Zur gott.net Wochenausgabe
zur gott.net Übersicht

»Post-Archiv

Im Post-Archiv finden Sie alle Briefe, die bisher von drüben bei uns ankamen.

Loriots Himmelsbrief zum 33. Sonntag (17. November 2013)

Mo-ment, Mo-ment, gleich kommt's. Mein erster Himmelsbrief.

Meine sehr geehrten Damen und Herren, Sie begingen gerade erst meinen 90. Geburtstag. Und wie ich Ihren Grüßen entnehme, neigen Sie - vor allem im Novembergrau – sehr zur Schwermut und hätten gern von mir was Komisches? Bitte. Danke. Bitte. Meinen Sie Novembergrau? Oder mehr Grüngrau, ins Bräunliche, also eine Art Braungrau, mit Grün, ein Braungrüngrau? Oder darf auch etwas Rot anklingen? Also ein grünlich-blaues Novemberrotbraungrau! Aber wie kann uns das schwermütig machen? Na na na. Andrerseits haben laut Horoskop der Woche im November Steinbock, Fische, Zwilling, Stier, Jungfrau, Wassermann, Löwe, Krebs, Schütze, Widder, Skorpion und Waage nichts zu lachen; das gleiche gilt für Igel, Bäcker und Nähmaschinen. Das sollte zu denken geben.

Farblich sind wir hier gut sortiert. Aber nennen Sie uns bitte nie Himmelskomiker. Sagen wir mal: Lieblingsfreunde vom lieben Gott. Sie kennen die Psalmen? Der in dem Himmel thront, er lacht! Auch hier wird eben lieber gelacht als geweint. Ab und an macht unten ein Pastor schelmisch darauf aufmerksam, dass Humor und Religion keine Gegensätze sind. Ach was.

Jedenfalls, meine Damen und Herren, ist uns Jenseitigen Ihr heiterer Optimismus bezüglich des Weltuntergangs immer wieder Anlass zum Frohlocken. Sie vertreten entgegen jeder Vernunft die Ansicht, die Erde werde Sie aushalten. Weit gefehlt. Sie sagen: Die Welt geht sowieso bald baden. Das ist durchaus richtig, wenn Sie Ihr Treibhaus weiter überheizen. Lassen Sie es mich mal ganz einfach so erklären. Sie kennen doch Herrn Müller-Lüdenscheid. Man muss den Stöpsel ziehen. Am Ende sitzen Sie ohne Wasser in der Wanne. Dann ist es auch nicht mehr so warm. Aber das täuscht. Nehmen wir ein anderes Beispiel. Am Beginn der Weihnachtsferien ist die Autoschlange zum Brenner 150 Kilometer lang. Deshalb bin ich nie mit dem Auto verreist. Auch nicht ins Büro. Was will ich damit sagen?

Mein Himmelsbrief reagiert, wie Sie unschwer erkennen, auf eine kleine Auswahl Ihrer gesammelten Probleme und, wenn ich es so sagen darf, auch auf einen durchaus ernsten Text, der an diesem Sonntag in manchem Gotteshaus vorgespielt, nein, Moment, vorgelesen wird. Durchaus furchteinflößend, eigentlich, aber Ihr sonniges Naturell wird es wieder mal nicht so eng sehen wollen, keinesfalls wörtlich nehmen. Hier - Spaß beiseite - der besagte Text aus dem Buch Maleachi, im 3. Kapitel die Verse 19-20.

Seht, der Tag kommt, er brennt wie ein Ofen:
Da werden alle Überheblichen und Frevler zu Spreu,
und der Tag, der kommt, wird sie verbrennen, spricht der Herr der Heere.
Weder Wurzel noch Zweig wird ihnen bleiben.
Für euch aber, die ihr meinen Namen fürchtet,
wird die Sonne der Gerechtigkeit aufgehen,
und ihre Flügel bringen Heilung.
Ihr werdet hinausgehen und Freudensprünge machen,
wie Kälber, die aus dem Stall kommen.

Ich frage mich bzw. ich frage Sie, meine Damen und Herren, wie Sie auf die Idee kommen, sich nicht zu den Überheblichen und Frevlern zu zählen. Oder sind Sie jetzt schon auf dem Freudensprung? Ernst beiseite. Ich darf Ihnen versichern, dass Sie auf einem fatalen, aber vielversprechenden Weg sind. Man nimmt ja gern etwas Diesseits mit ins Jenseits. Bei mir führt dies seit dem Umzug in die himmlischen Wohnungen zu einer unerwarteten Vollbeschäftigung. Sie müssen sich vorstellen, dass ich oft und gern ums erhellende Wort gebeten werde. Auf dass das Drüben nicht mit dem Trüben verwechselt wird. Erlauben Sie mir einige kleine Beispiele.

Schon meinen Begrüßungsdialog bei der Ankunft muss ich Sankt Peter seither immer und immer wieder wiederholen: "Ich heiße Vicco von Lottemann, ich bin 500 000 Jahre alt und Rentner. In 66 Jahren fahre ich nach Island, und im Herbst eröffnet der Papst mit meiner Tochter eine Herren-Boutique in Wuppertal.“ Vor allem das mit dem Papst erheitert den alten Peter. Aus persönlichen Gründen.

Engel erkennt man bekanntlich an den zu kurzen Flügelhemden. Den Molligen sage ich: "Das Beinkleid trägt man jetzt gern etwas legerer im Schritt. Bei vernünftiger Diät können vierzig Millionen Engel pro Jahr je zwei Kilo abnehmen, das sind pro Jahr vier Millionen Tonnen und entspricht dem Gewicht von neunundachtzig Millionen Mantelpavianen." Aha, sagen sie.

Gern bittet man mich als alten Musikfreund zur wöchentlichen Hallelujaprobe der Seraphim (Sopran) und Cherubim (Alt). Unter ihnen jodelt übrigens meine alte Freundin Hoppenstedt. Sie hört nicht mehr gut, sieht nicht mehr gut und hat Probleme mit dem Text: Hollera da didel... Nein, Halleluja ! Holleri di dudel du... Nein, Luja, sag i! Hollerö dö dudel dö. Falsch. Du dödel di! "Dö dudel dö" ist zweites Futura am Ostersonntag! (Wie Sie bemerken, zitiere ich bairisch-feinsinnig den Münchner im Himmel).

Eine besonders sensible Übereinkunft gab es unlängst am 17. September. "Wissen Sie, Hildegard, dass wir uns jetzt fast ein Jahr kennen... Hildegard! Sehen Sie mich an. Ich wollte schon so lange zu Ihnen sprechen, ich habe nur auf den richtigen Augenblick gewartet. Jetzt ist er da! Sagen Sie jetzt nichts, Hildegard!" Wie Sie wissen, sind Heilige manchmal etwas reserviert. Nun stelle man sich den betretenen Blick meiner Angebeteten vor. "Hildegard, sagen Sie noch nichts! Es gibt Augenblicke im Leben, wo die Sprache versagt."

Darf ich Ihnen nun ein Geheimnis verraten? Meine himmlische Lieblingsfrau heißt Marta und steht in der Bibel. Marta. Wie die Oper. Marta ist meine Schwägerin.

"Sie zogen zusammen weiter und er kam in ein Dorf. Eine Frau namens Marta nahm ihn freundlich auf. Sie hatte eine Schwester, die Maria hieß. Maria setzte sich dem Herrn zu Füßen und hörte seinen Worten zu. Marta aber war ganz davon in Anspruch genommen, für ihn zu sorgen. Sie kam zu ihm und sagte: Herr, kümmert es dich nicht, dass meine Schwester die ganze Arbeit mir allein überlässt? Sag ihr doch, sie soll mir helfen! Der Herr antwortete: Marta, Marta, du machst dir viele Sorgen und Mühen. Aber nur eines ist notwendig. Maria hat das Bessere gewählt, das soll ihr nicht genommen werden“. (Lukas 10, 38-42)

Natürlich fragen wir uns alle: Wie sorgt Marta für Jesus und seine hungrigen Freunde? Bäckt sie was? Köchelt sie was? Holt sie was aus dem Keller? Und vor allem: Was? Nilpferd in Burgunder? (Das Rezept ist einfach: Nilpferd waschen und trocknen, in passendem Schmortopf mit 2000 Litern Burgunder, 6 bis 8 Zwiebeln, 2 kleinen Mohrrüben und einigen Nelken 8 bis 14 Tage kochen, herausnehmen, abtropfen lassen und mit Petersilie servieren.) Aber Lukas schweigt sich aus.

Mein Freund Wilhelm Busch hat da so seine Mutmaßungen. Vielleicht ging Marta wie Witwe Bolte in den Keller, "dass sie von dem Sauerkohle / Eine Portion sich hole, / Wofür sie besonders schwärmt, / Wenn er wieder aufgewärmt." Ob der Herr das Aufgewärmte ebenso liebt? Dann müsste er von mancher Predigt begeistert sein. Aber wie man weiß, mache ich eigentlich keine Kirchenwitze.

Natürlich fragen wir nun auch nach dem Dessert. Und? Kosakenzipfel! Kosakenzipfel ist ein Mokka-Trüffel-Parfait mit einem Zitronencreme-Bällchen. Köstlich. Aber bitte nicht zu viel davon. Martas Mann ist nämlich etwas voll in den Hüften, mit ziemlich kurzen Armen. Und hoffentlich macht sie ihm kein Wiener Schnitzel. Denn ach wie so trügerisch wären da die Freudensprünge der Kälber, die aus dem Stall kommen! Nein, nein, nein. Im Himmel geht es allen gut. Leben und leben lassen. Kälber. Möpse. Steinlaus. Aber die Ente bleibt draußen. Oder?

Fassen wir zusammen. Wir sind viele. Die heiteren Lieblingsfreunde vom lieben Gott. Natürlich wird auch bei uns viel geweint. Aber darauf haben sich andere spezialisiert.  Also: was ist jetzt Trumpf? Kreuz? Sicher. Herz? Gewiss. Karo? Oft. Schippe? Immer. Denn darauf nehmen wir uns.

Ich hoffe, Ihnen das Grau vergrault zu haben. Es ist kalt draußen. Dafür hatten wir im Mai drei schöne Tage. Zum Wohl!

Ihr himmlischer Brieffreund: Loriot

Mit freundlichen Grüßen von Evelyn Hamann, Robert Gernhardt, Fred Endrikat, Heinz Erhardt, Ernst Jandl, Hanns Dieter Hüsch, Georg Kreisler, Ursula Herking, Wolfgang Neuss, Lore Lorentz, Otto Reutter, Klaus Havenstein, Helmut Qualtinger, Jürgen von Manger, Charlie Rivel und Marcel Marceau, Liesl Karlstadt und Karl Valentin, Oliver Hardy und Stan Laurel, Oskar Pastior, Werner Finck, Stanislaw Jerzy Lec, Kurt Tucholsky, Ludwig Rubiner, Eugen Roth, Joachim Ringelnatz, Christian Morgenstern, Erich Kästner, Heinrich Heine und vielen anderen. Warten Sie ab. Sie werden Augen machen.