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Im Post-Archiv finden Sie alle Briefe, die bisher von drüben bei uns ankamen.

Philipp von Moskau schreibt nach Leipzig
zum 21. Sonntag nach Trinitatis (20. Oktober 2013)

„Jesus Christus erbarme dich meiner”
„Jesus Christus erbarme dich meiner”
„Jesus Christus erbarme dich meiner”
„Jesus Christus erbarme dich meiner”
„Jesus Christus erbarme dich meiner”

Dein Einatmen und Ausatmen, Alessia, alle Tage.
Gebet in Fleisch und Blut. Gebet mit deinem Herzschlag, ohne Unterlass.
Das Jesus-Gebet. Herzensgebet.

Gut, Alessia, sehr gut. Wie schon der Apostel empfiehlt: „Betet ohne Unterlass!” (1. Thess 5,17)

Und gestern: warum so betrübt?

Gestern...

Wie alle Tage sitzt du hinter dem kleinen Verkaufstisch in der russischen Gedächtniskirche. Aber es war nicht wie alle Tage. Da kamen manche neuigierige Völkerschlachtenbummler, aber vor allem viele nachdenkliche Christen der Friedensbewegung. Sie wollten ganz bewusst einen anderen Akzent setzen während der Tage des großen Spektakels zur kostümierten Wiederaufführung der berühmten Völkerschlacht. 200 Jahre danach: Krieg als Touristenmagnet.

Besonders ergreifend war der Donnerstagabend in der Krypta, als die Kerzen an Soldatensärgen entzündet wurden und die Ektenie gesungen wurde, das „Ewige Gedenken“.

Auf den Gebetsruf des Priesters ("Lasset uns zum Herrn beten") die Antwort: "Zu Dir, O Herr!" Und dann - so ist es unsere Tradition, betet der Priester leise: "Gott der Geister und allen Fleisches, der Du den Tod zertreten, dem Teufel die Macht genommen und Deiner Welt das Leben geschenkt hast, O Herr, lass die Seelen Deiner entschlafenen Diener am Orte des Lichtes, am Orte der Wonne, am Orte der Ruhe, wo aller Schmerz, aller Trübsal und alle Klage entflieht. Vergib ihnen, gütiger und menschenliebender Gott, alle Sünden die sie in Worten, Werken oder Gedanken begangen haben, weil es keinen Menschen gibt, der gelebt und nicht gesündigt hat. Du der Einzige bist allein ohne Sünde. Deine Gerechtigkeit ist ewige Gerechtigkeit und Dein Wort ist die Wahrheit." Und dann laut, vernehmlich: "Denn Du bist die Auferstehung, das Leben und die Ruhe Deiner entschlafenen Diener sowie jener im Kampf für ihr Land Gefallenen und in den Wirren der Kriege Umgekommenen, Christus, unser Gott, und zu Dir senden wir Verherrlichung empor, zugleich auch Deinem anfanglosem Vater und Deinem allheiligen und lebenspendenden Geiste, jetzt und immerdar und von Ewigkeit zu Ewigkeit..."

Ja, Alessia, aber dir geht jene schmächtige junge Frau nicht aus dem Sinn. Seit Wochen kommt sie fast jeden Tag, opfert eine Kerze und flüstert meinen Namen: Philipp, hörst du mich?

Ich weiß, dass sie nicht mich meint, aber ich fühle mich sehr angesprochen. Ich, Philipp von Moskau, einer der Heiligen der russisch-orthodoxen Kirche. Gewiss könnte Sankt Alexej, euer verehrungswürdiger Kirchenpatron, den Himmelsbrief schreiben, aber es sind die Tränen einer jungen Frau, die mich angehen.

Zu mir nur so viel: Geboren am 11. Februar 1507, ermordet am 23. Dezember 1569. Mit bürgerlichem Namen hieß ich Feodor. Als ich nach geistlichen Wanderungen ins Solowki-Kloster kam, empfing ich nach der Probezeit die Mönchsweihe auf den Namen Philipp, Jahre später wurde ich Abt. Zar Iwan IV. ("der Schreckliche") wollte mich als Metropolit von Moskau. Das war im Juli 1566. Aber ich war - oder wurde - zum Gegner des Zaren. Am Sonntag Kreuzesverehrung im März 1568 kam es zum Eklat. Der verbrecherische Zar wollte von mir gesegnet werden. Ich weigerte mich. Und ich wusste, was das heißt. Man besorgte falsche Zeugen, die gegen mich aussagten und mich der Hexerei beschuldigten. Iwans Schergen kamen und rissen mir mitten im Gottesdienst - es war am 8. November 1568 - die liturgischen Gewänder herunter und setzen mich gefangen. Doch offensichtlich stellte ich immer noch eine Gefahr dar. Also ließen sie mich ermorden.

Und was, Alessia, hat meine Geschichte mit eurer Gegenwart zu tun, mit der Erinnerung an jene schreckliche Völkerschlacht? Wie gesagt: der Name Philipp, mit Tränen angerufen in der russischen Gedächtniskirche – so schön gelegen am Rand des Friedensparks, gerade jetzt in den herbstlichen Farben - ... der Name bringt mich zu dir. Ein Name, der wohl zu einem jungen Mann gehört, so wie ich die klagende Frau verstehe. Einer, der dem Lebenskampf in eurer Welt nicht gewachsen war. In einer Welt voller Härten, voller Gewalt. Einer, der eines Tages einfach ging, unterging. Vor seinem traurigen Tod hat er oft eure Kirche besucht.

Einige Jahre ist es her. Die Frau mit den Kerzenopfern - seine Freundin, nehme ich an - hat ihn nicht vergessen. Als sie nun von der historischen Wiederaufführung der Völkerschlacht in Leipzig hörte, reiste sie an. Denn auch ihr Freund ist für sie ein Kriegsopfer. Und sie war dankbar, dass es nicht nur bunte Uniformen, Lagerfeuerromantik und Marschmusik gibt. Sie las, dass in vielen Leipziger Kirchen gebetet wird, getrauert und erinnert. Also auch in eurer Gedächtniskirche.

Man stelle sich vor: In jenem Gemetzel vor 200 Jahren wurden von den rund 600.000 beteiligten Soldaten etwa 100.000 getötet. Und dann noch die vielen Verwundeten. Und die Überlebenden: alle traumatisiert. Schlachtopfer: Franzosen, Russen, Österreicher, Preußen, Schweden. Einer der unzähligen Kriege auf Erden. Eine der unzähligen, unseligen Schlachten. Ach, und all die Tränen um die Toten und Vermissten.

Lange hast du jener Besucherin nachgeschaut, Alessia. Und du hast sie im Herzensgebet geborgen. Sie und jenen Philipp. Dein Platz ist am Verkaufstisch. Kerzen, Bücher, Rosenkränze, CDs. Du hütest und liebst eure Kirche mit all den schönen Ikonen. Und du spürst, dass diese unbekannte Frau einen lieben Verstorbenen immer noch vermisst.

Vermutlich gehört sie nicht zu eurer Gemeinde. Vielleicht hört sie heute - am 20. Oktober - in einer Leipziger Kirche das Evangelium vom Tag. Johannes 15, 9-17. Vielleicht. Hoffentlich.

Aus dem Vermächtnis Jesu:

Wie mich der Vater geliebt hat, so habe auch ich euch geliebt.
Bleibt in meiner Liebe ... 
Das ist mein Gebot: Liebt einander, so wie ich euch geliebt habe.
Es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben für seine Freunde hingibt...
Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt und dazu bestimmt,
dass ihr euch aufmacht und Frucht bringt - und dass eure Frucht bleibt.
Dann wird euch der Vater alles geben,
um was ihr ihn in meinem Namen bittet...

Sei behütet, Alessia, gute Seele am Verkaufstisch,
und auch du, Unbekannte, die meinen Namen rief.
Und seid behütet, Soldaten und Zivilisten in aller Welt!
Auf dass die Verheißung der Propheten endlich endlich greift:
"Sie werden Schwerter zu Pflugscharen machen." (Jesaja 2,4)
Und "Sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen." (Micha 4,3)

Euer himmlischer Brieffreund: Philipp
Mit Grüßen von Jesaja und Micha