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Im Post-Archiv finden Sie alle Briefe, die bisher von drüben bei uns ankamen.

Mose erhält die zehn Gebote. (Ausschnit aus einer Briefmarke der Deutschen Post)

Moses Himmelsbrief zum Dritten Sonntag der Fastenzeit (Okuli)

Und du hast das mit deinen eigenen Augen gehört, mit deinen eigenen Ohren geschaut, mein Kind? Ja? Staunenswert. Ich glaube dir. Ich glaube dir aufs Wort. Du weißt, dass auch ich das Wort im Feuer sah, das Feuer im Wort hörte? Ich, Mose, Mann Gottes.

Gut, dass du deine Visionen und Erlebnisse nicht auf den Markt trägst. Denn es wird Leute geben, die Beweise fordern. Sie wollen dir nicht glauben, sondern das Unbegreifliche begreifen, das Unberührbare berühren. Sie wollen Gott - Gott? - im Kalender einplanen. Sie wollen Gott - Gott? - auf möglichst bekannte Worte und Orte festlegen: überraschungsfrei, durchsichtig, gemütlich. Ihr Gott soll sein: praktisch und praktikabel, angenehm temperiert, international anpassungsfähig und optimal verfügbar. Vor allem: ungefährlich, entschärft. Und wortwörtlich soll man ihn zitieren können. Und erhaben soll er sein. Feierlich soll er sein, feierlich und kultiviert. Und konkret, aber natürlich nicht allzu konkret.

Wort im Feuer, Feuer im Wort? Flamme aus dem Dornbusch? Trockenen Fußes durchs Meer? Manna in der Wüste? Wasser aus dem Felsen? Gebote aus der Wolke? Wer soll dich denn verstehen, sagen sie. Vielleicht Schafe und Ziegen, aber doch nicht wir, sagen sie. Wir müssen das dann sowieso übersetzen, deine sonderlichen privaten Offenbarungen. Wir werden deinen Gott übersetzen für alle, bis wir einen brauchbaren, abgesicherten Allerweltsglauben haben. Ja, einen Allerweltsgott brauchen wir. Und keinesfalls zu lebendig soll er sein. Leben tun wir selber, sagen sie. Und damit das funktioniert, müssen wir es gut organisieren, sagen sie. Auch einen Etat brauchen wir, sagen sie, einen Etat, und Lehrer und Führer und Meister und Väter, Durchlauchten und Heiligkeiten und so weiter, also das ganze Programm. Man will nämlich nicht herumrätseln und durch Wüsten irren. Man will Fakten. Lupenreine Fakten und verbindliche Termine. Davon ganz abgesehen: Mit zehn Geboten kommt man nicht durch, sagen unsere Juristen. Und nicht nur sie.

Du aber bist anders. Sie tun nur so, als ob sie leben. Du aber - lebst!  Sie hüten die Asche. Du hütest die Flamme. Sie gucken nach links, gucken nach rechts, verteilen Sonnenbrillen und Rettungsschirme. Du aber schaust. Turnusmäßig nennen sie diesen Sonntag "Augen", Okuli. Einmal im Jahr lasst uns schauen, sagen sie und blinzeln ins Licht. Du aber: "Meine Augen schauen stets auf den Herrn“ (Psalm 25,15)

Alles begann damals in der Steppe. Ich weidete die Schafe und Ziegen meines Schwiegervaters Jitro, des Priesters von Midian. Eines Tages trieb ich das Vieh über die Steppe hinaus und komme zum Gottesberg Horeb. Da: der Engel des Herrn! In einer Flamme aus einem Dornbusch! Ich schaue hin: Da brennt der Dornbusch und verbrennt doch nicht. Sage ich mir: Ich will näher hin gehen und mir die außergewöhnliche Erscheinung ansehen. Warum verbrennt denn der Dornbusch nicht? Als der Herr mich kommen sieht, ruft er mir zu: Mose, Mose!
Sage ich: Hier bin ich. Und der Herr: Komm nicht näher heran! Leg deine Schuhe ab; denn der Ort, wo du stehst, ist heiliger Boden. Ich bin der Gott deines Vaters, der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs. Da verhüllte ich mein Gesicht; denn ich fürchtete mich, Gott anzuschauen.
Sagt der Herr: Ich habe das Elend meines Volkes in Ägypten gesehen, und ihre laute Klage über ihre Antreiber habe ich gehört. Ich kenne ihr Leid. Ich bin herabgestiegen, um sie der Hand der Ägypter zu entreißen und aus jenem Land hinaufzuführen in ein schönes, weites Land, in ein Land, in dem Milch und Honig fließen.
Sage ich: Gut, ich werde also zu den Israeliten kommen und ihnen sagen: Der Gott eurer Väter hat mich zu euch gesandt. Da werden sie mich fragen: Wie heißt er? Und dann, was soll ich ihnen sagen? Antwortet Gott: Ich bin der „Ich-bin-da“. Und weiter: So sollst du zu den Israeliten sagen: Der „Ich-bin-da“ hat mich zu euch gesandt. So sag zu den Israeliten: Jahwe, der Gott eurer Väter, der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs, hat mich zu euch gesandt. Das ist mein Name für immer, und so wird man mich nennen in allen Generationen. (Ex 3, 1-8a.13-15)

Eigentlich hast du dir den Himmelsbrief von deinem geheimen Vorbild erhofft, diesem putzmunteren Greis aus Paris, Stéphane Hessel. Doch er will nun erst einmal seine himmlische Ruhe haben. Er freue sich auf den Tod, hatte Stéphane vor einigen Jahren gesagt: Nicht heute, nicht morgen, aber irgendwann dann eben schon. Sein politisch wunderbar unkorrektes Manifest "Empört Euch!" - Auflage über vier Millionen, übersetzt in 50 Sprachen - hatte dich begeistert. Kannst es ja wieder lesen, sagt er und lächelt. Wir lächeln mit, denn es ist leider selten geworden, dass einer rundum glücklich bei uns eintrifft. Er hatte seine Höllen zu Lebzeiten und muss sie nicht nachsitzen. Gern greife ich aber sein Motto auf: "Empört Euch!" Meine Initialzündung am Dornbusch ermutigte mich zum aufrechten Gang - du kennst mich als Widerstandskämpfer vor dem Pharao -  und befähigte mich zum Anführer eines störrischen Volks - Stichwort Exodus - .

Als sich mein Bruder Stéphane - 1944 von der Gestapo festgenommen, gefoltert und zusammen mit 37 Kameraden ins KZ Buchenwald deportiert – nach Auflösung des Lagers auf dem Transport nach Bergen-Belsen aus dem Waggon befreit hatte, sagte er: "Ich, der auf wunderbare Weise gerettet wurde, habe eine Verantwortung gegenüber jenen, die nicht überlebt haben". Du verstehst, weshalb ich einen wie ihn meinen Bruder nenne. Einen, der sich für die "Sans Papiers" einsetzte, Migranten ohne Arbeits- und Aufenthaltserlaubnis. Einen Juden, der sich im Nahost-Konflikt klar auf die Seite der Palästinenser stellte. Er wusste, was es heißt, die Flamme zu hüten, nicht die Asche. Als Holocaust-Überlebender kannte er das Symbol der Asche und blickte dennoch in die Zukunft: trotzig, hoffnungsvoll. "Empört Euch!", sagte er, war "keine große Sache... Vielleicht die erste Stufe einer Rakete, ein Weckruf an das Bewusstsein..."

Vor einer Reise in den Gazastreifen sagte er vor jüdischem Publikum in Berlin, er könne nicht verstehen, wie ausgerechnet der jüdische Staat nach der Erfahrung des Holocaust, die Menschenrechte derart missachten kann. Und er könne und dürfe nicht schweigen über die sechzigjährige, erbärmliche Existenz von Menschen in Flüchtlingslagern. Das muss ein Ende haben, sagte er, und um dieses Ziel zu erreichen, müsse man auch mit Gruppierungen sprechen, deren Ziele man nicht teilt. Ein Mann wie Mose, flüsterten einige, aber nur sehr leise.

Wie gesagt: er will und darf nun seine himmlische Ruhe haben. Und wiederum und weiterhin: Auch ihr, die ihr noch lebt und Leben vor euch habt, auch ihr habt andere Aufgaben als Archivieren und Grabpflegen und wehmütiges Rückblicken (Stichwort "Fleischtöpfe Ägyptens"). Stéphane hatte sich einst in Gestapo-Haft auf einem Zettel ein Shakespeare-Zitat notiert: "Trauert nicht um mich, wenn ich tot bin."

Also: Augen auf! Eines schönen Tages - und es wird bei aller Tristesse ein schöner Tag sein - wirst du sterbend das verheißene Land erblicken. Vielleicht als Greis, alt und lebenssatt, oder vermeintlich viel zu früh inmitten der Jahre. Augen auf. Und: die Flamme hüten. Augen auf: himmelwärts! Um heute schon zu üben, soll ich dir behutsam und mit Bedacht ein Gedicht meiner Wahl ans Herz legen, sagt Stéphane. Oh, wie er sie liebte, die Poesie. Rund 100 Gedichte hatte er im Lauf seines langen Lebens par coeur gelernt.

Empört euch - und vertraut der Stimme aus dem Feuer!
Dein und euer himmlischer Brieffreund: Mose.

Und hier das versprochene Gedicht.
Von Matthias Claudius (1740-1815):
Die Sternseherin Lise

Ich sehe oft um Mitternacht,
Wenn ich mein Werk getan
Und niemand mehr im Hause wacht,
Die Stern' am Himmel an.

Sie gehn da, hin und her zerstreut,
Als Lämmer auf der Flur,
In Rudeln auch und aufgereiht
Wie Perlen an der Schnur

Und funkeln alle weit und breit
Und funkeln rein und schön;
Ich seh' die große Herrlichkeit
Und kann mich satt nicht sehn...

Dann saget unterm Himmelszelt
Mein Herz mir in der Brust:
"Es gibt was Bessers in der Welt
Als all ihr Schmerz und Lust."

Ich werf mich auf mein Lager hin
Und liege lange wach
Und suche es in meinem Sinn
Und sehne mich darnach.