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Im Post-Archiv finden Sie alle Briefe, die bisher von drüben bei uns ankamen.

Dr. Reinhold Stecher

 

 

 

 

 

 


Zu einer Predigt von Reinhold Stecher gelangen Sie »hier!


 

TV-Programmtipp!
Am Samstag,
9. Februar 19.25 Uhr, zeigt ORF III im Gedenken an Reinhold Stecher: „Bergsteiger und Menschenfischer"


Reinhold Stechers Himmelsbrief – auch zur Jahreslosung 2013

Meine Lieben, nicht traurig sein! So gut kanntet ihr mich doch. Euren Reinhold, Bischof, Tiroler, Bergsteiger, Hobbymaler, Bruder, Freund. Nein, nicht traurig sein! Ich bin nicht tot. Ich bin daheim. 

Kaum eine Woche ist es her, da wart ihr in Sorge um mich. Als ihr hörtet, dass man mich ins Krankenhaus brachte. Das war am Montag. Ihr habt für mich gebetet, an mich gedacht. Aber seien wir ehrlich: Ich war alt genug. Bei meinen Spaziergängen über die Friedhöfe - und ich tat es oft und tat es gern - las ich viele vertraute Namen. Die meisten Weggefährten waren schon am Ziel. Es war an der Zeit. Am Dienstagabend atmete ich noch einmal ein. Dann aus.

Ihr wisst, wie gern ich in meinen Predigten anschaulich war. Kirchliche Sprache sollte sein: Jenseits von "Sprachkonserven, die schon längst das Ablaufdatum überschritten haben". Und immer glaubte ich an die Kraft des Persönlichen. Meine Briefe schrieb ich immer noch am liebsten von Hand. Was für ein Segen, wenn Menschen noch richtigen Menschen begegnen, auch in der Kirche. Dass inzwischen so viele katholische Gemeinden keinen eigenen Pfarrer mehr haben - und das ganze Desaster oftmals nur wegen der Zölibatsverpflichtung - , was hat mich das geärgert! Manche kennen meine berüchtigten Briefe an den Papst. Ein Thema für sich. Jedenfalls sind wir jetzt beide im Himmelreich und haben andere, nämlich keine Sorgen. Seit Mittwoch - aber im Himmel ist immer Sonntag - schreibe ich Himmelsbriefe. Vor allem heute, am Tag nach dem großen Abschied im Dom.

Schöner hättet ihr mir nicht "Pfiat di" sagen können, meine lieben evangelischen Geschwister. Seit Neujahr begleitet uns euer Motto aus dem Hebräerbrief. Ja, es begleitet auch viele Katholiken, gerade einen alten Ökumeniker wie mich. „Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir…“ (Hebräer 13,14). Die Jahreslosung 2013. In den Tageslesungen meiner letzten Wochen kamen Abschnitte aus dem Hebräerbrief. Als ob alle zielsicher auf diesen einen Satz zulaufen: „Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir…“ Das ist es doch: zielsicher auf diesen Satz zulaufen. Gut 91 Jahre - gute 91 Jahre - ließ mich Gott bei euch sein. Danke. Danke. Und ich bleibe euch weiterhin treu. Versprochen. Wir Tiroler halten zusammen. Im Himmel und auf Erden. Alle. Evangelische und Katholische, Christen und Juden. Und Juden!

Liebe jüdische Landleute, Danke auch euch! Wir erinnern uns noch gut an die Kämpfe, bis ich endlich den unseligen Wallfahrten zum Anderl von Rinn den Garaus machen konnte. Dabei war ich sonst eigentlich gern wallfahren. Aber nie willfährig. Damals nicht, als wir die Nazis im Land hatten. Und gewiss auch nicht, wo verhängnisvolle Legenden wie die vom jüdischen Ritualmord das Evangelium ins Gegenteil verkehren und unsere gemeinsamen Wurzeln vergiften. Schlimm genug, dass es so etwas überhaupt bei uns gab. Doch ihr wisst, wie wichtig mir das Brückenbauen war, gerade zu euch. Alle Morgen seid ihr mir nahe, wenn der Tag mit den Laudes und dem schönen Psalm 95 beginnt. Die Psalmen! Euer Gebetbuch - unser Gebetbuch. Eurem Glauben haben wir es zu verdanken. Eurem Glauben haben wir unsagbar viel zu verdanken. Wenn ihr Ende November wieder den silbernen Chanukkaleuchter entzündet, darf ich euer stiller Gast sein, ja? In Erinnerung an 1993, an die Einweihung der neuen Synagoge in der Sillgasse 15, also genau da, wo sie bis zum November 1938 stand.

Psalm 95, was für eine Freude schon am Morgen: "Kommt, lasst uns jubeln vor dem Herrn / und zujauchzen dem Fels unsres Heiles!" Und dann mein Lieblingsvers: "In seiner Hand sind die Tiefen der Erde, / sein sind die Gipfel der Berge." Es war natürlich zweckmäßig, würdig und recht, dass ihr mich unten in der Krypta beigesetzt habt. So schön es unter einem Gipfelkreuz auch gewesen wäre. Aber wer sollte dort zu Besuch kommen, vor allem am Jahrtag im Jänner. Aber noch einmal sehe ich euch vor mir, meine lieben Gipfel. Die Serles natürlich, direkt vor der Haustür, mit dem freundlichen Halt in Maria Waldrast. Wie schön, dass es dort oben wieder ein Kloster neben dem Gasthof gibt. (Und wie klug, dass es den Gasthof neben dem Kloster gibt.) Maria Waldrast. Ort dunkler Erinnerungen. Hier wurde ich von der Gestapo verhaftet. Ach, ihr meine lieben Tiroler Gipfel. Die Feichtener Karlsspitze. Weißkugel. Wildspitze. Pfroslkopf. Similaun. Kreuzjoch. Furgler. Krottenkopf. Gimpel. Zuckerhütl... Und immer der Sinai. Und immer Tabor. Und manchmal Golgotha. Danke. Danke.

"Viele Wege führen zu Gott, einer geht über die Berge." Einer meiner bekanntesten Sätze. Einer von vielen. “Die Berge sprechen mit Bildern. Es ist die einzige Sprache, die sie beherrschen. Diese Bilder dringen in uns ein - und wenn wir seltene Steine gefunden hätten und im Rucksack hinuntertrügen, sie wären nie so kostbar wie diese Bilder. Ewige Wahrheit und viel zeitlose Schönheit sind darin verborgen.” - "Die Berge sind schweigende Lehrer. Sie diskutieren, argumentieren und überreden nicht. Sie drängen sich nicht mit penetranter Rhetorik in unser Bewusstsein. Sie wahren – auch heute noch – weite Räume der Stille. ... Der Teppich des Schweigens muss ausgerollt werden, damit die Ehrfurcht Einzug halten kann." - "Selbst für den, der nicht gläubig ist, kann ein Gipfelkreuz oder der Eintrag ins Gipfelbuch Anstoß zum Nachdenken sein."

Was für ein Geschenk, eure Gesichter und Gedanken, eure Gebete und Gesänge, gestern im Dom. Anrührend deine Predigt, lieber Manfred. Danke. Eindrucksvoll, der Zug durch die Straßen der Altstadt. Danke, Unüberhörbar euer Ehrensalut, liebe Schützen. Danke. (Eigentlich schade, dass man als Leichnam keine Gänsehaut bekommt.)

Eure Gesichter. Was einem da alles in den Sinn kommt. Habe ich euch richtig erkannt, die „Klarinettenfeen“ aus Hatting? War das bei euch, wo das Mikrofon nicht richtig funktioniert hat? Und Jana, Laura, Theresa aus Matrei. Das war doch beim Operetten- und Handwerkeradvent, stimmt's? Und ihr dort drüben, wart ihr nicht mit dabei in Kaltenbrunn? Wisst ihr noch: unsere Wallfahrt? Die Geschichte vom Rucksack? Und da, der Vizebürgermeister vom Kals am Großglockner. Eure kleine romanische St. Georgs-Kirche war im vergangenen Jahr mein Aquarell für die jährliche Weihnachtsmarke der Post. Und dann konnte das Bild beim Versteigern noch ordentlich Geld machen für meine Aktion "Wasser zum Leben". Ihr wisst ja, wie sehr mir das bitterarme westafrikanische Mali am Herzen lag, und wie viel Sorgen wir uns unterdessen machen mussten, weil sich der Krieg zur Armut gesellte.

So viele Gesichter, so viele Geschichten. Bei einem Gesicht bin ich mir nicht sicher. Du könntest jener schwerbehinderte Firmling sein, jener Bub, den ich nie vergessen habe. Das muss ich einfach noch einmal erzählen...

"Es war meine kürzeste Predigt: Liebe Kinder, die Mama und der Papa und die Geschwister haben euch lieb. Sie wollen euch zeigen, dass sie euch gern haben. Dann streicheln sie euch über den Kopf und die Haare und die Wangen, so wie ich das jetzt beim Rudolf und bei der Anita mache. Und bei der heiligen Firmung - da streichelt euch der liebe Gott, weil er euch lieb hat. Wenn ich also mit diesem heiligen Öl ein Kreuz auf die Stirn mache, streichelt euch der liebe Gott...

Wie ich dann zur Firmung hinuntergehe, komme ich zu einem Buben, den die Mutter mühsam in den Armen hält, um die fahrigen Bewegungen des Spastikers einigermaßen im Griff zu haben. Und wie ich das Kreuz mit dem heiligen Öl auf die Stirn machen will, verzerrt sich sein Gesichtchen - ich weiß nicht, dass das ein Lächeln sein soll -, und er gurgelt mühsam hervor: Scht-reicheln... Und aus dem Mundwinkel rinnt ein wenig Speichel auf den schönen Festtagsanzug. Die Mutter nimmt das Taschentuch und wischt ihn ab, und dann gebraucht`s sie`s gleich noch einmal, um ihre Tränen abzuwischen. Kein Predigtecho und kein tosender Beifall in einer Kongresshalle haben mich je so gefreut wie dieses Wörtchen Scht-reicheln des Schwerstbehinderten." Danke. Danke.

Ihr merkt schon: Wenn ich so weiterschreibe, komme ich nie zum Schluss. 91 Jahre, da passt eben viel rein. Umso besser, dass ich jetzt umgezogen bin, himmelwärts. Noch ein paar Jahre, wer weiß, wie es mir ergangen wäre. Kennt ihr die Anekdote aus dem Leben von Papst Leo XIII.? Er wurde 93 Jahre alt. Beim Besuch eines befreundeten Priesters, der ihm im hohen Alter zum Geburtstag gratuliert hatte, soll der Papst gemeint haben: „Wir fühlen noch nichts von unserem Alter.“ Darauf der Priester: „Dafür aber die anderen.“

Beim Fest zu meinem 90. Geburtstag sah ich mich im Zug sitzen, der langsam aus meinem Lebensbahnhof rollt. Und seine Räder singen leise und rhythmisch: Danke, danke. Dabei bleibt's. Pfiat enk!,

Euer Brieffreund im Himmel: Reinhold