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Im Post-Archiv finden Sie alle Briefe, die bisher von drüben bei uns ankamen.

Marie-Claire Alain

Marie-Claire Alains Himmelsbrief zum Palmsonntag 2013

Junger Freund, du hast erst dieser Tage von meinem Tod gehört.

Und nun sitzt du mitten in der Nacht auf deiner liebsten Bank in der stockfinsteren Kirche und spielst mir auf. Frei. Du liebst das Improvisieren. Und du kannst es. Du weißt, dass es bei mir anders war. Will sagen: Ich spielte Literatur. Du kennst sie alle. Bach und Buxtehude, Bruhns und Böhm, Couperin und Pachelbel, Mendelssohn und Franck. Und vor allem: das Werk meines geliebten Bruders Jehan.

Sie nannten mich Orgelkönigin. Was Menschen so sagen. Lass dich nicht betören, Freund, wenn sie dir Beifall klatschen nach dem Gottesdienst. Tritt nie an die Brüstung der Empore. Verneige dich nie vor ihnen. Verneige dich nur vor dem, der dir die Orgelhände gab. Verneige dich nur, wenn dir niemand dabei zusieht. Wir wissen beide, dass sie gerne applaudieren, und dass es ihre Art des Dankens ist. Aber wie herrlich ist die Stille nach dem Klang. Wie wunderbar ist der Hall in eurer Kirche. Was für eine Akustik!

Die Stille nach dem Klang. Im Himmel beglücken sie uns eine halbe Ewigkeit lang mit der großen Stille. Erstaunlich, denn wir sind auf Engelschöre vorbereitet. Sie spielen auch, aber am liebsten für die Gehörlosen. Wusstest du das?

Nun sitzt du noch minutenlang in der stillen Nacht eurer Basilika. Die Hände ruhen auf dem Manual. Du faltest sie nicht noch eigens zum Gebet. Sie haben gebetet und beten weiter. Ist es nicht so, Freund?

Nur wenig will ich von mir erzählen, denn du hast in dieser Woche anderes im Sinn. Ich, Marie-Claire Alain (1926-2013) "komme aus einer musikalischen Familie. Wir haben praktisch jeden Abend Bach gespielt, auf der Orgel, Kantaten gesungen – Bach war bei uns fast eine Familienkrankheit.”

Wenn du nach dem Dupré für die Karwoche noch etwas suchst: Nimm die "Litanies" meines Bruders. Auch wenn du lieber improvisierst: Dieses Vier-Minuten-Stück will ich dir ans Herz legen. Jehan war in großer Not. Aus seinen Angstträume wurde Musik: Totenklagen für unsere Schwester Odile, die damals in den Bergen starb, 23 Jahre alt, Freund, so alt wie du. Odile verunglückte beim Versuch, unseren kleinen Bruder Olivier zu retten. Und wie sich Leid zu Leid fügt: Jehans Frau hatte in jener Zeit eine Fehlgeburt. Jehans Orgel schrie Jehans Schmerz. "Ein Gebet ist keine Klage, sondern ein Tornado, der alles, was sich ihm in den Weg stellt, hinwegfegt… Wenn man am Ende nicht völlig erschöpft ist, hat man das Stück weder richtig verstanden, noch so gespielt, wie ich es mir vorstelle." So schrieb er. Als ich seinen Brief Jahre später las, war Jehan längst tot. Einer der vielen Toten des Zweiten Weltkriegs. Leid fügt sich zu Leid. Lass uns beten, Freund. Im Orgelspiel.

Ich starb vor wenigen Wochen, in der Nacht vom 25. auf den 26. Februar. Mein letztes Evangelium an jenem Montag auf Erden war Lukas, im 6. Kapitel, die Verse 36-38: "Seid barmherzig, wie es auch euer Vater ist! Richtet nicht, dann werdet auch ihr nicht gerichtet werden. Verurteilt nicht, dann werdet auch ihr nicht verurteilt werden. Erlasst einander die Schuld, dann wird auch euch die Schuld erlassen werden. Gebt, dann wird auch euch gegeben werden. In reichem, vollem, gehäuftem, überfließendem Maß wird man euch beschenken; denn nach dem Maß, mit dem ihr messt und zuteilt, wird auch euch zugeteilt werden."

Du hast dir erzählen lassen von meiner Krankheit. Alzheimer. Sie sagen, man bekomme da nicht mehr viel mit und alles sinke ins Vergessen, sogar der eigene Name. Du hast dir das besonders furchtbar ausgemalt bei einer Meisterin im Gedächtnis. Ich spielte ja fast alles par coeur. Aber weil es so war, weil es so ist, Freund, weißt du auch, dass man dort oben auf der Empore unterm Kreuzgewölbe der Ewigkeit um einige Takte näher ist. Auch war ich dir ganz nahe, als du dir den Vers aus Lukas in dein geistliches Tagebuch notiert hast, das Wort von der Barmherzigkeit. Denn davon lebt dein Herz alle Tage.

Nun also: die Karwoche. Du übst seit Wochen deinen Dupré, den Kreuzweg nach Paul Claudel (1868-1955). Zu später Stunde, so hast du es ankündigen lassen, wirst du das Konzert geben. Kein Licht soll in der Kirche sein, nur der kleine Dämmer von oben, damit du die Noten lesen kannst. Nur das rote Ewiglicht im Altarraum. Und vielleicht einige Opferkerzen bei der Pietá, die noch still herunterbrennen, bis auch da Nacht ist. Und der Text von Claudel? Man konnte ihn während der gesanten Fastenzeit im Vorraum lesen. In leserlicher Handschrift - warst du das? - gab es das ganze Gedicht als Wandzeitung. Darunter der Hinweis, dass Paul Claudel einst an Weihnachten, berührt von einem gesungenen Magnificat, zum Glauben gefunden habe. Und dass der Komponist Marcel Dupré (1886-1971) auf Claudels "Chemin de la Croix" improvisiert habe, es war in der Fastenzeit 1931 bei einem Konzert auf der Cavaillé-Coll-Orgel in Brüssel. Erst später habe er auf Bitten begeisterter Zuhörer das Werk aus dem Gedächtnis aufgeschrieben. Dupré war übrigens mein Lehrer.

Manche sagen, einen Kreuzweg spielt man nicht. Einen Kreuzweg geht man. Wir wissen es besser. Wir wissen, dass Spielen und Gehen, Leben und Beten eins sein können. Und wir wissen auch zu jubeln und zu lachen, wenn es Zeit zum Jubel und zum Lachen ist. Heute aber ist Karwoche. Und dir ist es wichtig, dass ein Kreuzweg nur 14 Stationen hat, und dass man keine vorwitzig-österliche 15. Station anhängt.

Freund, du hast Organistenhände. So sagte mir einst mein Klavierlehrer, Yves Nat, als er mir zu Orgel riet. Ich habe Organistenhände sagte er. Er hatte recht. Und wenn dann die Menschen in eurer nächtlichen Basilika ganz Ohr und ganz Herz sind, und wenn sie manchmal meinen, du würdest gar vierhändig spielen, dann ist es wohl so, dass sie uns beide hören. Denn ich will neben dir Platz nehmen. Immer nehmen Engel neben uns Platz. Und immer ist Jesus im Spiel. Trost. Zuversicht. Freude.

Deine himmlische Brieffreundin Marie-Claire

PS
Ich soll dir noch ein Zitat aus Claudels Kreuzweg beilegen mit einem ausdrücklichem Gruß von Klara Marie (!) Faßbinder (1890-1974), die den Text einst übersetzte. Klara Maria, eine Friedensaktivistin, eine aufrechte Pazifistin, das "Friedens-Klärchen", wird gewiss auch dein Konzert besuchen. Hier aus den Zeilen zur zehnten Station:

Sie haben alles genommen. Aber es bleibt die aufbrechende Wunde.
Gott ist verborgen. Aber es bleibt der Mann der Schmerzen.
Gott ist verborgen. Es bleibt mein Bruder voller Tränen. –
Durch deine Demütigung, Herr, durch deine Schmach
habe Mitleid mit den Besiegten,
mit dem Schwachen, den der Starke überwältigt.
Durch die Schauerlichkeit dieses letzten Kleides,
das man dir entrissen,
habe Mitleid mit allen, die man zerreißt:
mit dem dreimal operierten Kinde, dem der Arzt Mut zuspricht,
mit jenen armen Verwundeten, dessen Verband man erneuert,
mit dem gedemütigten Gatten,
mit dem Sohn neben seiner sterbenden Mutter
und mit dieser furchtbaren Liebe,
die wir uns aus dem Herzen reißen müssen.