Zur gott.net Wochenausgabe
zur gott.net Übersicht

»Post-Archiv

Im Post-Archiv finden Sie alle Briefe, die bisher von drüben bei uns ankamen.

Martin Buber

 

 

Steine...

Martin Bubers Himmelsbrief zum Ewigkeitssonntag
25. November 2012

Schalom! So grüße ich euch. Friede! Ich schreibe euch als euer Bruder.

Seit September 1982 habt ihr euer Friedensgebet durchgehalten. Staunenswert. Woche für Woche. Jahr für Jahr. Nicht nur während der Friedensdekade. Und kaum ist der Buß- und Bettag verklungen, lest ihr zum Sonntag Worte vom Propheten Jeschajahu. Ihr kennt ihn unter dem Namen Jesaja.

Mehr als dreißig Jahre Friedensgebet. Wäre euer Durchhaltevermögen vom Erfolg abhängig: Ihr hättet vielleicht längst klein beigegeben. Wäre Gottvertrauen vom Erfolg abhängig, gäbe es wenig Glauben auf Erden. Noch weniger. Gern werde ich einige eurer Fragen beantworten. Doch der größten Frage bin ich nicht gewachsen: Warum lässt Gott das zu? Ja, Geschwister: warum?

Ihr habt einen schönen Brauch. Alle Jahre am letzten Sonntag des Kirchenjahrs besucht ihr einen wahren Ort des Friedens. Einen Friedhof. So kommen wir zusammen. Ihr fahrt zu den Steinen von Worms. Zum großartigen Gebet aus Steinen: dem Dom. Zum stillen Gebet aus Steinen: dem alten jüdischen Friedhof "Heiliger Sand". Ihr bringt sogar eigene Steine mit, bemalte Spruchsteine. Die wollt ihr auf einigen Gräbern niederlegen. So habt ihr es - unvergesslich und bewegend - vor Jahren im Film gesehen. "Schindlers Liste". Ob es angemessen ist, als Christen über jüdischen Gräbern das Kaddisch zu sprechen? Geduld, meine Lieben. Betend können Geschwister nicht irre gehen.

In Worms - und deshalb wandern eure Gedanken zu mir - wollt ihr mit meinen Augen auf den Friedhof und zum Dom schauen. Ihr habt im Reiseführer vom berühmten "Martin-Buber-Blick" gelesen. Wenn mein Blick nur eine imposante Perspektive auf Sehenswürdigkeiten wäre, hättet ihr nicht viel davon. Aber mit meinen Augen könnt ihr wirklich gut sehen. 

Während euch mein Brief erreicht, ist das "heilige Land" wieder im Unheil. Wieder einmal. Das Prophetenwort ist aktuell wie eh und je. Jeschajahu, der Sohn des Amoz, eröffnet seine Schrift, seinen "Schauempfang", wie folgt: "Horchet, Himmel, lausche, Erde, denn ER hat geredet: Söhne zog ich groß, brachte ich hoch, und die, abtrünnig wurden sie mir. Ein Rind erkennt seinen Eigner, ein Esel die Krippe seines Meisters, der nicht erkennt, ist Jissrael, der nicht unterscheidet, mein Volk. Weh, wegverfehlender Stamm, schuldbeschwertes Volk, Saat Bösgesinnter, verderbte Söhne! Sie haben IHN verlassen, den Heiligen Jissraels verschmäht, rückwärts sich abgefremdet..."

Ihr habt als Kinder Deutschlands, als Enkel und Urenkel der NS-Zeit habt ihr Hemmungen, Israels Politik zu kritisieren. Jeschajahu aber, der Sohn des Amoz, redete meinem Volk ins Gewissen. Seine Worte waren hart und stellten klar. Eure Sonntagslesung findet sich im 65. Kapitel. Horcht und lauscht auf meine Übertragung der Verse 17 bis 25. Horcht und lauscht - und lasst alles Fragliche und Unverstandene einfach stehen. Lasst es stehen und begnügt euch mit dem, was euch einleuchtet und zu Herzen geht. Die anderen Sätze sind dennoch nicht in den Wind gesprochen. Aber sie haben ihre eigene Stunde.

"Wohlan, ich schaffe den Himmel neu, die Erde neu, nicht gedacht wird mehr des Frühern, nicht steigts im Herzen mehr auf, sondern entzückt euch, jubelt fort und fort, drob was ich schaffe!
Denn, wohlan, ich schaffe aus Jerusalem einen Jubel, aus seinem Volk ein Entzücken, ich juble über Jerusalem, ich entzücke mich an meinem Volk.
Nicht hört man mehr darin Stimme des Weinens, Stimme des Geschreis. Nicht soll dorther mehr einer sein, zart an Tagen und doch gealtert, der seine Tage nicht vollendet, denn als jugendlich wird der Hundertjährige sterben, und der Sünder wird verwünscht, nur ein Hundertjähriger zu werden.
Sie bauen Häuser und siedeln, pflanzen Reben, essen ihre Frucht: sie bauen nicht, daß ein anderer siedle, pflanzen nicht, daß ein anderer esse. Denn wie die Tage des Baums sind die Tage meines Volks nun, was das Tun ihrer Hände erbringt, sollen meine Erwählten verbrauchen. Sie sollen nicht ins Leere sich mühen, nicht zu Bestürzung gebären, denn SEINER Gesegneten Same sind sie und ihre Nachfahrn mit ihnen. Geschehen wirds: eh sie rufen, antworte ich, sie reden noch, und ich erhöre. Wolf und Lamm weiden wie eins, der Löwe frißt Häcksel wie das Rind, und die Schlange, Staub ist nun ihr Brot: nicht übt man mehr Böses, nicht wirkt man Verderb auf all dem Berg meines Heiligtums, hat ER gesprochen."

Schon manchmal habt ihr auf dem Nachhauseweg vom Friedensgebet über die unglaublichen Verheißungen der Bibel diskutiert. Wer ist das Lamm? Wer ist der Wolf? Und einmal half euch ein kleiner Text weiter. War der nicht von Helmut Gollwitzer? "Er schickt mich als ein Lamm unter die Wölfe und in diese wölfische Welt. Ich sage darauf zu ihm, das will ich nicht, denn erstens hat ein Lamm unter Wölfen keine Chance, und zweitens bin ich kein Lamm, sondern auch ein Wolf, genau wie wir alle hier mit unseren schönen Worten..." Ja, wir sind immer Lämmer und Wölfe zugleich.

Ihr nennt den Sonntag beim rechten Namen "Ewigkeitssonntag". Gut so. "Totensonntag" ist zu wenig. Jüdische Friedhöfe werden für die Ewigkeit angelegt. Die Totenruhe ist unantastbar. Doch auch Friedhöfe kann man - wie jedes Heiligtum - vernachlässigen, räumen, überbauen, schänden. Sogar dann bleibt heilige Erde, heiliger Sand. Wir haben für Friedhöfe mehrere Bezeichnungen: Haus der Ewigkeit, Haus des Lebens, Stätte der Gräber, Guter Ort, Grabstätte der Eltern. "Haus des Lebens" mag ich besonders. 

Mit meinen Augen werdet ihr mehr sehen als Steine und Mauerwerk. 1933 schrieb ich: "Ich lebe nicht fern von der Stadt Worms, an die mich auch eine Tradition meiner Ahnen bindet; und ich fahre von Zeit zu Zeit hinüber. Wenn ich hinüberfahre, gehe ich immer zuerst zum Dom. Das ist eine sichtbar gewordene Harmonie der Glieder, eine Ganzheit, in der kein Teil aus der Vollkommenheit wankt. Ich umwandle schauend den Dom mit einer vollkommenen Freude. Dann gehe ich zum jüdischen Friedhof hinüber. Der besteht aus schiefen, zerspellten, formlosen, richtungslosen Steinen. Ich stelle mich darein, blicke von diesem Friedhofgewirr zu der herrlichen Harmonie empor, und mir ist, als sähe ich von Israel zur Kirche auf. Da unten hat man nicht ein Quentchen Gestalt; man hat nur die Steine und die Asche unter den Steinen. Man hat die Asche, wenn sie sich auch noch so verflüchtigt hat. .. Ich habe da gestanden, war verbunden mit der Asche und quer durch sie mit den Urvätern. Das ist Erinnerung an das Geschehen mit Gott, die allen Juden gegeben ist. Davon kann mich die Vollkommenheit des christlichen Gottesraums nicht abbringen, nichts kann mich abbringen von der Gotteszeit Israels. Ich habe da gestanden und habe alles selber erfahren, mir ist all der Tod widerfahren: all die Asche, all die Zerspelltheit, all der lautlose Jammer ist mein; aber der Bund ist mir nicht aufgekündigt worden. Ich liege am Boden, hingestürzt wie diese Steine. Aber gekündigt ist mir nicht. Der Dom ist, wie er ist. Der Friedhof ist, wie er ist. Aber gekündigt ist uns nicht worden."

Liebe Geschwister, ich werde mich freuen, wenn ihr in Worms als Christen mit uns das Kaddisch betet. Denn "alles wirkliche Leben ist Begegnung."

Euer himmlischer Brieffreund und Bruder
Martin Buber