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Himmelsbrief von Bruno S.
zum 11. Sonntag nach Trinitatis (11. August 2013)

Heißt du wirklich so: Isolde, die Holde? Oder nur bei der Kundschaft?

Egal. Jedenfalls habe ich dir mit Lust gelauscht. Deinem trauriglieben Singsang am hellichten Tag. War das ein Wiegenlied?

Du hast eine hübsche heisere Stimme, Isolde. Leicht angejahrt, fast verbraucht, aber umso schöner, finde ich. Man hört den Kummer und hört die Liebe. Halbe-halbe. Und dieser Wohlgeruch! Du kennst dich wirklich aus mit Düften. Deine Besucher - Stammgäste - wissen es zu schätzen. Sonst kämen sie ja nicht immer wieder, am hellichten Tag, klamm-heimlich zwischendurch. Zum Entspannen unter deinen kundigen Händen.

Nicht wahr, du bist deiner Familie peinlich. Man redet nicht darüber. Isolde. O je, die Isolde.

Darf ich dir schreiben? Ich wäre auch gern dein Gast gewesen, damals. Deine Wohltaten hätten mir wohl getan. Und wir hätten uns gut verstanden, Isolde, Außenseiter mit Lebensleid. Ganz anders, deine Geschichte, ganz anders, deine Kunst. Aber irgendwie mit mir verwandt. Mit mir, dem Bruno S. aus Berlin. Heute ist mein Sterbetag. Keiner hätte mir so viele Erdenjahre zugetraut, mir, dem Kaspar-Hauser-Typ. Mir, dem unverhofft Entdeckten. Entdeckt und ermuntert von einem Regisseur. Das ist schon lange her. Ich werde erzählen. Zuerst aber, Isolde, les' ich dir eine meiner Lieblingsgeschichten aus der Bibel. Ich wette, du kennst sie und magst sie. Die unerhört-sympathische Geschichte von Jesus, der sich in der irriterten Gesellschaft feiner Leute am hellichten Tag von den sensiblen Massagehänden einer namenlosen Frau, einer Außenseiterin, wohltun lässt.

Der Text - gerade für den heutigen Sonntag - steht im Lukasevangelium
(7, 36-50):
... Und einer der Pharisäer bat Jesus, bei ihm zu essen. Jesus ging hinein in das Haus des Pharisäers und setzte sich zu Tisch.
Und siehe, eine Frau war in der Stadt, die war eine Sünderin. Als die vernahm, dass er zu Tisch saß im Haus des Pharisäers, brachte sie ein Glas mit Salböl und trat von hinten zu seinen Füßen, weinte und fing an, seine Füße mit Tränen zu benetzen und mit den Haaren ihres Hauptes zu trocknen, und küsste seine Füße und salbte sie mit Salböl.
Als aber das der Pharisäer sah, der ihn eingeladen hatte, sprach er bei sich selbst und sagte: Wenn dieser ein Prophet wäre, so wüsste er, wer und was für eine Frau das ist, die ihn anrührt; denn sie ist eine Sünderin.
Jesus antwortete und sprach zu ihm: Simon, ich habe dir etwas zu sagen.
Er aber sprach: Meister, sag es!
Ein Gläubiger hatte zwei Schuldner. Einer war fünfhundert Silbergroschen schuldig, der andere fünfzig. Da sie aber nicht bezahlen konnten, schenkte er's beiden. Wer von ihnen wird ihn am meisten lieben?
Simon antwortete und sprach: Ich denke, der, dem er am meisten geschenkt hat.
Er aber sprach zu ihm: Du hast recht geurteilt.
Und er wandte sich zu der Frau und sprach zu Simon: Siehst du diese Frau? Ich bin in dein Haus gekommen; du hast mir kein Wasser für meine Füße gegeben; diese aber hat meine Füße mit Tränen benetzt und mit ihren Haaren getrocknet. Du hast mir keinen Kuss gegeben; diese aber hat, seit ich hereingekommen bin, nicht abgelassen, meine Füße zu küssen. Du hast mein Haupt nicht mit Öl gesalbt; sie aber hat meine Füße mit Salböl gesalbt. Deshalb sage ich dir: Ihre vielen Sünden sind vergeben, denn sie hat viel Liebe gezeigt; wem aber wenig vergeben wird, der liebt wenig.
Und er sprach zu ihr: Dir sind deine Sünden vergeben.
Da fingen die an, die mit zu Tisch saßen, und sprachen bei sich selbst:
Wer ist dieser, der auch die Sünden vergibt? 
Er aber sprach zu der Frau: Dein Glaube hat dir geholfen; geh hin in Frieden!

Was mich immer wieder anrührt: Jesus interessiert sich nicht für das, was die Leute über die Frau reden. Natürlich kennt er unsere Vergangenheit, Taten und Schandtaten, aber er sieht unsere Gegenwart, unsere Liebe, unsere Qualitäten. Und er nimmt sie an und bringt sie zum Leuchten. Er nimmt dich an, Isolde, und mich, den Bruno S., und bringt uns zum Leuchten. Sogar unser Schatten beginnt zu leuchten. Wir tun wohl, weil er uns annimmt. Und da schau mal einer an: wie sie duftet, die kleine, schäbige Welt, wie sie duftet. So gut. So gut. Und fühl mal, die müde, alte, rissige Haut, in der wir stecken, und in der keiner stecken will: sie wird wieder weich und jung. Was für eine schöne Geschichte.

Mein Leben lief anders als deins, und ich dürfte dir unbekannt sein. Aber du wirst mich verstehen. Du singst, und hör mal: ich singe die zweite Stimme zu deinem Wiegenlied für einen armseligen Geschäftsmann, der einmal im Jahr in Berlin ist und dich aufsucht, weil er deine Hände und deine Stimme mag. Ich singe rauh und vielleicht zu laut, aber ich singe so wie einst auf den Hinterhöfen meine Balladen und Moritaten zu Akkordeon und Glockenspiel. Mit richtigen Namen hieß ich Bruno Schleinstein. Für die Öffentlichkeit war ich nur der "Bruno S.". Heute vor drei Jahren fanden sie mich in tot meiner Berliner Wohnung, am Klavier. Mein Entdecker und Erwecker war ein eigenwilliger Filmemacher, Werner Herzog, der mit Vorliebe schräge Typen und Außenseiter wie mich vor die Kamera brachte. Mein Gesicht war mein Gesicht, unverlogen, ohne Schminke, und so etwas war in der glatten Welt der Schönen und Reichen vermutlich eine kleine Sensation. Ein Gesicht, in dem man alle Narben und Verletzungen des Lebens lesen konnte.

Für mich jedenfalls war die Begegnung mit Werner die große Chance meines Lebens. Denn eigentlich war nicht viel drin im Leben des kleinen Bruno Schleinstein, dem unehelichen Hurensohn, den man mit drei Jahren in Heimen und sogenannten Besserungsanstalten unterbrachte, auch in den berüchtigten Wittenauer Heimstätten. Dort sortierten die Nazis Kinder wie mich als geistesschwach ein und ließen an uns ärztliche Experimente durchführen. 1956 wurde ich als geheilt entlassen. Ein paar Groschen verdiente ich mir als Gabelstaplerfahrer und Straßensänger. Zum Film kam ich zufällig. Oder war es Fügung? In einer Dokumentation über Berliner Außenseiter sah mich der Werner und machte mich für kurze Zeit zum Star. Einmal als Kaspar Hauser, das passte wirklich gut, und später als Stroszek, da konnte und sollte ich mich selber spielen, meine beste Rolle. Dich selber spielen: immer deine beste Rolle. Aber wer will das schon sehen. Ruhm und Ehre für kurze Zeit, aber dann war der Bruno doch nur ein Wegwerfartikel. Nach einigen Jahren war sogar der Werner überrascht, dass ich überhaupt noch lebte.

Einmal Außenseiter, immer Außenseiter, verstehste? Einmal ich, immer ich.

Verstehste, Isolde, warum ich dir den Himmelsbrief schreibe? Ich war nicht viel wert, jedenfalls brachten sie mir das bei. Doch ich konnte schauspielern, konnte malen und singen. Und einmal hat es einer bemerkt. Oh, wie war das schön. Von dir halten deine Leute auch nicht viel, aber du verstehst was von Salböl und versteckten Bedürfnissen, und du tust Menschen wohl. Deine Geschichte läuft anders als meine, auch anders als die Geschichte im Evangelium, aber du bist wertvoll, Mädel. Und siehste: Ich mag dich. Und Jesus auch. So viel habe ich kapiert vom Evangelium.

Mit herzlichen Grüßen: dein himmlischer Brieffreund, Bruno S.