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Im Post-Archiv finden Sie alle Briefe, die bisher von drüben bei uns ankamen.

Elmo Patrick Sonniers Himmelsbrief
zum 6. Sonntag nach Trinitatis (7. Juli 2013)

Hello, Sister Helen!

Kennen Sie mich noch? Natürlich kennen Sie mich noch. Ich war einer Ihrer schlimmen Schützlinge. Elmo Patrick Sonnier. Geboren am 21. Februar 1950 in Louisiana. Hingerichtet am 5. April 1984. Ich war nicht unschuldig hinter Gittern. Ich wusste, was ich getan hatte. Vergewaltigung. Brutaler Mord. Da gibt es nichts zu beschönigen. Ich war ein Monster, wie man so sagt. Die Todesstrafe zog wenigstens einen Schlussstrich. Aber Sie, Sister Helen, gingen die letzten Wochen mit mir. Eine richtige Schwester. Anders als ich sie mir vorgestellt hatte, die Nonnen. Nichts wusste ich von Ihnen und Ihresgleichen. Und Sie wussten auch noch nichts von mir und meinesgleichen. Sie folgten Ihrem inneren Ruf. Ich hatte geschrieben, ob mir nicht jemand beistehen könnte. An eine Betschwester hatte ich nicht gedacht. Einen Beistand eben, das war es. Vielleicht jemand, der in meinem Fall das Schlimmste noch einmal abwenden könnte. Denn vor dem elektrischen Stuhl hatte ich verdammt Angst. Man hängt sogar an einem verpfuschten Leben. Auch einer wie ich, auch ein Monster fürchtet den Tod. Und Sie, Sister? Hatten Sie keine Angst vor mir? Oder Ekel, Abscheu, Verachtung? Oder kennen Nonnen so was nicht?

Ja, Sister, ich denke, es war für Sie ziemlich krass, einen wie mich kennenzulernen, einen fiesen, arroganten Kotzbrocken. Aber Sie hielten aus. Ich hatte das nie ganz begriffen. Sie waren echt stark, Sister. Als Sie später Ihr Buch über mich schrieben, nein, nicht über mich, über sich und ihre Berufung, über Ihre Besuche bei Todeskandidaten, da lief der ganze Film meiner letzten Wochen noch einmal ab. Wie Sie wissen, bin ich drüben, und zur Ewigkeit passen keine Jahreszahlen. Nach irdischen Kalendern sind es jetzt fast auf den Tag zwanzig Jahre her, dass Ihr Buch erschien: Dead Man Walking. Sie bekamen dafür den renommierten Pulitzer-Preis. Von mir hätten Sie ihn auch bekommen, Sister. Sie hätten meinen Preis bekommen, und dann der Regisseur und die Schauspieler, die unsere Geschichte ins Kino brachten.

Der Titel passt - uhd passt auch nicht. "Dead Man Walking": das war die berüchtigte Formel des Gefängniswächters, wenn es so weit war, wenn es zur Hinrichtung ging. Aber was heißt da "toter Mann". Brutal und zynisch ist diese Sprache, aber ich war ja nichts wert, nur Dreck, Abschaum. also irgendwie zutreffend. "Dead Man". Unsereiner, also die, die zum Tod Verurteilten, war ja längst so gut wie tot. In Deutschland gaben sie dem Filmtitel noch einen Zusatz: "Sein letzter Gang". Das passt - und passt überhaupt nicht. Denn so viel weiß ich jetzt. Es war der vorletzte Gang, nicht der letzte. Und Sie, Sister, Sie wussten das. Ihr Glaube sah weiter.

"Wissen Sie, worauf Sie sich da einlassen? Weshalb wollen Sie das tun, Schwester? Aus krankhafter Faszination? Aus blutendem Herzen des Mitleids?" Eine der vielen Anfragen an Ihr verrücktes Engagement, damals und später immer wieder. Ja, warum? Ich will mich nicht herausreden. In dieser Geschichte waren Sie der Engel und ich der Teufel. Ich weiß, dass Sie mir jetzt widersprechen wollen, aber war es nicht so? Im Film heiße ich Matthew Poncelet. Und ich bin froh, dass der Typ richtig ekelhaft ist. Wissen Sie noch, was ich einmal sagte? Ich machte mir Gedanken über meine Hinrichtung. „Vor mir lag ein Nigger auf der Bahre, ich hoffe, die machen vorher sauber..." Schrecklich, nicht wahr? Und wissen Sie, was Sie später sagten, als sie einer Mitschwester von mir erzählten? „Ich muss verrückt sein", sagten sie, „was soll ich mit dem?" Ja, was sollten Sie mit mir. Heute weiß ich es, und ich weiß auch, dass Gott Sie genau dazu bestimmt hat, einen wie mich zu begleiten auf seinem letzten, also vorletzten Gang. Das sollten Sie.

"I want the last face you see in this world to be the face of love, so you look at me when they do this thing. I'll be the face of love for you," sagten Sie. Das war's. Das letzte Gesicht, in das ich blicken musste - nein: durfte -, sollte das Gesicht der Liebe sein. Sie hatten die Augen Gottes, Sister, niemand sonst hatte diese Augen. Und ich finde, im Film ist das gut getroffen, wenn Susan Sarandon mich anblickt und stumm die Lippen bewegt, dort, wo Zuschauer meine Hinrichtung mitverfolgen konnten, und wenn man die wichtigsten Worte der Welt auf ihren Lippen lesen kann: "I love you." Sie wissen, Sister Helen, dass ich da zum ersten Mal in meinem Leben, also zum einzigen Mal, diese Worte hörte. Im Himmel aber sind sie gang und gäbe, diese Worte. Unglaublich.

Ich kann mir denken, wie es Ihnen an diesem Sonntag im Gottesdienst ergeht, wenn die Lesung kommt. Es ist aus Jesaja 43. Worte, die Sie mir auf dem Gang zum elektrischen Stuhl zuflüsterten:

"Und nun spricht der HERR, der dich geschaffen hat: Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein!
Wenn du durch Wasser gehst, will ich bei dir sein, dass dich die Ströme nicht ersäufen sollen; und wenn du ins Feuer gehst, sollst du nicht brennen, und die Flamme soll dich nicht versengen..."

Das Feuer, die Flamme, die Hinrichtung, die Angst, die verdammte Angst.

"So fürchte dich nun nicht, denn ich bin bei dir."

Dass ein verabscheuungswürdiger Mensch wie ich solche Worte hört, dazu sind Sie auf der Welt, Sister, Sie und andere gute Menschen. Und ich hoffe, dass ich Ihnen wenigstens in den letzten Sekunden meine Reue zeigen konnte. Ihre Mühen hatten sich gelohnt. Ich weiß, dass Sie diesen Beweis nicht brauchen, aber mir war es wichtig. Endlich konnte ich zu meiner Tat stehen und zugeben, dass ich Täter war und nicht nur schwacher Mitläufer und armer Verführter. Und endlich konnte ich sogar die Eltern der Ermordeten um Verzeihung bitten, obwohl mir klar ist, dass das nichts ändert. Oder doch? Oder doch?

Der Film über unsere Begegnungen hat da eine wunderbare Schlusseinstellung. Man sieht durch ein Kirchenfenster den Vater des ermordeten Jungen neben Ihnen, Sister Helen, im Gebet. Ob er je verzeihen konnte? Es gibt kein Recht auf Vergebung. Es gibt kein Recht auf Versöhnung. Aber nie kann Böses durch Böses geheilt werden, und die Todesstrafe, das weiß ich, ist selbst Unrecht. Begreiflich zwar -  Auge um Auge, Zahn um Zahn - aber doch Unrecht. Dass ein für den Rest seiner Jahre so schwer Verletzter wie dieser Vater im Film versucht, Zorn und Hass zu überwinden, ist das nicht eines jener Wunder, dear Sister, auf die Menschen wie Sie ihr Handeln gründen? Und ist es nicht auch eines jener Wunder, dear Sister, das meine Geschichte aus der Hölle in den Himmel hebt?

Sie haben in mir nicht nur den Verbrecher gesehen, sondern den Menschen, ein Kind Gottes. Dafür danke ich Ihnen, erdenwärts.

Ihr mieser Kerl und himmlischer Brieffreund: Elmo Patrick Sonnier