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Im Post-Archiv finden Sie alle Briefe, die bisher von drüben bei uns ankamen.

Marika Rökks Himmelsbrief zum 31. Sonntag im Jahreskreis
(3. November 2013)

Schön, dass du das nicht so eng siehst. Ich meine: mich und meine Karriere, damals bei der Ufa. Ich komme darauf zurück.

Und noch viel schöner, dass du deiner Patentante wieder einmal diese Riesenfreude machst. Immer zum Geburtstag ein gemeinsamer Operettenbesuch. In diesem Jahr ist es "Gräfin Mariza". Wirklich nicht dein Geschmack. Doch das soll ja beim Schenken keine Rolle spielen. Tante Walli ist jedenfalls eine Freundin der leichten Muse - und dank deiner Mithilfe für ein paar Stunden selig. Was für eine Kugelfuhr, erzählst du danach am Stammtisch, bis ich Tante Walli mit Rollator endlich im Parkett hatte. Aber wenn ihr ihre Augen gesehen hättet, und wie sie mit den Fußspitzen wippt ...

Und hört sie überhaupt noch gut genug? Und ist sie nicht fast blind?

Ach was, sagst du, den Rollator schiebe ich ganz nach vorn, gerade so, dass man auf die Bühne sehen kann. Die Platzanweiserin lächelt und hilft. Wir haben noch nie böse Blicke geerntet. Trotz dem Geschiebe und Gerücke, bis Walli endlich auf Position ist. Sogar wenn sie zwischendurch mal für kleine Mädchen muss und sich das ganze Hin und Her wiederholt. Manchmal denke ich, die nettesten Menschen finde ich im Theater.

Da ist was dran, mein Lieber. Und ich erlaube mir, dir zum Sonntag zu schreiben. Erstens, weil ich heute 100. Geburtstag habe (und wenn ich wie einst mein Traumpartner Johannes Heesters den Termin noch auf der irdischen Bühne erlebten würde, würde ich zur Feier des Tages höchstpersönlich wackelig und runzelig und vorteilhaft frisiert singen und steppen als Deutschlands älteste aktive Gräfin Mariza). Und zweitens? Eine kleines Lob für dich und deine Tante Walli. Tut immer gut, nicht wahr?

Da aber nun so ein Himmelsbrief außerdem fromm sein sollte, habe ich mich etwas umgehört, wie es bei uns im Himmelsreich mit der leichten Muse aussieht. Auf den ersten Blick scheinen die meisten Erlösten eher im ernsten Fach zu spielen, wenn ich mich so ausdrücken darf. Aber auf den zweiten Blick, schau an, schau an. Viel Getragenes, gewiss, aber dabei oft leise beschwingt. Manchmal auch laut beschwingt. Eher im Dreivierteltakt als im Marschrhythmus. Vielleicht keine Walzerseligkeit, aber Seligkeit.

Wird im Himmel getanzt? Könnte man fast so sagen. Und geschunkelt? Na ja. Nicht wie im Bierzelt. Aber wie im Zelt Gottes. Also Musik? Da, wo ich bin, auf jeden Fall. Freudig. Erhebend. Himmlisch. Wie sagt Johann Caspar Bachofen, ein Schweizer Komponist und Musiklehrer der Barockzeit, in seinem Lied „Viele verachten die edele Musik …“? Zitat: „Aber die solches hier unten nicht ehren, die sollen auch droben das Sanctus nicht hören!“ Womit er zwar nicht die leichte Muse meint, aber wohl auch nicht verachtet.

Deine Tante Walli war in jungen Jahren im Kirchenchor. Sopran. Als ihre Stimme alterte, sang sie noch einige Jahre lang Alt im Leichenchor - ein amüsanter Name für ein verdienstvolles und tröstliches Ensemble. Ihre Chorleiterin hatte ein weites Herz. Wenn sich die Trauernden etwas wünschten, wurde es nach Möglichkeit gesungen. Rührendes, Volkstümliches, Gefühlvolles. Auch Kitsch? Auch Kitsch. Die Grenzen sind fließend. Und Himmel ist für alle da. Menschen wie ich verbreiten mindestens mal gute Laune. Ich jedenfalls war von Haus aus eine quirlige Frohnatur und liebte das Happy End. Wer das nicht liebt, ist arm dran - und verpasst womöglich droben das Sanctus.

Und die Sache mit den Nazis? Ja, ich war harmlos. Ja, ich war gerne der Ufa-Star. Ja, ich war politisch unbedarft. Ja, ich ließ mich von Goebbels missbrauchen. Ich war die deutsche Antwort auf Hollywood und hatte Paprika im Blut. Ich tanzte und spielte und sang fürs Volk. Vor dem Krieg. Während dem Krieg. Nach dem Krieg. Also schwarzbraun wie die Haselnuss? Dass ich 1947 vom Ehrengericht der Österreichischen Schauspielervereinigung rehabilitiert wurde, ändert nichts an der fatalen Geschichte. Was nun? Ich sehe mein Leben, ich sehe es ein, ich sehe es aber ein mit den Augen des Himmels: Prüfet alles, das Gute behaltet.

Ich will dir eine kleine Geschichte erzählen. Namen tun hier nichts zur Sache. Er war ein kritischer Kopf im Nachkriegsdeutschland, Jahrgang 1945. Er konnte seinen Eltern nicht verzeihen, dass sie damals Mitläufer waren. Es gibt kein wahres Leben im falschen, sagte er, und eure Lügen kotzen mich an. Wie konntet ihr schunkeln und tanzen, während im Krieg Millionen Menschen starben? Wie konntet ihr damals lachen und Feste feiern? Wie konntet ihr wegschauen und euch unter die Bettdecke kuscheln? Ach, Junge, sagte sein Vater einmal, ich kann dir nicht gut widersprechen. Aber bedenke: Unter dieser Kuscheldecke haben wir dich im letzten Kriegsjahr gezeugt.

Was ich damit sagen will: wir Muntermacher haben eine eigene Sendung. Sogar ein Operettenstar hat etwas vom göttlichen Leuchten. Nicht so viel, wie die Fans denken, aber auch nicht nichts. Für Menschen wie deine Tante Walli waren wir gut. Wir konnten trösten. Wer das billig nennt, mag so urteilen. Aber hat er Besseres anzubieten?

Vielen, vielen Menschen habe ich schöne Stunden beschert. In viele, viele Ohren und Herzen habe ich Evergreens gesenkt. Und wie alle Menschen kann ich so oder so betrachtet werden, als Diva, als Star, als Karrierefrau, als Mensch in Widersprüchen und Schuld, als arme Sünderin wie du. Bin ich groß? Bin ich klein?

Horch, was heute im Lukasevangelium vorgelesen wird (19, 1-10):

Jesus kam nach Jericho und ging durch die Stadt. Dort wohnte ein Mann namens Zachäus; er war der oberste Zollpächter und war sehr reich. Er wollte gern sehen, wer dieser Jesus sei, doch die Menschenmenge versperrte ihm die Sicht; denn er war klein. Darum lief er voraus und stieg auf einen Maulbeerfeigenbaum, um Jesus zu sehen, der dort vorbeikommen musste. Als Jesus an die Stelle kam, schaute er hinauf und sagte zu ihm: Zachäus, komm schnell herunter! Denn ich muss heute in deinem Haus zu Gast sein. Da stieg er schnell herunter und nahm Jesus freudig bei sich auf. Als die Leute das sahen, empörten sie sich und sagten: Er ist bei einem Sünder eingekehrt. Zachäus aber wandte sich an den Herrn und sagte: Herr, die Hälfte meines Vermögens will ich den Armen geben, und wenn ich von jemand zu viel gefordert habe, gebe ich ihm das Vierfache zurück. Da sagte Jesus zu ihm: Heute ist diesem Haus das Heil geschenkt worden, weil auch dieser Mann ein Sohn Abrahams ist. Denn der Menschensohn ist gekommen, um zu suchen und zu retten, was verloren ist.

Will sagen: Dem einen sein Maulbeerfeigenbaum. Dem anderen seine musikalische Karriere. Hauptsache: Im entscheidenden Augenblick heruntersteigen und freudig empfangen, den, der uns besucht und sucht und heilt. Freudig empfangen, hörst du? Freudig!!! Vielleicht sogar im Dreivierteltakt. Wenn es zu Zachäus' Zeiten schon Grammophon und Schellackplatten gegeben hätte, wer weiß, was da so alles lief.

Deine himmlische Brieffreundin: Marika

Dazu noch'n guter Spruch von Gandhi:
Im Meer leben die Fische, und sie schweigen.
Die Tiere der Erde schreien.
Die Vögel aber, deren Lebensraum der Himmel ist, sie singen.