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Luis Buñuels Himmelsbrief zum 17. Sonntag im Jahreskreis (28. 7. 13)

Liebe Pilger,

ihr seid wirklich ein besonderes Paar, der Alte und der Junge, der Opa und sein Enkel, der unbelehrbare Skeptiker und der franziskanisch beschwingte Abiturient. Unterwegs auf meiner guten alten Milchstraße, dem Camino de Santiago, dem Jakobsweg. Schritt für Schritt, Tag für Tag, morgens munter, abends lahm. Ganz normal also. Wer euch zuhört, lernt dazu. Denn eure Lust am Diskutieren scheint grenzenlos zu sein und wird auch am Zielort nicht enden. Wozu auch. Ihr liebt sie ja, eure Gespräche. Sonst wärt ihr kaum miteinander losmarschiert.

Wir beide, Gevatter Opa, sind uns natürlich näher. Anders als dein blauäugiger Enkel, den allen Ernstes die Jakobsweggeschichte eines prominenten Komikers inspiriert hatte, geistern durch deine Erinnerungen Pointen und Bilder aus einem meiner Filme, eben der "Milchstraße". Lass dem Jungen seinen Hape. Das ist nicht deine Welt. Deine Lieblings-Filmklassiker sind auch nicht sein Ding. Euch verbindet die spezielle familiäre Liebe, die mitunter eine Generation überspringt. Und ihr wandert beide gern, sogar in dieser Hitze. Opa mit Sombrero.

Ich höre euch mit Vergnügen zu und schreibe gern den Himmelsbrief. Zwar war Schreiben nicht meine größte Leidenschaft, sondern das Filmemachen, aber da ihr nun schon mal auf der Milchstraße unterwegs seid, und da ihr über ein interessantes Sonntagsevangelium diskutiert, und da morgen mein dreißigster Sterbetag ist (wie doch die Zeit vergeht und nicht vergeht), bin ich an der Reihe. Luis Buñuel, exkommunizierter Katholik, "Atheist von Gottes Gnaden", Surrealist, Anti-Kommunist, Marxist, Bürger, Schriftsteller. Und vor allem Filmemacher. Geboren 1900 im spanischen Calanda, gestorben am 29. Juli 1983 in Mexiko-Stadt. Es war ein heißer Tag. Der Arzt im Krankenhaus erfüllt mir kurz vor meinem Tod einen jener erfüllbaren Wünsche, wie sie letzte Seufzer gern begleiten. „Doktor, ich möchte eine Zigarette." „Aber natürlich, Don Luis." Was für ein Genuss! Am anderen Morgen fragt mich Jeanne, meine Frau: „Wie geht es dir, Luis." „Ich sterbe." Und tu's. Jeanne ruft Ärzte und Krankenschwestern ins Zimmer. Aber ich bin und bleibe tot. Kein absurdes Theater, kein bizarrer Einfall, keine surreale Szene. Tot. Versüßt mit einem meiner Lieblingslaster, dem Rauch, der wohlgefällig blau zum Himmel steigt. Du verstehst das, Gevatter Opa. Der Junge nicht. Er lebt natürlich gesund. Aber er hält dir keine Vorträge über gesunde Ernährung und Risikofaktoren.

Wie gut ich euch verstehe, eure stundenlangen Unterhaltungen. Ich erinnere mich gern an viele Gespräche über den Glauben und die Existenz Gottes mit Pater Julián, einem Dominikaner. Meinen Atheismus trieb er mir nicht aus - aber das war auch gar nicht seine Art. Einmal sagt er: "Ehe ich Sie kannte, Don Luis, spürte ich meinen Glauben manchmal wanken. Seit wir miteinander reden, ist er wieder völlig gestärkt." Komisch, nicht wahr? Wenn ihr mal miteinander einen meiner religiösen Filme anschaut, hättet ihr jedenfalls gewaltig Diskussionsstoff. Einen, der damals besonders umstritten war, will ich nachher noch ansprechen: Viridiana. Ihre Leidensgeschichte passt zu eurem Bibeltext des Tages.

Im elften Kapitel des Lukasevangeliums bringt Jesus seinen Jüngern das Vaterunser bei. Und dann geht es sonderbar weiter... "Wenn einer von euch einen Freund hat und um Mitternacht zu ihm geht und sagt: Freund, leih mir drei Brote; denn einer meiner Freunde, der auf Reisen ist, ist zu mir gekommen, und ich habe ihm nichts anzubieten!, wird dann etwa der Mann drinnen antworten: Lass mich in Ruhe, die Tür ist schon verschlossen, und meine Kinder schlafen bei mir; ich kann nicht aufstehen und dir etwas geben? Ich sage euch: Wenn er schon nicht deswegen aufsteht und ihm seine Bitte erfüllt, weil er sein Freund ist, so wird er doch wegen seiner Zudringlichkeit aufstehen und ihm geben, was er braucht. Darum sage ich euch: Bittet, dann wird euch gegeben; sucht, dann werdet ihr finden; klopft an, dann wird euch geöffnet. Denn wer bittet, der empfängt; wer sucht, der findet; und wer anklopft, dem wird geöffnet. Oder ist unter euch ein Vater, der seinem Sohn eine Schlange gibt, wenn er um einen Fisch bittet, oder einen Skorpion, wenn er um ein Ei bittet? Wenn nun schon ihr, die ihr böse seid, euren Kindern gebt, was gut ist, wieviel mehr wird der Vater im Himmel den Heiligen Geist denen geben, die ihn bitten..."

Ja, da habt ihr Zündstoff, mindestens für die Heimreise aus Santiago de Compostella. Dass ihr beide in bedrückter Stimmung heimfahrt, liegt natürlich nicht an euren theologischen Widersprüchen, sondern dem schrecklichen Zugunglück. Ausgerechnet vor dem großen Fest, auf das ihr euch gefreut hattet. Unangekündigt, unpassend, schockierend. Ja. Wie mitunter die ganze Welt. Der Sonntagstext hat scheinbar nichts mit dieser Katastrophe zu tun, aber eines eben doch: da sind diese winzigen, lästigen, absurden, irritierenden Stachel in den Worten Jesu, als könne er nur so ehrlich Trost und Hoffnung spenden.

Zu diesen Widersprüchen, oder besser: zu dieser Spannung, kommen mir Gedichtzeilen in den Sinn. Einer meiner Landsleute, Juan Ramón Jiménez (1881-1958), hat es großartig gesagt: "Meine Füße, wie tief in der Erde! / Meine Flügel, wie hoch oben im Himmel!" Vielleicht ist es das, was ich - nicht ironisch - meinen "Atheismus aus Gottes Gnaden" nenne. Jiménez fährt fort: "Und welcher Schmerz / in meinem zerrissenen Herzen!"

Absurde kleine Stachel im Bibeltext? Ihr lest und lest und seid irritiert. Wie kommt man überhaupt auf so eine Idee, der Vater könne dem bittenden Kind statt dem Fisch eine Schlange, statt dem Ei einen Skorpion servieren? Wieso schränkt man die nächtliche Freundlichkeit des Freundes ein und erwähnt, dass er nur wegen der Zudringlichkeit das Gute tut? Und wozu diese verstörende Pauschale "Ihr, die ihr böse seid..."?

Seht ihr, genau um solcher Bibelstellen willen weiß ich mich mit meinen Filmen in bester Gesellschaft. Manche Interpreten streiten denn auch trefflich, ob beispielsweise "Viridiana" boshafte Blasphemie oder die - in aller bitteren Grausamkeit - anrührende, todtraurige Geschichte vom Scheitern einer Heiligen ist, also ein gründlich religiöser Film. Ich erzähle von einer Novizin namens Viridiana, die kurz vor dem Gelübde einen verwitweten Onkel auf dessen Landgut besuchen soll. Immerhin hat der reiche Onkel ihr die Schulausbildung finanziert. Ein Detail, das dann von unverständigen Beamten als empörend blasphemisch bezeichnet wurde: Viridiana will nicht im Bett, sondern auf dem Fußboden schlafen, legt ein Holzkreuz, eine Dornenkrone, Nägel und Hammer um sich herum und betet. Eigenartige Utensilien in ihrem Reisegepäck, aber in der Geschichte der Bußpraktiken nicht ungewöhnlich. Ich kenne meinen spanischen Katholizismus gut, besser als manche meiner Gegner. Doch ich fasse mich kurz. Der Onkel ist ein ekelhafter Lüstling, betäubt Viridiana, hätte sie beinahe im Schlaf vergewaltigt, sagt ihr später auch, er habe das getan, stürzt sie so in höchste Verwirrung und erhängt sich. Viridiana fühlt sich an seinem Selbstmord mitschuldig, kehrt nicht ins Kloster zurück und macht aus dem Landgut eine Herberge für Bettler und Obdachlose. Diese aber verhalten sich schockierend brutal. Als Viridiana einmal länger außer Haus ist, veranstalten sie eine Orgie. Eine berüchtigte Filmszene: ich habe die unflätigen Gäste am gedeckten Tisch arrangiert wie Leonardo da Vincis berühmtes Abendmahl. Als Viridiana zurückkommt, ist wahrhaftig der Teufel los. Zwar wird sie nur beinahe vergewaltigt, und die üble Gesellschaft wird davongejagt, aber die Gute - oder das Gute? - ist gescheitert. Und davon habe ich auch in anderen Filmen erzählt. Unsanft, realistisch, aber immer mit gerechtem Blick auf das Unrecht, allemal barmherziger als die Unbarmherzigkeit, die ich aufzeige. Ihr, die ihr böse seid...

Eure Diskussion wird weitergehen. Ihr werdet - angesichts des Zugunglücks - nach dem unbegreiflichen Plan Gottes fragen, die uralte Frage nach dem Leid und dem Bösen in der Welt. Und ihr werdet auf dem Weg bleiben, der ein Leben lang das ist, was das Wort Milchstraße meint. Ihr wisst ja, dass man den Jakobsweg so nannte, weil sich die Pilger einst am nächtlichen Himmel und den Sternen orientierten. Nicht die schlechteste Orientierung.

Ich wünsche euch eine gute Heimkehr und noch viele schöne Gespräche unterm Himmel.
Euer himmlischer Brieffreund: Luis