Zur gott.net Wochenausgabe
zur gott.net Übersicht

»Post-Archiv

Im Post-Archiv finden Sie alle Briefe, die bisher von drüben bei uns ankamen.

Pietro da Marrone

 

 

 

 

 

 

Pietro da Morrones Himmelsbrief zum Sonntag Invocabit, 17. 2. 2013

Meine lieben Brüder, aus gegebenem Anlass habt ihr nach mir gefragt, nach der berühmten Ausnahme von der Regel, einem gewissen Pietro da Morrone, dem zurückgetretenen Papst Coelestin V., einer Rarität des Mittelalters. Dass ich darauf mit einem Himmelsbrief reagiere, überrascht mich selbst. Auf weite Strecken hat mir mein seelenverwandter Freund Reinhold Schneider beim Formulieren geholfen. Kaum einer hat so einfühlsam wie er meinen Konflikt aus der Schublade der Geschichte ins Leben gerufen. Und einer wie ich, zum Einsiedler berufen und in einer schwachen Stunde - einer schwachen Stunde der Kirchengeschichte - Papst geworden - für manche eine totale Fehlbesetzung - einer wie ich ist kein großer Briefeschreiber.

Ihr seid mir nicht unsympathisch. Abgesehen vom unverzichtbaren Skat am Sonntagsstammtisch lebt jeder von euch nach Art der Einsiedler. Nein, ich verstehe nichts vom Kartenspiel. Vom Altwerden redet ihr oft, von Gebrechen und Grenzen und Abschieden. Vor wenigen Jahren wart ihr schon mal zwölf an der Zahl, die durstigen Apostel, wie sie euch nannten. Oder hieß es die lustigen Apostel? Ja, auch das Gehör lässt nach. Seit ihr nur noch zu dritt seid, fiel euch ein, dass ja jeder ein alter Skatbruder ist. Eines Tages dann Schach oder Mühle, und dann Patience. Und dann?

Das hat alles noch Zeit, sagt ihr, und altert. Jeder Tag hat seine Plage, und jeder Tag hat seinen geregelten Ablauf. Ich habe mir erlaubt, vor diesem Brief jedem von euch über die Schultern zu schauen. Euch verbindet nicht nur das Kartenspiel, nicht nur der Stammtisch. Ihr lebt - sagte ich es schon? - nach Art der Einsiedler. Bei mir zum Beispiel kamen alle Tage Raben zu Besuch. Sie rechneten fest mit ihrem Futter. Ihr kennt das. Was dem einen sein Rabe, ist dem andern seine Amsel. Ich war anspruchslos, vor allem liebte ich gutes Brot und Oliven. Alle paar Tage kamen Nachbarn aus der Gegend, Bauern, und brachten mir was. Ihr kennt das auch: Essen auf Rädern. Nur in einer Hinsicht war ich nicht anspruchslos. Da war ich anspruchsvoller als viele. Ich wollte eine bessere Welt. Und ich bin froh, dass ihr euch vor dem Stammtisch in die letzte Kirchenbank drückt. Wenn ein Lied kommt, das auswändig geht, singt ihr mit. Das Gesangbuch wird aufgeschlagen, irgendwo, die Brille nützt nicht mehr viel. Eines schönen Tages wird man ein zerblättertes Gesangbuch finden mit einem Strohhalm als Lesezeichen. Es ist übrigens das alte Gesangbuch. Die Nummern stimmen längst nicht mehr. Aber das macht nichts.

Da sitzt ihr also am viel zu großen Stammtisch in der Ecke unterm Kruzifix und habt euer Thema. Seit Wochen geht es um Rücktrittsgeschichten. Die Königin Beatrix zum Beispiel, sagt ihr, die war klug. Rechtzeitig, rüstig, geliebt. Oder die Schawan, die war auch klug, aber nicht rechtzeitig. Oder wisst ihr noch: die Bischöfin Käsmann?  Aber dass der Papst zurücktritt, das hätte keiner gedacht. So kamt ihr auf mich. Zuerst gab es was zu lachen. Es war Rosenmontag. Im Radio habe sich einer versprochen: "Der Papst gab seinen Rücktritt bei einer Karnevalsversammlung im Vatikan bekannt, Pardon, bei einer Kardinalsversammlung im Vatikan..." Alt genug war er ja, sagt ihr, und man sieht ja auch, wie er abbaut. Jaja, sagt ihr, Prost, Prostata. Aber dass er zurücktritt! Verstehen kann man es. Altershalber, und vielleicht auch frustriert, sagt ihr, bei dem, was er alles aushalten musste. Nein, das ist kein Zuckerschlecken. Und da schon seid ihr beim Alterszucker. Neu ist das auch nicht, aber da bringt die Sophie vorgewärmtes Bier.  Alex mischt und muss geben. Theo muss hören. Horst muss sagen. Geben, hören, sagen. Das sind so eure Sprüche. Ich verstehe nichts vom Kartenspiel. Sagte ich das schon?

Mein Leben in der Einsiedelei, hoch droben, hinter den sieben Bergen, in den Abruzzen, das war schön! Dass sie mich zum Papst wählten, kam für mich und meine Bauern wie ein Blitz aus heiterem Himmel, besser: wie ein Meteorit. Noch so ein Thema. Es war im Jahr 1294. Schon seit zwei Jahren gab es keinen ordentlichen Papst mehr, also gar keinen. Ordentlich waren damals sowieso nicht alle. Was mich betrifft, war ich außerordentlich. Später ist man immer gescheiter. Später sagten manche, ich hätte die Wahl gar nicht annehmen dürfen, ich, der fromme Eremit in den Bergen, naiv, ahnungslos, ein Engel, ein Kind, aber eben doch kein Mann von Format. Originell und etwas peinlich. Kommt auf einem Esel daher. Lässt sich alle paar Tage von den Bauern Oliven, Brot und streng riechenden Käse bringen. Vegetarier! Will kein Tier töten. Richtet sich im Palast eine Klause ein. Jesus!

Hätte ich also die Wahl annehmen sollen oder nicht? Manche sahen in mir den Papa Angelicus, den Engelspapst. Man erinnerte sich an Weissagungen eines Mönchs namens Joachim von Fiore. Ein Engelspapst sollte ein neues kirchliches Zeitalter einläuten. War ich das? Bald schon kamen mir Zweifel. Denen, die mich gewählt hatten, kamen sowieso bald Zweifel. Hatten sie mich nicht nur halbherzig gewählt? Damit der Thron des Petrus (Thron: wenn ich das schon höre) endlich wieder besetzt war. Ich will nicht übel von ihnen reden. Sonst müsste ich ja auch übel von Gottes Vorsehung reden. Das kann ich nicht. Das will ich auch nicht. Als Papst Coelestin V. fühlte ich mich meinem Amt bald nicht gewachsen und legte es schon nach wenigen Monaten nieder. Auch das Heimweh spielte mit, das Heimweh nach meiner Berufung, Heimweh nach meiner lieben Klause am Gran Sasso.

Mein Freund Reinhold Schneider - sagte ich das schon? - hat sich sehr schön ausgemalt, wie es in meinem Herzen aussah. Er hielt viel vom Amt des Papstes im Allgemeinen, nicht ganz so viel von den Päpsten im Besonderen. Jedenfalls war ich ihm ein Theaterstück wert: "Der große Verzicht". Und dem entnehme ich manches, was mir selbst gar nicht so klar war. Dein Problem, sagte er mir, war das Grundproblem der Geschichte. Gewissen und Amt, Macht und Moral gehen schlecht zusammen. Ein Heiliger als Papst: schwierig, schwierig. Ich zitiere aus dem Stück...

"Welches Recht habe ich, mich nach dem Frieden meiner Berge zu sehnen? Habe ich nicht diesen Frieden gebrochen - durch meinen Wunsch, meinen verborgenen unseligen Wunsch? Wenn es aber so ist, wenn ich der Friedensbrecher bin - mein Gott und Herr, was war dann die Wahl? War sie Versuchung? Kann sie Versuchung sein? Geschieht sie etwa nicht unter dem Gebote des Geistes? Aber gewiss ist auch das andere, dass nur der Reine sie annehmen darf. War ich rein? Und wieder: wenn ich es nicht war und Petri Krone doch annahm; wenn ich tat, was ich nicht durfte, und das auf dem höchsten Gipfel der Welt: was bin ich dann?"

13. Dezember 1294. Ich betrete - so erzählt Reinhold - den Saal mit den Kardinälen: "Die Krone auf dem Haupte, auf einen Stab sich stützend, eine Schriftrolle in den Händen haltend". Ich bin alt und nicht mehr gut zu Fuß. Ich bitte Kardinal Benedetto Gaetani (meinen Nachfolger) sehr leise, meinen Arm ein wenig ausstreckend: "Ich bitte dich, Bruder, willst du mir ein wenig helfen?" Aber Gaetani ist auf Vorgänge auf der Straße aufmerksam geworden und hat meine Geste nicht bemerkt. "Nicht? Nicht? So muss ich es allein versuchen... Der Herr stehe mir bei in dem, was ich jetzt zu sagen habe. Ich werde schwerlich die rechten Worte finden, auch ist mein Leib so hinfällig geworden, dass es mich Mühe kostet, zu stehen und zu sprechen...  Ich habe viele Worte gehört, die mich verletzten. Das hat dazu beigetragen, dass mich Körper und Seele schmerzen und ein jeder Atemzug mir wehe tut. Es ist auch noch immer wahr: dass ein Wunder hätte geschehen müssen; nur habt ihr darin sehr geirrt, dass ihr es von mir erwartet habt. Das aber weiß ich mit Bestimmtheit: eine andere Zeit muss und wird beginnen; ich weiß nicht, ob es heute oder morgen geschehen wird... Dann, ehrwürdige Brüder - lasst den großenTraum mich einmal aussprechen, denn dieser Traum muss weltbeherrschende Wirklichkeit werden - dann erst werden alle Ämter, Kronen, Herrschaften auf Erden gefesselt sein an die Krone des ewigen Wortes, der Wahrheit; dann wird das Lamm neben dem Löwen ruhen, die Völker werden einander nicht mehr schaden, und der Herr wird herstellen die Wüste zu einem Garten, wie es der Prophet gesagt hat. Dieses Wort besteht, denn es ist nicht unser Wort, sondern Gottes..."

Ach, das und noch viel mehr hätte ich zu sagen. Für heute mag es genug sein. Heute ist Sonntag Invocavit, der erste Fastensonntag. Die Versuchungsgeschichte wird vorgelesen, aus Lukas 4,1-13: "Da zeigte der Teufel ihm in einem einzigen Augenblick alle Reiche der Erde. Und er sagte zu ihm: All die Macht und Herrlichkeit dieser Reiche will ich dir geben; denn sie sind mir überlassen, und ich gebe sie, wem ich will. Wenn du dich vor mir niederwirfst und mich anbetest, wird dir alles gehören. Jesus antwortete ihm: In der Schrift steht: Vor dem Herrn, deinem Gott, sollst du dich niederwerfen und ihm allein dienen..." Seht ihr, auch diese Bibelstelle ging mir durch den Kopf. Vor allem aber liebte ich die Geschichte vom sinkenden Petrus, der im Glauben übers Wasser schreiten kann, im Zweifel untergeht und im Untergang nur eines sucht: die Hand des Barmherzigen! Es hat mich tief berührt, dass Papst Benedikt in seiner Amtszeit zweimal mein Grab besucht hat. Ich kann mir gut denken, was ihm da durch Kopf und Herz ging. Und ich weiß auch, dass er von Reinhold Schneider eine hohe Meinung hat. Mögen seine kommenden Jahre gesegnet sein!

Euer himmlischer Brieffreund: Pietro