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Im Post-Archiv finden Sie alle Briefe, die bisher von drüben bei uns ankamen.

Manfred Rommels Himmelsbrief
zum Drittletzten Sonntag des Kirchenjahres (10. November 2013)

Hallo, hallo, ich weiß, ich bin lästig.
Aber habe ich nicht recht?
Himmelschreiendes schreit eben zum Himmel.

Mein Fall ist euch bekannt. Ich wiederhole mich. Die Geschichte mit der Mietpreiserhöhung. Ihr wisst schon. Zahlen oder ausziehen. Viele Möbel sind es ja nicht: Bett, Stuhl, Tisch, Kasten, Herd, Wanduhr, Krimskrams.

Aber ausziehen? Einen alten Baum verpflanzt man nicht, sagt man. Wohl wahr. Aber ich gehe auf die neunzig. Und die Rente ist knapp. Die Teuerung! Weiß ja jeder.

Also kämpfe ich. Das habe ich gelernt. Da bin ich richtig gut. Trotz Parkinson. Zittern, aber nicht zagen.

Apropos Parkinson. Ich weiß nicht, ob das hier passt, aber vielleicht gerade erst recht. Unser guter alter OB Rommel ist gestorben. Es hat mich immer getröstet, wie er sich mit seinem Alter arrangiert hat. Und wenn ich nicht gewusst hätte, dass der Ärmste im Ruhestand sowieso schon alle Tage Bittbriefe und Beschwerden bekam über irgendwelche Abteilungen im Rathaus, ich hätte ihm vielleicht auch noch die Klagen eines alten Weibs geschrieben. Aber das hätte er nicht verdient. Nur jetzt, wo er doch auch bei euch ist - Gott hab' ihn selig - , also jetzt mag ich ihm mal in den Ohren liegen. Gell?

Meine Lieblingsadresse in der Bibel ist die bittende Witwe in Lukas 18,1-8.
Heute wird sie zum Drittletzten Sonntag des Kirchenjahrs sogar bepredigt.

Jesus sagte ihnen ein Gleichnis darüber, dass sie allezeit beten und nicht nachlassen sollten: Es war ein Richter in einer Stadt, der fürchtete sich nicht vor Gott und scheute sich vor keinem Menschen. Es war aber eine Witwe in derselben Stadt, die kam zu ihm und sprach: Schaffe mir Recht gegen meinen Widersacher! Und er wollte lange nicht. Danach aber dachte er bei sich selbst: Wenn ich mich schon vor Gott nicht fürchte noch vor keinem Menschen scheue, will ich doch dieser Witwe, weil sie mir so viel Mühe macht, Recht schaffen, damit sie nicht zuletzt komme und mir ins Gesicht schlage. Da sprach der Herr: Hört, was der ungerechte Richter sagt! Sollte Gott nicht auch Recht schaffen seinen Auserwählten, die zu ihm Tag und Nacht rufen, und sollte er's bei ihnen lange hinziehen? Ich sage euch: Er wird ihnen Recht schaffen in Kürze. Doch wenn der Menschensohn kommen wird, meinst du, er werde Glauben finden auf Erden?

Ob der Menschensohn noch Glauben findet auf Erden? Gute Frage.

Jedenfalls bin ich eine Art Zwillingsschwester dieser beherzten Witwe, und nun fehlt mir nur noch so ein Richter, ob gottesfürchtig oder nicht. Und wenn ich doch nicht recht bekomme?

Anni, meine beste Freundin,sagte immer, dann muss San Judas Tadeo ran, der Patron der verzweifelten und hoffnungslosen Fälle.

Ob der hilft? Anni hat eine hohe Meinung von Kerzenopfern, speziell bei Antonius, Judas Thaddäus und der Muttergottes. In dieser Reihenfolge? Ja, sagt sie, das ist bei uns so.

"Bei uns": Sie meint damit Albuquerque in New Mexico, wo sie seit 1950 mit einem Ami verheiratet ist. Ich habe sie einmal besucht, und dann führte sie mich in eine ziemlich muffige Kirche. Dort drüben, siehst du, das ist Saint Jude. Es war tatsächlich so. Unzählige blaue Lichter brannten bei ihm. Und ich sah nicht nur alte Weiber, sondern auch viele junge Leute, zum Teil mit aufregendenTattoos. Du musst dir vorstellen, sagt Anni, das sind oft Kleindealer, Gelegenheitshuren, Obdachlose. Wirklich? Claro. Ach nee.

Anni klärte mich dann auch über diesen Judas auf. Nein, sagte sie und lachte, das ist nicht der, der Jesus verraten hat. Unser beliebter Saint Jude ist der Apostel, der ihm bis in den Tod die Treue gehalten hat. Im Johannesevangelium, im 14. Kapitel, findest du seine beste Szene. Da fragt er nämlich Jesus: "Herr, warum willst du dich nur uns offenbaren und nicht der Welt?" Und Jesus antwortet ihm: "Wenn jemand mich liebt, wird er an meinem Wort festhalten; mein Vater wird ihn lieben, und wir werden zu ihm kommen und bei ihm wohnen." (Ich wusste gar nicht, dass Anni so bibelfest ist). Ich war etwas verwirrt und grübelte lange, weshalb Jesus die Frage eigentlich gar nicht richtig beantwortet, aber vermutlich wollte er das auch gar nicht. Ich stelle mir das heute so vor, dass er beispielsweise oft Anni besucht und bei ihr wohnt, weil sie ja an seinem Wort festhält. Und wenn das so ist, warum nicht auch bei mir? Dann kann man uns ja kaum kündigen, oder?

Aber das waren damals gar nicht meine Gedanken, als ich zu Besuch in Amerika war. Jetzt erst fällt es mir wieder ein, seit ich selber so ein verzweifelter und hoffnungsloser Fall bin. Albuquerque ist weit weg, Anni ist im Pflegeheim, und bei uns in Kaltental kenne ich keinen Sankt-Judas-Altar. Außerdem: ich weiß nicht, ich weiß nicht. Aber mein lieber guter alter OB, der versteht mich und braucht bestimmt auch keine blauen Kerzen. Gell, Manfred? Ich sag einfach mal du. Zu Gott darf man ja auch du sagen. Und das ist gar nicht unhöflich.

Natürlich nicht, liebe Frau, und ich bin auch kein Apostel, kein Nothelfer, aber wenigstens war ich schon zu Lebzeiten ein Legende. Vielleicht passt das. Und ich schreibe Ihnen - oder meinetwegen dir, wenn es Ihnen gefällt - gern den Himmelsbrief. Kurz und humorig, so auf meine Art. Einige Sprüche und ein Reim. Denn so viel habe ich kapiert: Es ist wirklich eine Sauerei, wie man mit Ihnen umgeht. Kämpfen Sie weiter um Ihr Recht. Und schreien Sie zum Himmel, wie es sich gehört.

Und wenn man so recht bedrängt ist, hilft es immer, sich die Großkotzeten in der Unterhose vorzustellen.

Erster Trostspruch: "Einigen, die vom hohen Rosse her auf uns herunterschauen, sollten wir gelegentlich sagen: Wir sind nicht hier, weil du da oben sitzest, sondern du sitzest da oben, weil wir hier sind."

Und wenn man ausgerechnet eine alte Dame wie Sie auf die letzten Tage noch so saudumm in die Enge treibt, merke - zweiter Trostspruch - : "Ehret die Alten, eh sie erkalten."

Da ich persönlich lange nach meiner Pensionierung - und auch angesichts meiner Krankheit - reichlich geehrt wurde, reime ich gleich heiter weiter: "Die Zahl der Titel will nicht enden. Am Grabstein stehet: bitte wenden!"

Übrigens lässt dieser Judas Thaddäus freundlich grüßen. Ich soll Ihnen versichern, dass Jesus gerne bei Ihnen mitwohnt, jetzt erst recht. Und mein privater Tipp, wenn die Hauseigentümer bei Ihnen aufkreuzen: Lernen Sie lispeln. Mir hat es jedenfalls geholfen.

Ihr himmlischer Brieffreund: Manfred ("dem Wüschtefuchs soi Kloiner")

PS
Ihr Parkinson-Spruch ist klasse. Zittern, aber nicht zagen. Könnte von mir sein.