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Rainer Malkowskis Himmelsbrief zum 14. Sonntag nach Trinitatis

Zehn Jahre? Eine lange Zeit, wenn du sie im Dunkeln absitzen musst. Ein Schwuppvorbei, wenn einmal alle Sprossen der Himmelsleiter geschafft sind. Zehn Jahre ist es nun schon her, dass ich heimging, wie es in Todesanzeigen manchmal heißt.

Ich: Rainer Malkowski (1939-2003), Dichter und Seher. Seher? Ja, nämlich Augenmensch, Hinschauer. Ach, und während meiner letzten Lebensjahre augenkrank, zuletzt fast blind. Nach einer der ersten Operationen schrieb ich:

Ich habe mich für das Licht
nicht bedankt.
Einmal zog es sich zurück,
und ich konnte im Spiegel
meine Augen nicht finden.
Aber dann kehrte es wieder,
und ich habe mich
flüsternd bedankt.

Ist es nicht so, dass wir erst im Verlieren Wert schätzen? Das Licht, das Augenlicht.

Es hat mich begleitet,
beinahe jeden Tag.

Das Licht, mein Freund, unser liebes Licht.

Es zeigte mir das Meer und die Tiere,
den Schnee auf den Bergen
und im Waldschatten den Farn.

Eine von uns - Ingeborg Bachmann - ahnte sehr gut, was es um das Sehen ist. In der letzten Strophe ihres Sonnengedichts führt sie Klage "über den unabwendbaren Verlust meiner Augen." Vom Augenlicht, Freund im Dunkeln, könnte ich dir viel schreiben, dankbar, staunend, klagend.

Es wies auf die Gegenstände
und lehrte mich sprechen.
Es lehrte mich lesen und schreiben
nach der Natur.

Eines Tages starb ich. Heute sind es zehn Jahre.

Nie
will ich sagen müssen:
ich habe mir die Welt
nicht genau genug
gemerkt.

Zehn Jahre sind es auch bei dir, zehn Jahre im Dunkeln. Zehn aussichtslose Jahre. Aussichtslos? Nicht ganz. Wären da nicht die kleinen Helfer, deine Hoffnungstropfen, die täglichen Zeilen im Abreißkalender. Jeden Morgen muss dir die Schwester den neuen Spruch vorlesen. Noch nie hat sie es vergessen. Für jeden Tag ein gutes Wort, sagst du, nur ein Wort, so wird meine Seele gesund. Gesund für einen Tag, immerhin. Das tägliche Brot deiner umnachteten Jahre.

Heute ist es eine Zeile von mir. Vermutlich wegen meinem runden Sterbetag. Du hörst gut zu, prägst es dir eine und wiederholst.

Hoffnung -
Frühaufsteherin
am schwärzesten Tag.

Hoffnung -
Frühaufsteherin
am schwärzesten Tag.

Hoffnung -
Frühaufsteherin
am schwärzesten Tag.

Dann schaltest du wie alle Morgen das Radio ein, aber ganz ganz leise, damit der Zimmernachbar nicht aufwacht.

Sonntag ist. Die Andacht. Glocken, Orgel und eine sanfte Stimme. Du hast Glück mit dem Text. Er tröstet. Lesung aus dem Buch Genesis, dem ersten Buch Mose, wie man bei euch daheim sagte, Verse aus dem 28. Kapitel: Jakob schaut die Himmelsleiter.

Jakob kam an eine Stätte, da blieb er über Nacht, denn die Sonne war untergegangen.
Und er nahm einen Stein von der Stätte und legte ihn zu seinen Häupten
und legte sich an der Stätte schlafen.
Und ihm träumte,
und siehe, eine Leiter stand auf Erden,
die rührte mit der Spitze an den Himmel,
und siehe, die Engel Gottes stiegen daran auf und nieder.

Und der HERR stand oben darauf und sprach:
Ich bin der HERR, der Gott deines Vaters Abraham, und Isaaks Gott;
das Land, darauf du liegst, will ich dir und deinen Nachkommen geben.
Und dein Geschlecht soll werden wie der Staub auf Erden,
und du sollst ausgebreitet werden gegen Westen und Osten, Norden und Süden,
und durch dich und deine Nachkommen sollen alle Geschlechter auf Erden gesegnet werden.
Und siehe, ich bin mit dir und will dich behüten, wo du hinziehst,
und will dich wieder herbringen in dies Land.
Denn ich will dich nicht verlassen,
bis ich alles tue, was ich dir zugesagt habe.

Als nun Jakob von seinem Schlaf aufwachte, sprach er:
Fürwahr, der HERR ist an dieser Stätte, und ich wusste es nicht!
Und er fürchtete sich und sprach:
Wie heilig ist diese Stätte!
Hier ist nichts anderes als Gottes Haus,
und hier ist die Pforte des Himmels.
Und Jakob stand früh am Morgen auf und nahm den Stein,
den er zu seinen Häupten gelegt hatte,
und richtete ihn auf zu einem Steinmal
und goss Öl oben darauf
und nannte die Stätte Bethel.

Nun beginnt die Radiopredigt, aber du schaltest aus und träumst lieber selbst mit deinen leeren, offenen Augen weiter. Du siehst die Leiter, die Leiter und den Stein. Und da will ich dir meinen Himmelsbrief ins Herz sagen. Auslegung, nicht nach Art der Schriftgelehrten, sondern auf meine Art. Ich steige mit dir die Sprossen auf und ab und auf und ab - und auf.

Nimm meine Worte als Geländer, als Handlauf für diesen einen Tag.

Zeilen, die mir bei Jakobs Stein in den Sinn kommen:

Wie sollen wir Geduld
miteinander haben,
wenn wir nicht von Zeit zu Zeit
auf Dauerhafteres sehen -
auf den ruhig atmenden Stein
gewisser Skulpturen im Park...

Spürst du, wie der kalte Stein die Wärme deiner Hand annimmt?

Leben vom Leben,
das uns heilt,
an welcher Stelle wir ihm auch die Hand auflegen.

Und zwei Zeilen, die mir zur Himmelsleiter einfallen:

Die Toten ... werfen Strickleitern
über die Mauer.

Ich werfe dir eine zu, Freund, eine leise Leiter aus Worten, gestrickt aus lauter Licht.

Viel, viel zu viel kommt mir in den Sinn, was dir, Freund, drunten im Dunkeln vielleicht hilft für diesen einen Tag. Ich weiß, dass du Tage und Nächte deine inneren Bilder betrachtest. Vielleicht erinnerst du dich an Szenen in der Natur. Ich jedenfalls sah mich immer wieder bei Blumen und Sträuchern und Bäumen - die nicht in den Himmel wachsen - und sah ganz genau hin:

Fünf Stengel,
Fünf Blütenblätter,
Fünf Staubgefäße.
Schöne Genauigkeit. -
Schwester, ich lege den Arm um dich. -
Einmal am Tag wirklich sehen,
im Ungefähren ist das
schon viel.

Damit lass mich für heute schließen. Du bist innen reicher als viele. Lassen wir es damit gut sein. Wer weiß, an wen und was du dich heute erinnern wirst...

Manchmal erbarmt sich
dann mein Gedächtnis −
und beginnt,
für den Kurzsichtigen
zu sehen.

Dein Zimmernachbar wird jetzt fernsehen. Nur gut, dass er einen Kopfhörer hat. Was mag er sehen?

Ihr Armen,
was tut ihr, wenn wir sterben,
unter Menschen, die nur sehen,
was ihr zeigt?
Reduziert
auf das Sichtbare:
wer könnte so leben.

Ich grüße dich.
Rainer, dein himmlischer Brieffreund