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Im Post-Archiv finden Sie alle Briefe, die bisher von drüben bei uns ankamen.

Onesimus' Himmelsbrief zum 23. Sonntag (8.September 2013)

Lieber Bruder,

dein Dankeschön ist bemerkenswert. Andere hätten vielleicht endlos herumgejammert. Was bekanntlich nicht hilft.

Ich kann mir gut denken, wie dir zumute war, als du nach der "schlimmen Zeit" wieder zurückkamst an deinen Arbeitsplatz. Die ehemaligen Kollegen würden kaum frohlocken. Nur weil sich der Betriebsrat für dich eingesetzt hat ("Leute: Jeder kann mal Fehler machen"), war die alte Stelle tatsächlich noch frei. Was magst du inzwischen alles erlebt haben. Was hast du alles aushalten müssen. Du sprichst nur von einer schlimmen Zeit. Knast? Psychiatrie? Wie auch immer: Du klagst nicht, du fluchst nicht, du murrst nicht, sondern dankst. Wunderbar!

Da du heute eifrig einen Kirchenbesuch machst und wenigstens eine Kerze anzündest, hörst du vielleicht von mir. Ich bin der Sklave Onesimus, dem Paulus im Gefängnis zum Vater geworden ist. Onesimus nannte man mich, den "Nützlichen". Soweit ich weiß, wäre ich auch dem Apostel nützlich geworden, aber er schickte mich zurück zu Philemon, meinem ehemaligen Herrn, dem ich abhanden gekommen war. Da geht es mir wie dir: Einzelheiten erzähle ich lieber nicht. Es war, wie es war. Jedenfalls führte mich eine innere Stimme zu dem frommen alten Mann im Gefängnis, und so war es gut. Die Lesung, die du heute vielleicht mitbekommst, ist das Begleitschreiben, mit dem ich schweren Herzens zu Philemon zurückkehrte.

So schrieb Paulus:
Ich, Paulus, ein alter Mann, der jetzt für Christus Jesus im Kerker liegt,
ich bitte dich für mein Kind Onesimus,
dem ich im Gefängnis zum Vater geworden bin.
Ich schicke ihn zu dir zurück, ihn, das bedeutet mein eigenes Herz.
Ich würde ihn gern bei mir behalten,
damit er mir an deiner Stelle dient,
solange ich um des Evangeliums willen im Gefängnis bin.
Aber ohne deine Zustimmung wollte ich nichts tun.
Deine gute Tat soll nicht erzwungen, sondern freiwillig sein.
Denn vielleicht wurde er nur deshalb eine Weile von dir getrennt,
damit du ihn für ewig zurückerhältst,
nicht mehr als Sklaven, sondern als weit mehr: als geliebten Bruder.
Das ist er jedenfalls für mich,
um wieviel mehr dann für dich, als Mensch und auch vor dem Herrn.
Wenn du dich mir verbunden fühlst, dann nimm ihn also auf wie mich selbst!

Du weißt - oder weißt es nicht - , was damals Sklaverei bedeuten konnte. Ich hatte eigentlich Glück, denn mein Herr war gut zu mir. Es heißt, bei euch gibt es das nicht mehr. Die Sklaverei sei abgeschafft. Aber viel besser war dein Job wohl auch nicht. Den meisten Leuten ginge es gut, sagen sie, aber einigen eben nicht. Dir zum Beispiel. Trotzdem hattest du wenigstens eine Arbeit. Schlecht bezahlt und mickrig, aber du warst nützlich. Deine Kumpel sahen das eher kritisch. Sie sagten, du lässt dich ausnützen. Da ist was dran. Aber schau: Du bist wenigstens nütze. Manche sind nicht einmal das.

In deiner schlimmen Zeit kam dir deine gebrechliche Großmutter in den Sinn, die wirklich nicht mehr viel leisten konnte, schwer hörte und wenig sah. Ihr habt ihr immer wieder versichert, dass ihr sie ja einfach lieb habt, auch so, und dass sie doch genug gearbeitet hätte. Ja, schon, sagte sie, aber es ist noch schöner, wenn man noch gebraucht wird. Es freut mich, dass ihr mich liebt, aber noch mehr, dass ihr meine Quittenmarmelade liebt. Wie gern sie nütze war! Auch mich nannten sie den Nützlichen, und das tat gut.

Weißt du: Unser Nutzen ist vielleicht klitzeklein. Vielleicht ist es wie bei jenem Thujabaum, den ein Gärtner längst abhauen wollte, weil er zu schnell wächst, kaum Laub trägt, Licht und Boden verbraucht, aber sonst zu nichts dient. Und doch nimmt alle Morgen eine Amsel auf ihm Platz und singt den Tag ein. Und macht den Gärtner froh. Wer weiß, sagt er sich, wo sie sonst singen würde. Und lässt den Baum stehen.

Wie ich so am Schreiben bin, lächelt mir eine Dichterin ins Herz, Hilde Domin. Ich weiß dir ein schönes Gedicht, sagt sie, und natürlich weiß sie mehr als eines. Aber dieses eine passt besonders. Leg es dem Himmelsbrief bei, sagt sie, wenigstens einige Zeilen. Das will ich tun, Bruder, und ich wünsche dir eine glückliche Rückkehr in dein altes, neues Leben. Und dass sie dir nicht Vorwürfe machen, sondern dir wohl wollen.

Dein himmlischer Brieffreund: Onesimus

Hier aus dem versprochenen Gedicht:

Wie wenig nütze ich bin.

Die Zeit verwischt mein Gesicht,
sie hat schon begonnen.
Hinter meinen Schritten im Staub
wäscht Regen die Straße blank
wie eine Hausfrau...

Ich war hier.
Ich gehe vorüber
ohne Spur...

Ich gehe vorüber -
aber ich lasse vielleicht
den kleinen Ton meiner Stimme,
mein Lachen und meine Tränen
und auch den Gruß der Bäume im Abend
auf einem Stückchen Papier

Und im Vorbeigehn,
ganz absichtslos,
zünde ich die ein oder andere
Laterne an
in den Herzen am Wegrand.