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Josef Meinrad

Josef Meinrads Osterbrief zum Sonntag Jubilate (21. April 2013)

"Und dann im Himmel, Schwester, wie mag es sein im Himmel?
Wissen Sie: Ich freu mich schon.
Gute Nacht."

Das, Schwester Olga, waren also seine letzten Worte. Jedenfalls die letzten für mich, sagen Sie und sitzen etwas verloren in der Krankenhauskapelle. Schweigend, gedankenvoll. Fast ergriffen. Was für ein Mensch, dieser alte Scherzkeks und Tunichtgut. Ob er einsam war? Geklagt hat er nicht. Aber es kam auch kein Besuch mehr.

Humor hatte er, ja, weiß Gott: ein echter Segen. War er fromm? Möglich, aber nicht nach Art der Kirchen. Auch am Besuch vom Klinikpfarramt war er nicht interessiert. "Lassen Sie mal, Schwester, ich weiß nicht, ob ich das jetzt noch vertrage..." Stattdessen las er Personal und Mitpatienten gern was vor aus den K-Gedichten, den Krebsgedichten, des todkranken Robert Gernhardt. Das sei total komisch. Die einen schmunzelten. Andere lächelten gequält, oder sagen wir mal, peinlich berührt. Manche, so wie ich, wussten gar nicht, wie sie gucken sollten. Bei uns Diakonissen ist es mit dem Humor so eine Sache. Nehmen wir nur mal diese Reime über Vorsorgeuntersuchungen:

Zwick! entnimmt er mittels Zange
Eine Probe, und nicht lange
drauf vermeldet das Labor:
Stimmt, hier liegt ein Tumor vor.
Zack! Der Krebs hat sich geoutet,
weshalb unser Fazit lautet:
Besser ist’s, den Darm zu spiegeln,
als das Leben zu besiegeln.
Klüger ist’s, den Krebs zu schneiden,
als das Sterben zu erleiden.
Schöner ist’s, zu therapieren,
als Gesundheit zu verlieren.
Haarig ist die Therapie,
aber immer,
kürzer lebt man ohne sie.
Das ist schlimmer.

Und heute früh ist er nun tot. Nicht wieder aufgewacht, wie man so sagt. Jedenfalls nicht in unserer Welt. Erlöst? Daheim?

Auch Ihr Glaube stottert manchmal? Sympathisch, sympathisch. Da sitzen Sie, gute Schwester, und alles geht Ihnen noch einmal durch Kopf und Herz. Und Sie wären froh, wenigstens mit einer kleinen Portion Witz und Humor gesegnet zu sein, einer Schwesternportion. Aber Sie können sich sowieso keine Witze merken, und wenn Ihnen ausnahmsweise einer einfällt, können Sie ihn nicht gut erzählen. Dabei wäre das doch ganz besonders österlich, sagen Sie sich und sind ein wenig beschämt. Es müssen ja nicht die makabren Witze sein, wie sie der Stationsarzt bevorzugt. Herzhaft lachen, ja, das geht manchmal, und vor allem lächeln. Für die anderen? Ja, für die anderen. Ist das gelogen? Nein. Es ist menschenfreundlich und hilft. Mein Gesicht gehört den anderen. Aber eine besonders gute Schauspielerin bin ich nicht.

Sehen Sie, Schwester Olga, und deshalb darf ich zur Feier meines hundersten Geburtstags Ihnen zulächeln. Zulächeln - und zufächeln einen Hauch heiler Welt ins Heillose der Unheilbaren. Ich war kein Komiker, aber Schauspieler. Und beliebt, Jessas, war ich beliebt. Und mein Abgang, ja servus, war das eine schöne Leich'. Ich weiß nicht, ob Sie das einmal miterlebt haben. Waren Sie überhaupt schon mal in Wien? Verblichene Ehrenmitglieder der Burg (so nennen wir das Burgtheater) drehen unter Anwesenheit heimischer Politprominenz eine letzte Runde ums Theater. Rührend und eindrucksvoll. Bei mir war es 1996 so weit. Ach, ich vergaß, mich vorzustellen: Josef Meinrad. Volksschauspieler, Kammerschauspieler, Katholik, Ehemann. Vorzeige-Österreicher.
Vielleicht haben Sie mich mal im Kino gesehen - oder im Fernsehen? Vielleicht in "Erzherzog Johanns große Liebe" oder in den drei "Sissifilmen" (ich war Oberst Böckel, der Adjutant der Kaiserin Romy Schneider). Oder in der herzerwärmenden "Trapp-Familie"?  Oder als Kardinal Innitzer? Oder als Valentin im "Verschwender"? Oder als Pater Brown in der Fernsehserie? Mamas Traum erfüllte ich auf meine Art. Mehr Priester ging kaum. Und ganz allerliebst als Petrosilius Zwackelmann im "Räuber Hotzenplotz"... Aber lassen wir das. Ich war eigentlich nicht so für komische Rollen. Ich war einfach nett, ganz lieb. Das verbindet uns, Schwester Olga. Und noch was. Ich trank nicht und rauchte nicht. Ich war und blieb der „Gute Gesell“ seit den Salzburger Festspielen 1947. Ist das schlimm?

Sie sagen, dass Sie keine gute Schauspielerin seien, und das müssen Sie auch nicht sein. Aber Ihr Spruch imponiert mir, der mit dem Gesicht, das den anderen gehört. Eine charmante Einstellung. Und für Ihre Patienten garantiert netter als so ein resoluter Drachen. Ich weiß, wer einen alles auf der Krebsstation bedient. Ein bisserl heile Welt, ein bisserl Trost, ein bisserl Freundlichkeit hat noch nie geschadet. Meine Meinung.

Übrigens: der gute Robert Gernhardt (1937-2006) unterhält uns bestens. Ich soll Ihnen von ihm noch ein Zuckerl reichen, auch eines seiner K-Gedichte. Vorher aber lese ich Ihnen aber noch was aus der Bibel. Ohne Schmäh. Eine feine Aussicht für die letzte Frage Ihres heiteren Sterbenden. Wie soll es anders sein, ein Abschnitt aus der Offenbarung des Johannes, im 7.Kapitel, die Verse 9-17:

Ich, Johannes, sah:
eine große Schar aus allen Nationen und Stämmen, Völkern und Sprachen;
niemand konnte sie zählen.
Sie standen in weißen Gewändern vor dem Thron und vor dem Lamm
und trugen Palmzweige in den Händen.
Sie riefen mit lauter Stimme:
Die Rettung kommt von unserem Gott,
der auf dem Thron sitzt,
und von dem Lamm.
Und alle Engel standen rings um den Thron,
um die Ältesten und die vier Lebewesen.
Sie warfen sich vor dem Thron nieder,
beteten Gott an und sprachen:
Amen, Lob und Herrlichkeit, Weisheit und Dank,
Ehre und Macht und Stärke
unserem Gott in alle Ewigkeit. Amen.
Da fragte mich einer der Ältesten:
Wer sind diese, die weiße Gewänder tragen,
und woher sind sie gekommen?
Ich erwiderte ihm:
Mein Herr, das musst du wissen.
Und er sagte zu mir:
Es sind die, die aus der großen Bedrängnis kommen;
sie haben ihre Gewänder gewaschen
und im Blut des Lammes weiß gemacht.
Deshalb stehen sie vor dem Thron Gottes
und dienen ihm bei Tag und Nacht in seinem Tempel;
und der, der auf dem Thron sitzt,
wird sein Zelt über ihnen aufschlagen.
Sie werden keinen Hunger und keinen Durst mehr leiden,
und weder Sonnenglut
noch irgendeine sengende Hitze wird auf ihnen lasten.
Denn das Lamm in der Mitte vor dem Thron wird sie weiden
und zu den Quellen führen,
aus denen das Wasser des Lebens strömt,
und Gott wird alle Tränen von ihren Augen abwischen.

Schau mal einer an, der Himmel: Heile, heile, geheilte Welt mit Tränentrocknen und weißen Flügelhemden. Und dann und wann kommt einer, der Witze weiß und uns herzhaft lachen lässt.

Ihr himmlischer Brieffreund und gschamster Diener: Pepi

PS
Aus Roberts Reimen

Ach, noch in der letzten Stunde
Werde ich verbindlich sein.
Klopft der Tod an meine Türe,
rufe ich geschwind: Herein!
Woran soll es gehn? Ans Sterben?
Hab ich zwar noch nicht gemacht,
doch wir werd’n das Kind schon schaukeln —
na, das wäre ja gelacht!

(...)

Ja, die Uhr ist abgelaufen.
Wollen Sie die jetzt zurück?
Gibts die irgendwo zu kaufen?
Ein so ausgefall’nes Stück
Findet man nicht alle Tage,
womit ich nur sagen will
— ach, Ich soll hier nichts mehr sagen?
Geht in Ordnung! Bin schon