwei Oktaven. Wer kein eigenes Instrument hat, setzt sich an ein Glas und darf ihm seinen ganz persönlichen Ton entlocken. Das nenne ich eine Kinderkirche, die ihrem Namen Ehre macht.

Ihr lasst euch nicht beirren durch einzelne der bissigen Kanzelschwalben (was für ein lustiger Name für selbstgerechte überfromme ältere Damen), die sich über diesen ganzen Zirkus immer das Maul zerreißen. Ihnen wäre es sowieso am liebsten, wenn sie zu viert am Sonntag ihren Frieden hätten. Ihnen genügt das. Liebster Jesus, wir sind vier...

Ihr aber habt verstanden. Und schon bringen die Kinder in kreisenden Bewegungen mit dem nassen Finger am Rand ihr Glas zum Klingen. Erst alle gleichzeitig, hui, und dann eins nach dem anderen. Wenn die Tante Jana ihnen das Zeichen gibt. Großartig. Ganz nach den Worten der Bibel. Ganz nach Psalm 108

Mein Herz ist bereit, o Gott,
mein Herz ist bereit,
ich will dir singen und spielen. Wach auf, meine Seele!
Wacht auf, Harfe und Saitenspiel!
Ich will das Morgenrot wecken.

Ich bin natürlich auch schon wach. Über Schlafen und Wachen im Himmel wäre so manches zu sagen, aber wir bleiben ja im Geheimnis. Da ich heute im Kreis begeisterter Engel meinen 100. Geburtstag verjuble, darf ich den Himmelsbrief schreiben. Aber nicht nur deshalb. Ich bin nämlich so was wie der Meister der Glasharfe: Bruno Hoffmann aus Stuttgart, geboren am 15. September 1913, gestorben am 11. April 1991. Geboren, gestorben: so sagt man auf Erden. Dabei sind wir bekanntlich nur Gast auf Erden, bringen göttliche Gaben mit und lassen etwas davon bei euch. In meinem Fall: die Glasharfe. Das "Gläserspiel" (ich nannte es Glasharfe) ist aus gestimmten, eigens hergestellten Weinkelchen zusammengestellt und hat einen äußerst zarten Klang. Man erzeugt den Klang durch Kreisen der Fingerkuppen auf dem Glasrand. Aber das wisst ihr ja.

Ich bin entzückt, dass ihr in eurer Kinderkirche so viel musiziert. Ja wo sind wir denn, hieß es manchmal mürrischen Mundes, sind wir hier in der Musikschule oder in der Kinderkirche oder wo oder was? Als ob das unvereinbare Orte wären. Eure Kinder kommen gern, und wenn ihre Mütter sie bei euch abliefern (manchmal sogar noch nicht ganz ausgeschlafene Väter im Jogginganzug), dann sind sie immer voll Vertrauen. Sie wissen, dass ihr ihnen Gutes tut. Und meistens bleiben sie sogar dabei bis zum Vaterunser, bis zum Segen, bis zum Amen mit dem großen, lautstarken Finale und dem donnernden Applaus. Die Kanzelschwalben flüchten da bereits hinaus, ihre Handtaschen fest im Griff.

Was bekommen sie mit, die Kinder, die Eltern? Freude. Musik. Freude. Klang. Freude und Wohlsein im Haus des himmlischen Entzückens.

Meine Engel - sie sprechen in der Sprache der Engel, es erinnert etwas an Vögel - sehen und hören das gern. Gerade wenn wir musizieren, sagen sie, berühren Herzen und Hände den Himmel. Hildegard von Bingen sagt: „Musik erinnert die Seele an ihre Herkunft". Na bitte.

Ich fasse mich kurz, liebe Jana, denn nicht über die Buchstaben des Alphabets, sondern auf den klingenden Stufen der Tonleiter verstehen wir uns. Manchmal Summ, summ, summ. Manchmal Rumms und Täterätätä.

In herzlicher Freude: dein himmlischer Brieffreund
Bruno Hoffmann

PS
Dass man Gott in der Stille findet, ist möglich und wird gern und oft gesagt. Dass uns Gott aber auch in Rhythmen und Lautstärken aufhorchen lässt, ist ein anderer Weg, und gewiss nicht der schlechteste. So richtig ruhig ist es nur auf dem Friedhof, und sogar dort piepst es himmlisch in den Bäumen.