Zur gott.net Wochenausgabe
zur gott.net Übersicht

»Post-Archiv

Im Post-Archiv finden Sie alle Briefe, die bisher von drüben bei uns ankamen.

Mechthilds Himmelsbrief zum 3. Sonntag n. Trinitatis (16. Juni 2013)

Gegrüßet seid ihr mir. Jahrhunderte sind bei euch vergangen. In Magdeburg und überall auf Erden. Und da erzählt ihr mir von eurem Kummer, matt und erschöpft, besorgt um eure Verwandten in Kamern, die zuletzt noch Hals über Kopf ihr kleines Haus verlassen mussten. Die Flut, sagt ihr, die Flut: es ist einfach alles nur schlimm...

"Liebe gute Schwester Mechthild, du warst doch eine fromme Seele und unermüdlich - oder vermutlich ermüdlich wie wir alle - sozial engagiert, so war es doch, nicht wahr? Und hast du nicht in Gottes Himmel und Höllen geschaut und alles für uns aufgeschrieben, war es nicht so? Oft schon gingen unsere Gedanken zu dir, Mechthild, durch die Jahrhunderte zurück. Vor allem, wenn wir an der Elbe entlang gingen und über dein Denkmal diskutierten, diese Lichtskulptur, so geheimnisvoll, so durchsichtig. Durchsichtig auf Gott hin, nicht wahr?

Und was nun? Was wird aus all den Menschen, die sich bei uns vor der Elbe fürchten, oder im Süden vor der Donau, oder weit weit weg von uns, in Bangladesh, Myanmar und Vietnam? Flutkatastrophen sind schrecklich. Wie konntest du so geistreich und beherzt vom Fließenden Licht der Gottheit sprechen? Kamen dir am Ufer der Elbe diese Bilder in den Sinn? Ach, Schwester Mechthild, was, wenn einem das Wasser bis zum Hals steht? Und erst der Schlamm!"

Was soll ich sagen? In meinen Visionen waren Himmel und Erde in engem Kontakt. Das ist heute noch so. Ewigkeit ist immer heute. Und mein Denkmal in Magdeburg ist kein Denkmal. Aber wirklich schön. Am schönsten, wenn ihr durch mich durchguckt ins Licht. Ich weiß, dass euch im Augenblick - ein schönes Wort übrigens: Augenblick - nicht danach ist, aber ihr habt ja mich angesprochen, mich, eure Mechthild von Magdeburg, vor über 800 Jahren auf einer Burg im Magdeburger Raum geboren, die durchsichtige Frau über der Elbe, eure Schwester und Freundin von Kindesbeinen an. Vieles könnt ihr über mich erfahren. Über die Seherin und Dichterin, über die große kleine Mechthild. Klein, ja, klein wie der Mann, dessen Jesusgeschichte heute in vielen Kirchen vorgelesen wird. Vielleicht auch bei eurem Abendmahlsgottesdienst zur Goldenen Konfirmation im Dom? Seid ihr dabei? So wie in den letzten Tagen bei den Hochwasser-Bittgottesdiensten? Und: Werden später Dankgottesdienste sein?

Erst später? Singt nicht heute schon euer Chor von Felix Mendelssohn-Bartholdy "Denn er hat seinen Engeln befohlen"? "... dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen, dass sie dich auf den Händen tragen und du deinen Fuß nicht an einen Stein stoßest." Gilt das nicht trotzdem und gerade jetzt, was ihr da aus Psalm 91 singt? Gottes Engel! Ei, sie haben sich dieser Tage regennasse Sachen übergezogen. Gummistiefel ergänzen bei solchen Verhältnissen die bekannten Flügel. Malteser und Johanniter beispielsweise tragen Gehbehinderte auf Händen durchs Wasser zur Notunterkunft. Schaut sie euch an, die beflügelten Gestiefelten. Wie sie schuften! Ich sehe uns noch im Magdeburg des Mittelalters, uns, Frauen, die tüchtig zupackten, wo Not war. Viel Not war damals. Wir Beginen waren ein Segen für Magdeburg. Auch darüber könnt ihr viel nachlesen, aber ihr wisst ja schon manches über mich und meine Zeit. Ihr wisst, dass ich nicht zu Elbspaziergängen kam. Ich folgte dem Ruf, dem guten Beispiel des Franz von Assisi, von dem halb Europa beflügelt war. Seine Ideale brachten mich nach Magdeburg: "Worauf Gott seine Hoffnung setzt, das wage ich. Es zog mich um der Liebe Gottes willen in die Stadt."

Ich war ein ziemlich junges Ding, wie man so sagt. Seit meinem zwölften Lebensjahr empfing ich täglich einen göttlichen “Gruß”. Bis ins hohe Alter lebte ich von diesem Gruß. Und grüßte zurück. Eigenartig. Manchen Herren war so eine wie ich mindestens mal rätselhaft. Eine Prophetin? Oder eine Spinnerin? Soll man sie verehren oder verbrennen, oder erst verbrennen und dann verehren? Ich war klein genug, um groß zu sein im Himmelreich. Deshalb wollte ich den berühmten kleinen Mann vom heutigen Evangelium ansprechen:

Dann kam er nach Jericho und ging durch die Stadt. Dort wohnte ein Mann namens Zachäus; er war der oberste Zollpächter und war sehr reich. Er wollte gern sehen, wer dieser Jesus sei, doch die Menschenmenge versperrte ihm die Sicht; denn er war klein. Darum lief er voraus und stieg auf einen Maulbeerfeigenbaum, um Jesus zu sehen, der dort vorbeikommen musste. Als Jesus an die Stelle kam, schaute er hinauf und sagte zu ihm: Zachäus, komm schnell herunter! Denn ich muss heute in deinem Haus zu Gast sein. Da stieg er schnell herunter und nahm Jesus freudig bei sich auf. Als die Leute das sahen, empörten sie sich und sagten: Er ist bei einem Sünder eingekehrt.
Zachäus aber wandte sich an den Herrn und sagte: Herr, die Hälfte meines Vermögens will ich den Armen geben, und wenn ich von jemand zu viel gefordert habe, gebe ich ihm das Vierfache zurück. Da sagte Jesus zu ihm: Heute ist diesem Haus das Heil geschenkt worden, weil auch dieser Mann ein Sohn Abrahams ist. Denn der Menschensohn ist gekommen, um zu suchen und zu retten, was verloren ist. (Lk 19,1-10)

Wäre er nur ein kleiner Wicht, körperlich kurzgeraten, wäre es nicht der Rede wert. Er fühlt sich nicht nur klein. Er ist klein. Klein vor Gott. Das ist es. Lies dazu einmal einen meiner Texte:

Das Gebet hat große Kraft, das ein Mensch vollbringt mit aller seiner Macht: / Es machet ein bitteres Herz süß, / ein trauriges Herz froh, / ein armes Herz reich, / ein dummes Herz weise, / ein zaghaftes Herz kühn, / ein kraftloses Herz stark, / ein blindes Herz sehend, / eine kalte Seele brennend. / Es zieht hernieder den großen Gott in ein kleines Herz, / es treibt die hungrige Seele hinauf zu dem Gott der Fülle...

Und wenn du noch einige Zeilen weiterliest, wird dir klar, was manchen wohlbestallten Gottesmann bei mir nervös machen musste. Ich sah nämlich nicht nur Himmel und Erde im Zusammenhang, sondern auch Gott und Mensch, Liebe und Liebe.

... es treibt die hungrige Seele hinauf zu dem Gott der Fülle, / es bringt zusammen die zwei Liebenden, Gott und die Seele, / an einen wonniglichen Ort, / da sprechen sie viel von Liebe.

Gott und die Seele im immerwährenden Rendezvous. Meine Gebete und Visionen wirken nicht nur wie Liebesgedichte, sie sind es. Ich sah, dass Gott mich genauso liebt wie ich ihn. Liebe auf Augenhöhe, stell dir das mal vor. Und so etwas schreibt eine Frau! Ich war eine gottverliebte Frau. Ich wusste seine Sehnsucht nach mir in meinem kleinen Herz. Und wenn ihr aus euren jungen Jahren noch wisst, wie es einem im Verliebtsein geht - bei einer Goldenen Konfirmation kommen ja so manche Erinnerungen - , dann versteht ihr sogar den fatalen letzten Vers.

O weh, ich unglückseliger Sack, / das deshalb, weil ich nicht sterben kann!

Manchmal war ich einfach nur unglücklich in meiner Sehnsucht, weil ich noch nicht bei Ihm daheim war. Ich schaute und schaute. Und wenn ich an unserer Elbe ins Schauen kam, an diesem gewaltigen Strom eurer Sorgen, sah ich das Fließen, das Fließende. Ich weiß, in den Tagen des Hochwassers berührt es euch vielleicht peinlich, was ein altes Weib aus dem Mittelalter vom fließenden Licht der Gottheit schreibt, von Quelle und Brunnen, vom Wasser des Lebens. "Ich bin ein vsvliessende bruñe, den nieman erschöpfen mag..." "Ich bin ein ausfließender Brunnen, den niemand erschöpfen mag ..." Aber das fließende Wasser war und blieb mein Lieblingsbild.

Jetzt aber war für euch die Zeit der Sandsäcke und Deiche, und es beginnen Wochen des Schlamms. Da ich will nicht weiter vom Fließenden sprechen. Jedenfalls nicht in erster Linie. Wie wär es mit Psalm 40?

Ich hoffte, ja ich hoffte auf den Herrn. / Da neigte er sich mir zu und hörte mein Schreien.
Er zog mich herauf aus der Grube des Grauens,  / aus Schlamm und Morast.
Er stellte meine Füße auf den Fels, / machte fest meine Schritte.

Das wünsche ich euch, ja, das wünsche ich euch.
Ich, der glückselige Sack Mechthild, eure himmlische Brieffreundin

PS Zu meinem Entzücken geht der Psalm übrigens schon im nächsten Vers wie folgt weiter:
Er legte mir ein neues Lied in den Mund, einen Lobgesang auf ihn, unsern Gott.
Na bitte.