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Im Post-Archiv finden Sie alle Briefe, die bisher von drüben bei uns ankamen.

Isa Vermehrens Himmelsbrief zum 15. Sonntag (14. Juli 2013)

Hilfe, meine Freundin wird katholisch. Dabei war sie immer so nett und lustig. Aber eines Tages, weiß der Kuckuck warum, fing es an. Anni wurde seltsam. Umgetauft - sagt man so? - ist sie noch nicht. Seit kurzem pilgert sie morgens zuerst einmal in die Frühmesse, die Mühfresse, wie wir Kinder sagten. Kaum ist sie daheim, macht sie sich einen Lindenblütentee und knabbert ein Scheibchen Brot, dabei ist sie sowieso dürr wie eine Bohnenstange. Dann schaltet sie Radio Vatikan ein, die lateinische Messe. Tagsüber kommen andere Sender, aber immer dieselbe Richtung. Polnisch, italienisch, spanisch, egal. Wenn sie eine Melodie erkennt, plärrt sie mit. Sie war leider nie eine gute Sängerin. Am Abend hört sie sich den lateinischen Rosenkranz an. Ihr könnt euch nicht vorstellen, wieviele Kerzen sie dazu anzündet. Und massenweise Weihrauchkörnchen legt sie auf. Ich kann mir nicht vorstellen, wie man in diesem Dunst einschlafen kann. Aber sie kann.

Und das Schlimmste: sie guckt inzwischen ausgesprochen unfreundlich aus der Wäsche. Du lieber Himmel, ich will einfach nicht annehmen müssen, dass das in eurem Sinn ist, oder?

Nein, ist es nicht. Ich übernehme den Himmelsbrief, meine Liebe, und kenne mich mit Bekehrungen aus. Aber zuerst schauen wir mal nach, was deine komische Freundin heute früh in der Kirche mitgebetet hat, wenn sie denn mit wachem Verstand dabei war. Schon das Tagesgebet weist einen guten Weg, aber wer weiß, wie sie es interpretiert. Ich jedenfalls will mit diesen nachdenkenswerten Sätzen meinen Brief eröffnen:

Gott, du bist unser Ziel,
du zeigst den Irrenden das Licht der Wahrheit
und führst sie auf den rechten Weg.
Gib allen, die sich Christen nennen, die Kraft,
zu meiden, was diesem Namen widerspricht
und zu tun, was unserem Glauben entspricht.

Vielleicht, womöglich, hoffentlich sickert das langsam aber sicher deiner Anni in Herz und Hirn. Kommt Zeit, kommt Geist.

Wie gesagt, kenne ich mich mit Bekehrungen aus. Ich heiße Isa Vermehren und war Kabarettistin, Filmschauspielerin und Ordensfrau. Interessante Mischung, nicht wahr? Morgen ist mein Sterbetag: 15. Juli 2009. Da war ich 91 Jahre alt. Ich will dir von mir erzählen, aber um es gleich zu sagen: Der Wechsel vom Protestantismus zur katholischen Kirche ist nicht der springende Punkt. In den meisten Fällen ist es gescheiter, du bleibst einfach auf der Spur. Deine Konfession ist zwar keine Nebensache, aber da wechselt man nicht so mir nichts dir nichts. Und was das Thema Bekehrung angeht: Besseres kommt selten nach. Ich schreibe dir das so deutlich, weil du sonst meine Geschichte gründlich missverstehen könntest. Und wie ich mir Anni aus deiner Beschreibung vorstelle, wird sie noch manches Extrem ausprobieren, bis sie Mensch wird. Denn das ist vermutlich ihr eigentliches Ziel: Mensch werden. Bei manchen Gotteskindern geht es dabei eben etwas befremdlich zu.

Nun zu mir. Ich stamme aus Lübeck, 1918 geboren, Vater Rechtsanwalt, Mutter Journalistin. Liberale Familie. Zwei Brüder. 1933 fliege ich von der Schule, weil ich die Hakenkreuzfahne nicht grüße. Mit unserer Mutter ziehe ich nach Berlin und lande treffsicher zusammen mit Ursula Herking beim Ensemble der berüchtigten "Katakombe" des Kabarettisten Werner Finck. Zu meiner Ziehharmonika namens „Agathe“ singe ich Seemannslieder und Liebesballaden mit kleinen Sticheleien gegen das Regime. Unvergesslich ist mir Werners Spruch "Ich stehe hinter jeder Regierung, bei der ich nicht sitzen muss, wenn ich nicht hinter ihr stehe." Na ja, das geht nicht lange gut. 1935 wird die Katakombe geschlossen. Klarer Fall: Werner sitzt.

Erinnert der Name "Katakombe" nicht trefflich an die Gräber der ersten Christen im römischen Untergrund? Waren jene Katakomben nicht ihr heimlicher Fluchtort und Versammlungsplatz im Widerstand? Begleiten wir noch einmal deine Anni bei ihrem eifrigen Kirchgang. Da wird aus Psalm 69 gelesen. Mich interessieren speziell einige Verse, die heute früh nicht zum Vortrag kommen, und ich sage dir gleich warum.

Der klägliche und beklagenswerte biblische Sänger pfeift zwar fast aus dem letzten Loch, aber er hat auch eine Mordswut auf die Verfolger: "Ihr Tisch müsse vor ihnen zum Strick werden, zur Vergeltung und zu einer Falle! Ihre Augen müssen finster werden, dass sie nicht sehen; und ihre Lenden lass immer wanken! Geuß deine Ungnade auf sie, und dein grimmiger Zorn ergreife sie! Ihre Wohnung müsse wüste werden, und sei niemand, der in ihren Hütten wohne... Tilge sie aus dem Buch der Lebendigen, dass sie mit den Gerechten nicht angeschrieben werden." Ohne Psalmen war die Nazizeit schwer zu überstehen. Ja, auch die Fluchpsalmen lob ich mir. (Mein Freund Otto drückt sich auf seine deftige Art so aus: "Die soll der Blitz beim Scheißen treffen!" Otto weiß viele Wörter.)

Unterdessen, 1938, konvertiere ich zur katholischen Kirche. Wenn du nämlich aufrechten, engagierten und glaubwürdigen Menschen begegnest, kann es sein, dass du ihnen auf ihrem Weg ganz konkret folgen willst. “Ich hatte das Glück, in Berlin in eine Gruppe überzeugter Katholiken zu geraten." Wie gesagt, ich werbe nicht für eine bestimmte Konfession. Es gab Feiglinge und Leisetreter und Mitläufer in beiden großen Kirchen. Und Menschen wie Alfred Delp und Dietrich Bonhoeffer. Meine neuen Freunde sind jedenfalls Christen, die diesen Namen verdienen. Und sie können "Auskunft geben über ihren Glauben, was und wie sie glauben, und wie der Glaube sich bewährt in der Bedrängnis. So eröffnete sich mir eine völlig neue Welt, zu der ich bislang noch keinen Zugang gehabt hatte."

1939 zettelt Hitler den 2. Weltkrieg an. Ich komme als Truppenbetreuerin an die Front und soll bzw. darf Soldaten mit meinen Songs aufheitern. Als mein Bruder Erich - er war Diplomat in Istanbul - 1944 zu den Engländern überläuft, kommt unsere Familie in Sippenhaft. Ich durchwandere diverse Konzentrationslager. Ravensbrück, Buchenwald, Dachau. Als Mitglied eines Geiseltransports werde ich nach Südtirol verschleppt und dort am 4. Mai 1945 befreit. Diese Jahre waren meine "Schule des Glaubens". Nach der Befreiung gehe ich in den Orden der Sacré-Coeur-Schwestern, die sich der Bildung und Erziehung von Mädchen und Frauen widmen. Ich studiere Theologie, Deutsch, Englisch, Geschichte und Philosophie und arbeite als Lehrerin in ordenseigenen Gymnasien. „Ich weiß zwar, dass sich die Kinder in meinem Unterricht nie gelangweilt haben, aber ob sie etwas gelernt haben, das bleibt für mich ein großes Fragezeichen“. So sage ich später, aber natürlich haben sie etwas gelernt, das Wichtigste: die Verbindung von Geist und Glauben, Witz und Frömmigkeit. Nach meiner Pensionierung 1983 gehe ich zurück ins Kloster und bin noch jahrelang im Fernsehen mit dem „Wort zum Sonntag“ zu sehen und zuhören, „wie ein altes Zirkuspferd in der Manege“.

Apropos Manege: Im Himmel sorgt eine wie ich für manchen bunten Abend, wenn ich das mal so sagen darf. Gott erlöst uns brutto, nicht netto, und die dir da schreibt, ist und bleibt auf ewig die muntere Isa mit Choralgesang und Ziehharmonika. Bekehrungen ändern viel, aber nichts geht verloren. Wenn deine Freundin Anni also zur Zeit komisch ist - und ich ahne, wie sie euch nervt - , dann lass ihr Zeit. Du sagst, sie war früher immer so nett und lustig. Du wirst sehen, das kommt wieder. Hoffen wir's mal.

Ich grüße dich und komme noch ein letztes Mal auf Annis Kirchgang zu sprechen. Sie hört heute aus Deuteronomium 30: "Das Wort ist ganz nah bei dir, es ist in deinem Mund und in deinem Herzen, du kannst es halten." Nimm's als Motto für einen sonnigen Sonntag!

Deine himmlische Brieffreundin Isa