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Dällebach Kari

 

 

 

 

 

 

Dällebach Karis Himmelsbrief zum Sonntag Estomihi 2013

Ach, du Armer, haben sie dich ins Narrenkleid gesperrt? Und dazu noch auf die Kanzel, als wär sie eine Bütt? Und du: ohne Lust zum Reim? Und du: eigentlich berüchtigt als humorloser Stimmungskiller? O je. Umso größer meine Hochachtung. Dir dreifach Halleluja und dreifach Helau! Du hast nicht gekniffen und bist gutwillig. Mutig, tapfer, ehrenwert. Bravo! Stellvertretend für alle seligen Narren - einige wollen mitsingen - schreibe ich dir den erwünschten Himmelsbrief zum Sonntag Estomihi. Und bevor du mir doch noch verzagst: Du musst keinen anderen Bibeltext suchen. Lukas 18, 31-43 ist möglich.

Zunächst ein Wort zu mir. Ich verzichte auf mein Berner Schweizerdeutsch, damit du als Dütscher mich überhaupt verstehst. Thema Fasnacht. Bei uns eine Woche später. Im Rheinland wird meines Wissens erst morgen toll geschunkelt. In Süddeutschland schon heute? Gibt es da nicht den Narrensprung? Sehr im Gegensatz zu deiner Heimat Berlin. Berliner Pfannkuchen gibt es dort zwar das ganze Jahr. Kappenabende eigentlich auch. Ansonsten treiben sie's eher im Verborgenen. Jedenfalls merkt man nicht viel. Nicht viel von der Fasnacht. Nicht viel von Estomihi. Sei froh, dass es dich nach Oberschwaben verschlagen hat. Ökumenisch umringt von lautstarken Katholischen. Die sind doch immer so lustig, behaupten sie. Na ja. Die hätten mich mal erleben sollen...

Ein urkomischer Haarschneider und Sprücheklopfer war ich, ein höchst unterhaltsamer Coiffeurmeister, ein richtiges Urvieh. Karl Tellenbach, als Dällebach Kari bekannt. 1877 kam ich im emmentalischen Walkringen als Sohn des Landwirts Friedrich Tellenbach zur Welt, für den Rest des Lebens ausgestattet mit meiner beschissenen Hasenscharte. Da siehst du nicht nur krass aus, du hörst dich auch noch an wie ein verschnupfter Hase. Manche finden das amüsant. Aber ich wusste mir zu helfen. Wenn die Dreckskerle schon über mich lachen. sollen sie wenigstens richtig lachen. Nicht über Oberlippe, nicht übers Näseln, sondern über meine Witze. Und so ging's ganz gut.

Ganz gut? Natürlich ging's mir nicht ganz gut. Ledig blieb ich, einsam, leider. Und manchen Kummer ertränkte ich am Abend in der Kneipe. Da gibt es Geschichten, sage ich dir, Geschichten. Zum Beispiel die: Zu später Stunde auf dem Heimweg falle ich in den Graben. Ein Polizeiwachtmeister findet mich - oder sind es gar zwei Polizeiwachtmeister, mitten in der Nacht? - und hilft mir auf die Beine. Zwei Italiener, sage ich, haben mich zu Boden gebracht. Ja wie, sagt der Polizeiwachtmeister, zwei Italiener, wissen Sie noch die Namen? Ja, sage ich. Der Chianti und der Barbera.

Du könntest es ja auch so machen auf der Kanzel. Weißt du keine Geschichten vom trinkfreudigen Don Promillo? Keine gute Idee? Dabei gibt es doch viele Pfarrerswitze. Nein? Du willst lieber beim Thema bleiben. Der Predigttext sei nun eben wieder mal das Kreuz. "Jesus nahm zu sich die Zwölf und sprach zu ihnen: Seht, wir gehen hinauf nach Jerusalem, und es wird alles vollendet werden, was geschrieben ist durch die Propheten von dem Menschensohn. Denn er wird überantwortet werden den Heiden, und er wird verspottet und misshandelt und angespien werden, und sie werden ihn geißeln und töten; und am dritten Tage wird er auferstehen. Sie aber begriffen nichts davon, und der Sinn der Rede war ihnen verborgen, und sie verstanden nicht, was damit gesagt war."

Zugegeben, für eine Narrenpredigt nicht gerade erste Wahl. Aber dann kommt die Heilung des Blinden bei Jericho. "Es begab sich aber, als er in die Nähe von Jericho kam, dass ein Blinder am Wege saß und bettelte. Als er aber die Menge hörte, die vorbeiging, forschte er, was das wäre. Da berichteten sie ihm, Jesus von Nazareth gehe vorbei. Und er rief: Jesus, du Sohn Davids, erbarme dich meiner! Die aber vornean gingen, fuhren ihn an, er solle schweigen. Er aber schrie noch viel mehr: Du Sohn Davids, erbarme dich meiner! Jesus aber blieb stehen und ließ ihn zu sich führen. Als er aber näher kam, fragte er ihn: Was willst du, dass ich für dich tun soll? Er sprach: Herr, dass ich sehen kann. Und Jesus sprach zu ihm: Sei sehend! Dein Glaube hat dir geholfen. Und sogleich wurde er sehend und folgte ihm nach und pries Gott. Und alles Volk, das es sah, lobte Gott."

Wetten, dass deine gut aufgelegte Gemeinde - kommen die eigentlich kostümiert? - bei so einem Text mindestens mal staunt? Donnerwetter, werden sie denken, der Pastor hat Humor, aber einen von der anderen Art. Ob das wohl gut geht, überlegen sie, und siehste: Da hast du sie am Wickel. Lustig kann jeder. Traurig kann auch jeder. Aber traurig und lustig, mein Lieber, das ist was Besonderes. Das kann nicht jeder. Ich konnte es. Und manche unserer erlösten ehemaligen Trauerwedel können es auch und wissen ein Lied davon zu singen. Du liest also diese wirklich ernsten Worte vor, machst dann eine lange lange Pause, eine für die berühmte Stecknadel, und dann schaust du schelmisch in die Runde. "Und jetzt?" Das wird deine erste Frage sein. "Und jetzt?" Wetten, dass sie dir zuhören!

Ich kann und will dir die Predigt nicht einsagen. Aber vielleicht hast du schon von begnadeten Behinderten gehört, die sich selber Behindertenwitze erzählen und dabei krumm und kringelig lachen. Das finde ich großartig. Kürzlich brachte uns einer ein gutes Beispiel mit, das vermutlich sogar kirchenfein wäre. Sagt der Taube zum Blinden: „Ich kann keine Behindertenwitze mehr hören.“ Sagt der Blinde: „Das sehe ich genauso.“ Du glaubst gar nicht, wie viele Gehörlose sich das Buch mit Gehörlosenwitzen gekauft haben. Lachenkönnen ist mehr als eine Medizin. Lachenkönnen ist ein Geschenk des Himmels. Und Leute wie ich, die sogar die Trübseligen zum Lachen bringen, sind vermutlich eine besondere Spezies von Engeln.
Vielleicht ist das der Clou. Kreuz und Leid ernst nehmen und ernst sein lassen - und darüber hinaus etwas zum Lachen haben. Wer das könnte, oh, wer das könnte! Schmerzen erdulden, Sterben müssen - und darüber hinaus etwas zum Lachen haben. Wer das könnte! Ich weiß, die Bibel ist kein Witzbuch. Aber gibt es eine extremere Pointe auf den Tod als die Auferstehung? Ich weiß keine. Dabei war ich selbst nicht einmal so tapfer, meine letzte schwere Krankheit auszuhalten. Traurig? Ja, traurig. Aber das war nur mein privates Elend. Die andere Seite sollte bleiben, dachte ich mir. Mein Gesicht gehört den anderen. Und wäre ich ein Prediger gewesen wie du, vielleicht hätte ich mir für den Grabstein einen guten Spruch von Paulus gewünscht: "Prüfet alles, das Gute behaltet!" (1 Thess 5, 21). In meinem Fall wäre es mein Witz gewesen. Und wenn ich mich aus dem Grab zu Wort gemeldet hätte - aber so makaber war mein Humor nicht - , hätte ich auf die befremdliche Pointe hingewiesen, dass ausgerechnet einem Coiffeur nach dem letzten Stündlein noch die Haare unkontrolliert weiterwachsen. Das Gute vom Kari behaltet, sagte ich mir und wollte meinen Leuten das Begräbnis charmant servieren. Lies mal meine letztwillige Verfügung:

Alle, die mich auf dem letzten Gang begleiten, sollen nur während der Predigt und der Versenkung der Urne besinnlich sein. Danach ist Gemütlichkeit und Humor an der Reihe. Ich habe bei Frau Jenni in der Grünegg ein Säli reserviert und im Voraus ein Zvieri mit Hamme und natürlich einen rechten Tropfen Roten bezahlt. Da denkt alle an mich zurück, indem ihr bei Frohsinn und Geselligkeit meine Geschichten auffrischt. Zum Abschluss des Mahls, das wünsche ich mir ausdrücklich, singt für mich noch einmal "Wie die Blümlein draussen zittern". Ich werde mein liebstes Lied hören.

Schau, mein Guter, das kann deine bunte Sonntagsgemeinde erbauen, erheitern und trösten. Aber bitte nicht mit meinen Geschichten, sondern mit deinen eigenen. Sag ihnen, wie du vergeblich herumprobiert hast, etwas Heiteres - aber nichts Geschmackloses - zum Kreuzweg zu dichten. Und dass dir auffiel, wie unerwartet Lukas mitten im Text vom Kreuz zur Blindenheilung überleitet, als ob es auf dem Sterbeweg nichts Naheliegenderes gäbe als eine Heilungsgeschichte zu Lebzeiten. Ja, dass dir auffiel, wie schön es doch sei, sehen zu können, all die bunten Farben, auch Perücken und Schminke, rote Nasen und die lustigen Tränen auf Weiß unter den Augen des Clowns. Und dass du dir Jesus fast erheitert vorstellst, wenn er beim Blinden allen Ernstes nachfragt, was er denn wolle, als ob das nicht klar wäre. Ja, dass du dir Jesus nicht nur als Schmerzensmann vorstellen willst, sondern auch schlagfertig und geistreich. Und dass - getrost - unser Mund voll Lachens sei, wie Bach in einer Kantate zu Weihnachten Psalm 126, 2 aufgriff: "Dann wird unser Mund voll Lachens und unsere Zunge voll Rühmens sein. Da wird man sagen unter den Heiden: Der Herr hat Großes an ihnen getan!" Dies alles, so erzählst du deiner staunenden Hörerschaft, sei dir in den Sinn gekommen, und auch wenn du keinen Witz weißt und schon gar nicht auf die Pointe hin gut erzählen kannst, wolltest du ihnen, den Narren und Übermütigen, heute nicht den Spaß verderben. Auch seien dir himmlische Helfer und Helfershelfer mit Reimen und Scherzen beigesprungen, so dass du - es war wie im Traum - ganz gegen deine Gewohnheit lachend aufgewacht seist heute morgen. Ja, das sagst du ihnen, und sie werden dich lieben und am Ende andächtig schunkeln, ja, schunkeln, weil euer Organist, der deiner Predigt mit Vergnügen gelauscht hat, im 6/8-Takt improvisiert. Lass dich überraschen.

Viel Spaß beim Frohlocken. Genug? Mehr als genug.

Dein himmlischer Brieffreund: Dällebach Kari