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Im Post-Archiv finden Sie alle Briefe, die bisher von drüben bei uns ankamen.

 

Richie Havens
Freedom at
Woodstock 1969
Link auf Youtube

Richie Havens zum Sonntag Kantate 2013

Hallo, John, find ich gut, richtig gut, dein Requiem für mich. Meine Songs und deine Songs zum Sonntag Kantate. Und das mit deiner bärenstarke Stimme, Mann. Erinnert mich irgendwie an Tom Waits. Trinkst du? Deine Schüler behaupten, du gurgelst morgens mit Whisky.

Schon komisch, dass sich ein altgedienter Studienrat für Latein und Geschichte daheim zum Kaffee Vinyl-Singles reinzieht und von Woodstock träumt. Und jetzt hast du gehört, dass ich in die ewigen Jagdgründe gegangen bin. Okay. Früher oder später kommt jeder dran. Und wenn nicht Knall auf Fall wie bei mir - Herzinfarkt mit 72 - , dann step by step. Du spürst jetzt das Wetter und trägst warme Wollsachen an Tagen, wo du früher noch barfuß durchs Gras gingst. Und deine Stimme, Mann, deine Stimme wird immer noch kratziger. Und manchmal ist sie einfach ganz weg. Toll. Aber die Gitarre! Die hast du immer noch gut im Griff, das muss man dir lassen. Eine Gretsch, nicht wahr? Bluesig-nasal. Oh Mann, wissen wir denn, ob wir Gitarre auf der Gitarre spielen - oder die Gitarre auf uns?

Ist bei euch in Germany, in Munich, ein Freak wie du eigentlich normal? Dein Bart sei biblisch, sagen sie und lachen. Auch deine persönlichen Charts könnten noch aus Little Davids Zeiten stammen. Oldies, mindestens mal das. Und du: Gruftie total. Aber was heißt schon normal. Jedenfalls bist du ein Original. Echt. Kein Mitläufer. Ein Bekenner, der mitten in der Höhle des bayerischen Löwen die Borussia-Fahne ins Fenster hängt. Aber zurück zum Ausgangspunkt, zu deinem Requiem. Fenster zu, Vorhang dicht, Kerzen an, und jetzt singst du, flüsterst heiser unsere Songs. Alles, was du noch auf Lager hast. Ein Requiem für den guten alten Richie. Nett.

Requiem. Ein religiöses Wort. Vor mir musst du dich nicht rechtfertigen. Du weißt, dass ich vom Gospel komme, vom Evangeliumsingen. Dass bei euch ein Sonntag Kantate heißt, "Singet!", ist gut. An der Schule lässt du das Thema außen vor. Nur einmal, als sich einer eurer Schüler das Leben genommen hatte, da hast du dich als Bibelfreund geoutet und vor der ganzen Klasse frei gebetet. Und alle, wirklich alle, senkten den Kopf, manche falteten die Hände, manche hielten sie sich vors Gesicht und schluchzten. Keiner hat gelacht, nicht einmal gelächelt. Weißt du noch?

Vielleicht passt da ganz gut der Text vom Propheten Jesaja im 12. Kapitel, aus der Lesung zu eurem Sonntag Kantate.

Ja, Gott ist meine Rettung;
ihm will ich vertrauen und niemals verzagen.
Denn meine Stärke und mein Lied ist der Herr.
Er ist für mich zum Retter geworden.
Ihr werdet Wasser schöpfen voll Freude
aus den Quellen des Heils...

Und noch stärker - für Leute wie dich und mich - die Übersetzung des Juden Martin Buber:

Da: der Gott meiner Freiheit!
ich verlasse mich, ich verzage nicht,
denn mein Sieg und Saitenspiel ist oh ER, ER!
und ward mir zur Freiheit.
Schöpfen sollt ihr Wasser mit Wonne aus den Quellen der Freiheit!

Sieg. Saitenspiel. Wonne. Freiheit. Unsere Worte.

Erst vor einigen Tagen kam dir wieder mal Old Woodstock in den Sinn, in Quentin Tarantinos „Django Unchained“. Nur gut, dass dich im Kino niemand vom Kollegium oder - schrecklicher noch - vom Elternbeirat - gesehen hat. (Na, na, na. Herr Doktor, was suchen Sie denn hier?) "Freedom", mein berühmtes Lied, begleitet die Filmbilder vom Freiheitskampf der schwarzen Sklaven. Freedom! Wasser schöpfen aus den Quellen der Freiheit. Freedom.

Freedom. Mit diesem Lied stand ich am 15.August 1969 auf der Bühne in Woodstock. Gestern hast du dir das Video wieder mal reingezogen. Wie ich mein ganzes Repertoire singe, und wie sie klatschen und klatschen, weiß der Himmel, wieso die anderen Bands nicht pünktlich waren, und wie ich mir schweißgebadet und fast außer Puste nicht anders zu helfen weiß und irgendwas improvisiere. Irgendwas? Ich sang nie irgendwas. Immer sang ich Lieder, die mich bewegen. "Ich bin nicht im Showgeschäft; ich bin im Kommunikationsgeschäft. Darum geht es für mich."

Also beginne ich mit dem Gospel „Sometimes I Feel Like a Motherless Child“. Na ja, was soll ich sagen, und dann erfinde ich diese Strophe mit der Freiheit. Und aus dem wehmütigen Gesang wird ein echtes Kampflied. Erst später wurde mir klar, wie beide Stimmungen in Gott verschlungen sind: hier Wehmut, Schmerz, Verlassenheit - und da der Kampf, die Hoffnung, die Befreiung. Freedom!

Freedom
Freedom
Freedom ...

Sometimes I feel like a motherless child
Sometimes I feel like a motherless child
Sometimes I feel like a motherless child
A long way from my home

Freedom
Freedom
Freedom ...

Sometimes I feel like I'm almost gone
Sometimes I feel like I'm almost gone
Sometimes I feel like I'm almost gone
A long, long, long, way, way from my home

Clap your hands
Clap your hands
Clap your hands ...

Immer noch ist Osterzeit. Immer ist Osterzeit. Auferstehung und Aufstehen und Aufstand sind miteinander befreundet. Und dein knarrendes Requiem magst du übersetzen wie du willst. Requiem heißt zwar Ruhe, aber was uns betrifft, geben wir noch lange keine Ruhe. Denn die Geschichte der Freiheit muss weitergeschrieben werden - und weiter gesungen, und weiter geglaubt, und weiter gekämpft.

Dein himmlischer Brieffreund: Richie

Zugabe: Prayer

To all those outside the inner side
Let not your heart be heavy
There are those who understand
It is not easy, It is not easy to tell a lie

To all those inside the outer side
Let not your head be heavy
There are those who understand
It is not easy, It is not easy to know what to do

And to all those who understand
Let not your words be heavy
There is He who understands...