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Im Post-Archiv finden Sie alle Briefe, die bisher von drüben bei uns ankamen.

Harriet Tubman auf einer Briefmarke der USA

Harriet Tubmans Himmelsbrief zum 4. Fastensonntag Laetare
(10. März 2013)

Enttäuscht? Und wenn nicht enttäuscht, so doch überrascht. Du dachtest, eine gewisse Ilse Watt würde dir zum Sonntag Laetare schreiben, und nun: ich. Ganz anders. Von deiner Ilse später noch ein Gruß. Heute aber ist mein Tag, mein 100. Sterbetag. Ein guter Grund, den Brief zu übernehmen.

Zum Auftakt der Lesungstext (2. Kor 5,17-21):

Wenn jemand in Christus ist,
dann ist er eine neue Schöpfung:
Das Alte ist vergangen, Neues ist geworden.
Aber das alles kommt von Gott,
der uns durch Christus mit sich versöhnt
und uns den Dienst der Versöhnung aufgetragen hat.

Ja, Gott war es, der in Christus die Welt mit sich versöhnt hat,
indem er den Menschen ihre Verfehlungen nicht anrechnete
und uns das Wort von der Versöhnung anvertraute.

Wir sind also Gesandte an Christi Statt,
und Gott ist es, der durch uns mahnt.
Wir bitten an Christi Statt:
Lasst euch mit Gott versöhnen!
Er hat den, der keine Sünde kannte, für uns zur Sünde gemacht,
damit wir in ihm Gerechtigkeit Gottes würden.

Wenn es auch eitel wirkt, verstehe ich mein Leben alles in allem als meine Sendung an Christi Statt. Zunächst einige Zeilen zu mir. So bekannt ich in Amerika bin, so unbekannt bin ich vermutlich bei euch. Meine Geschichte beginnt am 17. September 1849. Da bin ich siebenundzwanzig Jahre alt und Sklavin eines Großgrundbesitzers und Holzhändlers in Maryland. Eigentlich heiße ich Araminta, Araminta Ross. Aber man ruft mich mit dem Vornamen meiner Mutter: Harriet. Seit meiner Kindheit: Peitschenhiebe und Prügel, harte Arbeit auf dem Feld und beim Holzfällen im Wald. Wenigstens bin ich mit meiner Familie zusammen. Doch damit soll es ein Ende haben. Man verkauft mich an eine Baumwollplantage im Süden. Ich weiß: das wäre mein Tod, schlimmer sogar. Trotz meiner Angst vor den Spürhunden der Sklavenjäger wage ich die Flucht.

Und siehe: da sind Engel an meinem Weg, die Fluchthelfer der "Underground Railroad". Sie geben mir zu essen und begleiten mich ein Stück Weg Richtung Norden. Dort gibt es keine Leibeigenschaft, aber ganz in Sicherheit bin ich noch nicht. Immerhin kann ich aufatmen. Fürs erste gerettet! Ich finde Arbeit in Philadelphia. Du kannst dir kaum vorstellen, wie dankbar ich den Leuten der Untergrundbewegung bin. Aus meinem Dank wird mein Weg. Meine Befreiung wird meine Berufung. Ich werde selbst Agentin bei "Underground Railroad". Man nennt mich später Mose. Innerhalb von zehn Jahren führe ich 300 Menschen - darunter meine Eltern und Geschwister - in die Freiheit. (Der biblische Mose hat mich übrigens zum Schreiben ermuntert. Sein eigener Himmelsbrief ist – eurer Zeit nach – gerade mal eine Woche alt.)

Mein Weg. Meine Sendung. Erst später wird uns vieles klar. Alles hat Bedeutung. Nichts ist umsonst. Da gab es zum Beispiel schon während meiner Kindheit ein zentrales Erlebnis. Einer von uns Sklaven ist abgehauen. Ich muss bei der Suche helfen. Kaum hat man ihn gefunden, wird er ausgepeitscht. Ich soll ihn dabei festhalten. Ich weigere mich. Wieder rennt der Sklave davon. Ich will ihn abhalten, warnen, laufe ihm hinterher. Da: der Aufseher wirft auf uns ein schweres Stück Eisen. Ich werde getroffen, falle nieder,  liege tagelang im Koma. Später finden Ärzte heraus, dass ich an einer Krankheit leide, der Narkolepsie. Ich kann ganz plötzlich in tiefe Ohnmacht fallen. Aber auch das Gegenteil ist wahr: Ein Mensch wie ich ist ganz plötzlich zu großer Macht fähig. Hat nicht jede Schwäche ihre starke Seite?

Mein Leben ist eine Heiligengeschichte, und in der Episkopalkirche der USA werde ich auch so verehrt. Du kannst über mich nachlesen. Wichtiger aber: du kannst deiner eigenen Berufung nachspüren. Bist nicht auch du - gesandt an Christi Statt? Bist auch du - neue Schöpfung? Und wo siehst du deinen Ort, um zur Gerechtigkeit Gottes zu werden?

Schau, wir kennen uns nicht näher. Deinen besonderen Wunsch, ein gutes Wort von einer gewissen Ilse Watt zu hören, wollte ich auf meine Art erfüllen. Dieses Kind, so eigenartig bezeichnet als Hexenkind, dieses unbescholtene und gescholtene kleine Leben - und diese so tief empfundene Dankbarkeit hat dich angerührt und aufgewühlt. Mich auch. Mich auch. Du kennst von ihr eigentlich nur diese gereimte Geschichte, ausgedacht im Geist des Evangeliums. Wie wäre es gewesen, für Ilse ein Mose zu sein, gesandt an Christi Statt?

Ach, all diese Geschichten von Schwachen, diese Leidensgeschichten unterwegs zum Ostermorgen: sie sind es, die uns angehen. Angehen und stärken. Stärken. Denn Ilses gutes Wort heißt: Danke.

Das junge Ding hieß Ilse Watt.
sie ward im Waisenhaus erzogen.
dort galt sie als verstockt, verlogen,
weil sie kein Wort gesprochen hat,
und weil man es ihr sehr verdachte,
dass sie schon früh, wenn sie erwachte,
ganz leise vor sich hin lachte.

Man nannte sie, weil ihr Betragen
so seltsam war, das Hexenkind.
Allüberall ward sie gescholten.
doch wagt' es niemand, sie zu schlagen,
denn sie war von Geburt her blind.
Die Ilse hat für frech gegolten,
weil sie, wenn man zu Bett sie brachte,
noch leise vor sich hin lachte.

In ihrem Bettchen blass und matt
lag sterbend eines Tags die kranke
und stille, blinde Ilse Watt,
lächelte wie aus andern Welten
und sprach zu einer Angestellten,
die ihr das Haar gestreichelt hat,
ganz laut und glücklich noch: "Ich danke."

Und ich? Ich danke für deinen Erdenbrief.
Deine himmlische Brieffreundin Araminta, Harriet gerufen.

PS Im Namen von Ilse Watt grüßt ihr Dichter Joachim Ringelnatz