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Christine Lavants Himmelsbrief zum 10. Sonntag im Jahreskreis
9. Juni 2013


"Christine? Christine! Bist du da?"

Ach, dein Rufen nach Christine im Himmel ging reihum, und ging uns zu Herzen. Und da greife ich zur Feder, Christine, eine andere Christine, vierzig Jahre nach der Befreiung aus meiner eigenen Armseligkeit. Ich, Christine Lavant, beginne mit meiner zaghaften Antwort. Alsdann lasse ich die weiterschreiben, die dir deinen Herzenswunsch besser erfüllen können als eine wie ich. Denn du bist todtraurig. Ich war es auch. Du weißt dich gottverlassen. Wie ich damals. Oft. Du sehnst dich so. Ja, das kenne ich. Du hoffst und hoffst. Ich damals auch, aber leider viel zu selten, verdammt selten. Haderst du mit Gott? Wirst du kämpfen, lästern? Lassen wir das. Der Himmel ist blau.

Rufen und Schreien, Weinen und Klagen: das war meines. Meine Zeit bei euch (1915-1973) stand unter der Vormundschaft des Schmerzes. Dieser Tage, am 7. Juni, war mein 40. Todestag. Den Namen Lavant empfahl mir mein Verleger, Lavant, wie mein lieber Fluss, mein Tal, meine Heimat in Kärnten. Heimat? Dass unsere Heimat im Himmel ist, davon hatte ich gehört. Irgendwo ganz tief im Innern war es verschüttet. In Wirklichkeit gehöre ich in die Hölle, sagte ich. Mein Himmel war grau, nein: schwarz. Deshalb übernehme ich nur die ersten Zeilen, denn keine Mutmacherin bin ich, keine Trösterin. Aber wenigstens eine, die mit dir ans Grab geht.

Meine späte Freundin Ingeborg kannte mich, vor allem durch meine Briefe. Und sie wusste von meiner einzigen großen Liebe, die so kurz und so heftig war. Und mit der es wie mit allen Hoffnungen bald ein Ende hatte. "Christine", so schrieb sie später, "erlebte die Erfüllung ihrer lebenslangen Sehnsucht ganzheitlich, wie es ihrer Natur entsprach." Meine Freundin kannte mich, das Häufchen Elend im Lavanttal. Sie wusste von meiner totalen Einsamkeit, schon als Kind, von meinem Unglück. Ich war Hiob.

Du schreist dir die Seele heiser nach Christine, die dich verlassen hat in ihrem Tod. Ich schrie auch. Ich schrie und schrieb. Einmal wenigstens verliebt. Ingeborg schilderte mein kurzes unglückliches Glück: "Niemand hatte sich je der Faszination ihrer Liebe entziehen können, die die erwählte Person wie ein Wolkenbruch überschüttete. Ihre poetische Begabung schien nur auf den Einsturz der alten Lebensmuster gewartet zu haben, jetzt brach sie vehement durch. In der Zeit, in der Christine sich nicht mit Werner Berg traf, schrieb sie und schrieb - alles Tägliche ordnete sie ihrer überschwänglichen Hingabe unter. Schuldgefühle - der Maler lebte in guter Ehe mit zahlreichen Kindern - blieben vorderhand aus, sie trank ihr Glück wie der Verdurstende sein erstes Glas Wasser ..." Aber ach - es konnte ja nicht gut gehen. Verheiratet war ich mit einem dreißig Jahre älteren Mann. Und wir waren beide bettelarm. Für die bigotten Dörfler war ich ein Sündenweib. Heimat?

Eine meiner himmlischen Freundinnen, Hilde die Dichterin, nimmt dich und deinen Kummer gut und streng ins Gebet. Solange du dich auf dem Friedhof häuslich einrichtest, kannst du schreien, soviel du willst. Es ist und bleibt ein "Haus ohne Fenster", sagt sie. Und das tut nicht gut.

"Der Schmerz sargt uns ein / in einem Haus ohne Fenster. / Die Sonne, die die Blumen öffnet, / zeigt seine Kanten / nur deutlicher. / Es ist ein Würfel aus Schweigen / in der Nacht." Auch ich könnte so schreiben, aber noch hat Hilde das Wort: "Der Trost, / der keine Fenster findet und keine Türen / und hinein will, / trägt erbittert das Reisig zusammen. / Er will ein Wunder erzwingen / und zündet es an, / das Haus aus Schmerz."

Und, Freund, wäre das ein Weg? Aber nun bist du in Panik wegen dem Sonntagsevangelium. Nein, das wirst du dir nicht antun. Du wirst nicht zur Kirche gehen. Den Schmerz der Frau, den kennst du gut. Aber dann das Wunder, das tut nur weh. Dieser schrecklich schöne Text aus Lukas 7:  "Einige Zeit später ging er in eine Stadt namens Naiin; seine Jünger und eine große Menschenmenge folgten ihm. Als er in die Nähe des Stadttors kam, trug man gerade einen Toten heraus. Es war der einzige Sohn seiner Mutter, einer Witwe. Und viele Leute aus der Stadt begleiteten sie. Als der Herr die Frau sah, hatte er Mitleid mit ihr und sagte zu ihr: Weine nicht! Dann ging er zu der Bahre hin und fasste sie an. Die Träger blieben stehen, und er sagte: Ich befehle dir, junger Mann: Steh auf! Da richtete sich der Tote auf und begann zu sprechen, und Jesus gab ihn seiner Mutter zurück."

Wer's glaubt, wird selig, sagst du. Bitter. Und jetzt? Jetzt sagst du gar nichts mehr.

So ist Armut. Deine Armut. Das restlos geplünderte Sparbuch deiner Seele. Nichts hast du auf der hohen Kante. Christines Tod hat dich ausgeraubt. So bleibt dir nur noch trotziges, bockiges Schweigen. Und auch das, Freund, ist zu etwas gut.  Kennst du das Wort von Seneca? "Bleibe auf deinem Posten und hilf durch deinen Zuruf; und wenn man dir die Kehle zudrückt, bleibe auf deinem Posten und hilf durch dein Schweigen." Darum geht es doch. Ich weiß, wie sich ein geplündertes Leben anfühlt. Und doch. Wenigstens wusste ich Worte. Worte und Sätze. Jede gelungene Zeile gab mir Halt für einige Sekunden. Aus diesen Sekunden rinnt Ewigkeit. Immer hast du etwas zu geben. Und wenn es heute nur der Schmerz ist. Niemand ist so arm, dass er nicht ein Geschenk machen konnte. Wenn ich Ingeborg aufsuchte, kam ich nie ohne irgendein Geschenk. Und sie freute sich. Sie wusste, in welcher extremen Armut ich lebte. Sie wusste aber auch, wie viel mir dieses Schenken bedeutete. Ihre Freude war aufrichtig.

Ob ich dir nicht doch aus einem meiner Gedichte lesen soll? Vielleicht als Dreingabe. Als Geschenk. Zuvor gebe ich Regina Ullmann (1884-1961) das Wort. Sie tat sich auch nicht leicht mit ihrem Leben. Auch sie dachte manchmal an Selbstmord. (Wie deine Christine.) Aber lies, wie stark und vertrauensvoll schreibt: "Du willst dem Geschicke zuvorkommen, / seinen majestätischen Lauf voreilig unterbrechen, / willst dein Leben von dir werfen, / wie man Warenballen aus einem Schiffe wirft, / nur weil man befürchtet und abschätzt, / dass es sie nicht mehr zu halten vermag, / bis es das Land erblickt ...  / Und weißt doch nicht, / ob es nicht doch noch trägt, / oder ein anderes Wunder, / vielleicht in Gestalt eines Walfischs / sich bergend, / von seinem Wasserspiele ablässt / und vor dir in silberner Straße einherzieht, / mit seinem eigenen Leibe / das todeserschöpfende Rudern ersparend!"

Ob es nicht doch noch trägt!

Lass es gut sein, und lass dich begleiten.
Mit schmerzgetönten Zeilen von mir, einer Brieffreundin im Himmel, deiner anderen
Christine

Wo ist mein Anteil, Herr, am Licht ?
Ich will doch auch nach Hause kommen !
Mein Blindenstock ist weggeschwommen
unzeitig sank das Mondgesicht
Bergrücken wachsen mächtig.
Längst bin ich übernächtig
und überreif vor Müdigkeit
sooft der Atem in mir schreit
könnt ich den Tod gebären.
Lass das nicht ewig währen!
Verschaffe mir mein Heimweglicht
auch wenn es grell den Traumstar sticht
und mein Gedächtnis peinigt.
Du weißt, ich brauch kein Himmelshaus
zeig mir das Obdach einer Maus
bevor der Tag mich steinigt.

Und damit ich nicht doch noch das letzte Wort habe, will ich dir von Theodor Haecker(1879-1945), einem christlichen Philosophen, aus seinen „Tag- und Nachtbüchern“ vorlesen: „Lass niemals von Gott! Liebe Ihn! Wenn du das im Augenblick nicht kannst, dann streite mit Ihm, klage Ihn an und rechte mit Ihm wie Hiob, ja, wenn du kannst, lästere Ihn, aber – lass Ihn nie. Sonst wirst du zum lächerlichsten Lappen und, das Schrecklichste, du wirst es selbst gar nicht bemerken."