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Im Post-Archiv finden Sie alle Briefe, die bisher von drüben bei uns ankamen.

Franz von Assisi. Ältestes, noch zu seinen Lebzeiten entstandenes Bild.

Franz von Assisi schreibt nach Rom
zum Fünften Sonntag der Fastenzeit 2013

Buon giorno, Francisco!

Gut, dass du da bist. Gut, dass du da bist, wo du nun bist, in Rom. Ach ja, Rom. Dort war ich auch mal. Das ist lange her. Ein schwieriges Pflaster. Viele schöne Kirchen. Aber ziemlich laut. Wir Himmlischen haben es ruhiger. Sagte das nicht dein Lieblingsdichter Hölderlin? So ähnlich. Doch wie ich dich so kenne, Francisco, ist dir Ruhe nicht gar so wichtig, und von Ruhestand wird nun erst recht keine Rede mehr sein. Man nennt dich einen stillen Mann, aber du wirst dir Gehör verschaffen, mitten im Lärm, mitten im Jubel.

Die römische Lautstärke wirst du aus Buenos Aires kennen. Es heißt, Argentinier stellen sich die Milchstraße mindestens so belebt wie die Avenida Corrientes vor. Und nicht einmal im Himmel, erzählt man, herrsche völlige Ruhe, seit einige musizierende Engel mit Hingabe Piazzollas Milonga del Ángel spielen. Wenn du eines schönen Tages bei uns bist, wirst du viel Freude haben. Augen und Ohren wirst du machen. Sie spielen ungern Nationalhymnen, auch nicht Gounods Papsthymne. Aber auch nicht dauernd Choräle. Den Ohrwurm "Laudato si" - alle Jahre für mich als Geburtstagsständchen - musste ich ihnen ausreden. Doch hoffentlich darfst du noch einige gesunde Jahre auf Erden sein...

Amado Francisco, geliebter Bruder, ich wusste es: eines Tages wird ein Papst meinen Namen tragen. Meinen Namen und mein Kreuz. Sie werden dir zujubeln, Francisco, aber nicht alle Tage. Und nicht alle werden jubeln. Du wirst von vielen geliebt werden, von manchen gefürchtet, von manchen belächelt, von manchen gehasst. Ich schreibe dir meinen Glückwunsch und mein herzliches Beileid. Auf den ersten Bilder lächelst du. Du hast einen offenen, freundlichen Blick. Hoffentlich bleibt es dir erhalten, das offene Wesen, das freundliche Gesicht. Es wird nicht einfach sein, so weit oben im Amt.

Wer dem Papst schreibt, Francisco, will was. Meistens ist es so unter den Kindern eurer Welt. Mancher erzählt von bedeutsamen Erlebnissen und Wehwehchen, tut groß mit kleinem Kummer. Wer aber einen Himmelsbrief schreibt, hat anderes im Sinn. Ich interessiere mich für dich. Du wirst reichlich Briefe und Mails bekommen, und da wird getwittert und gezwitschert, was das Zeug hält. Zwitschern wäre was für mich, den Vogelprediger. Aber was soll ich von mir erzählen. Für dich wüsste ich nichts Neues. Himmel ist Himmel. Und von deinem Vorbild kennst du alle Bilder und Legenden, Zitate und Texte, Überlieferungen und Anekdoten.

O Francisco, da hast du am Mittwoch auf dem Petersplatz eine Lawine losgetreten, eine Gebetslawine. Wir kommen kaum nach. Ich zitiere.

"Du unser Gott, schenk unserem neuen Papst und uns Christinnen und Christen Kraft und Mut zur Erneuerung deiner Kirche!"

"Heiliger Geist, Atem Gottes, du kennst meine Atemnot, meine Mühe beim Treppensteigen, das Asthma und die Angst, wenn's wieder pfeift. Behüte und beatme diesen neuen Mann im Vatikan, wo mal wieder tüchtig gelüftet werden muss..."

"Wir Busfahrer sind stolz, so einen netten Fahrgast gehabt zu haben. Wäre toll, wenn er mal wieder mitfährt. Danke jedenfalls."

"Dass Gottes Hand nicht persönlich im Stadion eingreift, ist uns klar. Aber wir vom blau-roten Fan-Club San Lorenzo freuen uns einfach, und das wollen wir unserem prominenten Vereinsmitglied gern sagen. Amen. Halleluja. Olé."

"In uns vom Arbeitskreis Bewahrung der Schöpfung sind neue Hoffnungen erwacht. Bravo."

"Hier im Haus wohnen zwei Homosexuelle, und sie sind leider aus der Kirche ausgetreten. Ich frage sie besser nicht, ob sie sich etwas vom neuen Papst erwarten. Aber ich bete für sie, dass sie Respekt und Liebe erfahren. Denn ob so oder so, lieber Gott: die beiden sind hilfsbereite, angenehme Mitbewohner. Und du hast sie so geschaffen, wie sie sind."

"Ich habe auch bei meiner Mutter Kochen gelernt und kann es heute noch. Dass der neue Papst für sich selber kocht, finde ich großartig. Bestimmt macht er einen guten Locro. Ich wünsche ihm einen gesegneten Appetit. Mein Gebet."

"Donnerwetter, das war wirklich eine handfeste Überraschung. Ich auf meine alten Tage hätte das den Katholen gar nicht zugetraut. Heute werde ich beim ökumenischen Friedensgebet eine Fürbitte sprechen. Und dann lasse ich mich gern weiter überraschen."

"Ich bin der Beda aus Mühlheim. Dass der bisherige Bischof aus Buenos Aires meinen Namenspatron im Wappen zitiert hat, habe ich erst jetzt mitbekommen. Mein Latein ist nicht toll. Miserando atque eligendo. Das musste ich mir übersetzen lassen. Niedrig und doch erwählt. Es bezieht sich auf das Evangelium, die Berufung des Matthäus. Nun weiß ich gar nicht, wie das mit dem Erwähltwerden funktioniert, lieber Gott. Eigentlich dachte ich immer, die sollten beim Papstwählen gründlich beten und dann das Los werfen. Aber vielleicht war es so ähnlich, und keiner darf es ausplaudern. Hauptsache: Gottvertrauen. Bedas Meinung."

"Gott, du weißt, ich bin kein Kirchgänger, auch kein großer Beter. Die Geschäfte, der Regierungsapparat, die Termine. Du weißt schon. Und da sitze ich jetzt zwischen Treppenhaus, Aufzügen und Toiletten unter der Reichstagskuppel im Andachtsraum und denke an den neuen Mann im Vatikan. Er gilt als unbeschriebenes Blatt und hat keine Seilschaften. Vielversprechend. Hoffentlich lassen sie ihn sein, wie er ist. Man weiß ja nie. Aber du. Amen."

"Jesus, segne um Himmels willen seine Schritte auf diesem heiklen Parkett. Deine Freundinnen vom Buenos Aires Tango Club."

"Ich sitze oft im Beichtstuhl und hörte mit Rührung, was Vater Francisco uns Beichtvätern ans Herz gelegt hat: Die Seelen der Gläubigen brauchen eure Barmherzigkeit. Ja."

"Himmelherrgott, ich gehöre zum Dreck und suche am Bahnhof aus den Papierkörben mein tägliches Brot. Auf der Fernsehwand kam was vom neuen Papst. Wenn er wirklich ein Bischof der Armen war, dann kennt er ja mein Leben. Vielleicht hilft es ihm, wenn ich ihm ein Vaterunser spendiere. Eine Currywurst wäre auch nicht schlecht. Prost."

O Francisco, wie bei einer Konfettiparade regnen dir all diese Gebete unsortiert und ungewaschen aufs weiße Mützchen. Ich will dich jedenfalls begleiten. Du denkst an mich. Ich denke an dich. Und da ich dir nichts Neues weiß, schreibe ich dir wie einst dem Bruder Leo, einem meiner besten Freunde.

"Dein Bruder Franziskus wünscht dir Heil und Frieden!
So sage ich dir, mein Sohn, wie eine Mutter, weil ich alle Worte,
die wir auf dem Wege gesprochen haben, kurz in diesem Wort unterbringe
und rate - und wenn es dir nachher nottut, um einen Rat zu mir zu kommen -
so also rate ich dir: Auf welche Weise auch immer es dir besser erscheint,
Gott, dem Herrn, zu gefallen und seinen Fußspuren und seiner Armut zu folgen,
so tu es mit dem Segen Gottes, des Herrn, und mit dem Gehorsam gegen mich.
Und wenn es dir notwendig ist,
um deiner Seele oder deines sonstigen Trostes willen zu mir zu kommen,
und wenn du zu mir kommen willst, Leo, so komm."

¡Buenas noches!