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Gustav Regler

Gustav Reglers Himmelsbrief
zum Dritten Sonntag der Osterzeit, 14. April 2013

Großartig, euer überraschendes Gedenken aus Mexiko. Danke. Ich kann mir gut vorstellen, was ihr auf dem fröhlichen Friedhof erlebt habt. Unterdessen ist Ostern. Und es wird Zeit - es ist immer an der Zeit - Antwort zu geben. Längst seid ihr wieder daheim. Daheim? Ein Thema für sich. Auch eines meiner Themen. Doch nun schön der Reihe nach.

Es ist ein Wort aus der heutigen Lesung, das mich zu euch in Fahrt bringt. Aus der Apostelgeschichte, im 5. Kapitel: "In jenen Tagen verhörte der Hohepriester die Apostel und sagte: Wir haben euch streng verboten, in diesem Namen zu lehren; ihr aber habt Jerusalem mit eurer Lehre erfüllt; ihr wollt das Blut dieses Menschen über uns bringen. Petrus und die Apostel antworteten: Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen. Der Gott unserer Väter hat Jesus auferweckt, den ihr ans Holz gehängt und ermordet habt. Ihn hat Gott als Herrscher und Retter an seine rechte Seite erhoben, um Israel die Umkehr und Vergebung der Sünden zu schenken. Zeugen dieser Ereignisse sind wir und der Heilige Geist, den Gott allen verliehen hat, die ihm gehorchen... Dann verboten sie den Aposteln, im Namen Jesu zu predigen, und ließen sie frei. Sie aber gingen weg vom Hohen Rat und freuten sich, dass sie gewürdigt worden waren, für seinen Namen Schmach zu erleiden."

Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen. Ja. Was für ein Programm! Was für eine Zumutung! Was für ein Mut!

Doch wie viele Wege sind zu gehen, wie viele Kurven und Sackgassen, wie viele Pforten und Schlupflöcher, wie viele Ausblicke und Einsichten, und wie viel Irrtum unterwegs, und wie viel Schuld... Davon wüsste ich ein Lied zu singen, ein Osterlied, aber schön der Reihe nach. Nicht im Gefängnis unserer gelebten und gerichteten Jahre rufe ich euch zu, sondern im wunderbaren, verwunderlichen Kunterbunt der mexikanische Totenfeste. Dort, im verwunschenen, vulkanischen Land hatte ich - wie man so sagt - meine zweite Heimat gefunden. Ich, Gustav Regler, zur Welt gekommen 1898 im saarländischen Merzig, zu vollem Bewusstsein gekommen oftmals an zahlreichen Wendepunkten, zu guter Letzt durch Asche ins ewige Leben verwandelt am 14. Januar 1963 in Neu-Delhi. (Fünfzig Jahre sind nach eurer Zeitrechnung vergangen, und dem Europa ohne Grenzen - eines meiner vielen Herzensthemen - seid ihr näher, und doch nicht nah genug.) Ich aber konnte in meiner Heimat nicht daheim sein. Nur andeuten will ich euch - weil ein Brief nur ein Brief ist - mein Leben. Und beginne eben dort, wo wir uns so eigenartig begegneten, am Abend von Allerseelen, am Día de los Muertos, dem Tag der Toten.

"Tod, wo ist dein Stachel?" So zitierte ich den Apostel Paulus, als ich von Mexiko erzählte, dem Land meiner Zuflucht, meines Exils, als ich erzählte von den unglaublich hoffnungsvollen Bräuchen auf dem Friedhof. Bei eurer großen Reise habt ihr euch mit eigenen Augen davon überzeugt. Und als ihr dieser Tage wie immer über Ostern das Grab der Eltern besucht habt, hättet ihr ihnen am liebsten getanzt und gesungen und sie zum üppigen Picknick eingeladen. Denn so halten es viele Menschen in Mexiko. Nicht alle, aber viele. Mir war das damals durchaus sympathisch, und es kam mir gar nicht verrückt vor. Ein Leben lang war ich ein großer, ein extremer Glaubender. Nie im Sinn der Dogmatiker, wohl aber im Sinn meines Herzens.

Tod, wo ist dein Stachel? Der Stachel war in meinem Leben.

Aufgewachsen und geprägt ziemlich katholisch. Das wirst du bekanntlich nie mehr los. Papa, kritisch-liberal, war Buchhändler (und hätte eigentlich Priester werden sollen). Mama, etwas schwärmerisch, trug uns Kindern gern eigene Gedichte und Geschichten vor. Wie so viele meldete ich mich mit 18 wahnwitzig begeistert zum Krieg. Die erste große und schmerzliche Zerstörung eines Glaubens. Mein Traum wurde zum Alptraum in den Schützengräben der Picardie, nordöstlich von Paris. Ich war einer von den ganz besonders Tapferen. Auch Kriegserinnerungen wirst du nie mehr los. Zum Beispiel die Szene, als mir ein Bote meiner Kompanie neue Patronen brachte. In meinen Lebenserinnerungen habe ich es genau geschildert:

"Er schob mir einen Sack zu, dann flüsterte er: 'Schieß nicht, bis ich hinten bin. Bitte!' Die ungewohnte Höflichkeit erschütterte mich. Soldaten bitten nicht. Ich lehnte mich über den Graben und presste die Hand des Mannes; sie war feucht von Angstschweiß. 'Geh schon', flüsterte ich, 'aber schnell, sie greifen an.' Im selben Augenblick rasten die Maschinengewehre. Der Mann hob sich leicht von der Erde, riss erschrocken die Augen auf und sank stumm in die Erde zurück. Er war nur noch ein Teil von ihr... Der da vor mir verblutete, war gefallen, weil ich mich auszeichnen wollte. Er war einer der Gezwungenen, die gar nichts mit diesem Schießen, Leuchten, Umzingeln und Überfallen zu tun haben wollten; einer, der ein Anrecht auf ein friedliches Leben hatte, und ich hatte es ihm genommen. Oft genug habe ich später in gleicher Weise gesündigt, indem ich denen, die in der Anonymität leben wollten und frei von Ehrgeiz waren, meine Ideale aufzwang. Aber Ehrgeiz ist doch das falsche Wort. Ich war genauso unglücklich in diesem Schlamm-Meer und unter den verängstigten Menschentieren, wie der Bote gewesen war, dem ich den Tod gebracht hatte..."

Leben ist immer auch Schuldigwerden. Zum Leben gehören Widersprüche und schmutzige Hände. Und immer neues Erwachen, und immer neues Händewaschen - aber nicht nach Art des Pilatus. Ich selbst ging im Krieg kaputt und kam - dienstuntauglich - in die Nervenklinik. Aber ich wollte weiterhin und ganz neu und immer stärker glauben. Ich wollte immer glauben. Glauben an konkrete Verheißungen, nicht an das Beigebrachte. "Sich nicht schrecken lassen vom oft Gehörten! Das Einfache noch einmal einfach sagen… Im Murmeln der Gewohnheit zerrieb sich selbst das Vaterunser zu einem Geräusch über gefüllten Suppentellern." Ich wollte Großes glauben und trat wie viele andere begeistert in die Kommunistische Partei ein. Es dauerte lange, bis mir dieser Glauben verleidet wurde: erst als Hitler und Stalin paktierten. Dann nennt man uns Renegaten, Abtrünnige, Verräter. Auch das gehörte zu meinem Leben und wollte getragen sein.

Meine Heimat verlor ich Hals über Kopf nach der Saarabstimmung. Vermutlich habt ihr davon in der Schule gehört. Hoffentlich. Ein Stück Europa. Ich bin - aktiv - auf der Verliererseite. "Nix wie hemm!". Die Parole von Goebbels. Januar 1935. 89 Prozent wollen "hemm". Ich stehe auf der Ausbürgerungsliste des Deutschen Reiches als Staatsfeind Nr.19 und fliehe nach Frankreich. Ein Brief ist nur ein Brief. Weitere Stationen im Überflug. Ich kämpfte im Spanischen Bürgerkrieg gegen die Faschisten unter General Franco auf Seiten der Internationalen Brigaden. 1937 bei Huesca schwer verwundet. Nach dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht in Polen am
1. September 1939 erklärt Frankreich Deutschland den Krieg. Wir deutschen Emigranten wurden interniert. Ich kam ins gefürchteten Camp du Vernet in den Pyrenäen. Hemingway und andere halfen mir heraus. 1940 emigrierte ich mit meiner Frau, der geliebten Mieke, über die USA nach Mexiko. Es dauerte noch lange, bis ich offiziell aus der KP austrat. Denn dadurch verlor ich viele vermeintlich gute Freunde. Und fortan lebte ich wie alle Abtrünnigen in Angst vor Stalins Häschern. Mieke starb 1945 an Krebs. Im selben Jahr kam die Todesnachricht, dass mein Sohn aus erster Ehe, Dieter, als Rekrut an Diptherie gestorben war. Man glaubt gar nicht, wie viel Leid in ein einziges Leben hineinpasst. Versteht ihr, weshalb mir das bunte Wiedersehensfest mit den Toten lieb war?

"Am Anfang war die Angst und die Angst war bei mir und ich war in ihr." Mit dieser Variation der Bibel beginne ich meine Lebenserinnerungen und gebe dem Buch den Titel "Das Ohr des Malchus". In dieser Autobiographie wollte ich "nichts anderes als beweisen, dass ich, der ich sowohl im Ersten Weltkrieg als Soldat und als Revolutionär in Berlin und München, als Spanienkämpfer und, in einer kurzen Epoche, mit einer Sympathie für Sowjetrussland geglaubt habe, dass man mit Gewalt die Welt ändern kann am - ich will nicht sagen, am Ende meines Lebens - aber, sagen wir, auf der Höhe meines Lebens das Wort gehört habe, dass von Jesus dem Apostel Petrus gesagt worden ist - nämlich: Wer das Schwert nimmt, der soll durchs Schwert umkommen."

Nun ahnt ihr, wer ich war. Und ihr versteht vielleicht, weshalb ich im bunten Mexiko noch einmal aufblühte. Dass ich eines schönen Tages ausgerechnet auf einer Indienreise – im Land eines Gandhi - unerwartet starb, passt ganz gut. Denn inzwischen war aus dem kleinen, leicht korpulenten Saarländer durch alle Katastrophen und Wandlungen hindurch ein Friedensbote und Weltbürger geworden. Weltbürger? Unsere Heimat ist im Himmel.

Von ebendort mit Herzensgrüßen: Gustav