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Lorenzo Costa: Sebastian, 1490/91

Sebastians Himmelsbrief am Sonntag, 20. Januar 2013

Lieber Fabian,
heute, an unserem gemeinsamen Namenstag, flattert dir mein Brief ins Herz. Vom Himmel hoch, erdenwärts.

Gut ein Jahr bist du nun schon krank. Ein Kommen und Gehen auf eurer Station. Ob du auch bald gehen darfst? Mit deinen 25 Jahren gehörst  du schon zu den Alten. Damit hattest du nicht gerechnet, damals, als sie dich einlieferten. Auch deine Eltern nicht, auch nicht deine Freunde, auch nicht deine Mitbewohnerin. Einige Wochen wird es wohl dauern, dachten sie, dann geht's. Aber es ging nicht. Immerhin bist du in Sicherheit, sagen sie sich und schicken dir manchmal ein Päckchen. Ab und zu kommt Besuch. Dann darfst du sogar - in Begleitung - spazieren gehen im Park. Die Blumenbeete bewundern. Den Vögeln nachschauen. Vom Fliegen träumen. Aber du bist am Boden. Im letzten Winter sogar total am Boden. Um ein Haar unter dem Boden. Wenn sie dich nicht in deiner Bude gefunden hätten... (Deinen rührenden Abschiedsbrief haben sie diskret verbrannt.)

Dabei warst du - so dachten alle - eine Frohnatur. Immer gut drauf. Und als es mit dem Studienplatz klappte, nannten sie dich den Münchner im Himmel. Wie sie sich in dir täuschten, Fabian. Wie du dich in dir getäuscht hast. Enttäuschung ist das Ende einer Täuschung, sagte dir einer. Bittere Wahrheiten.

Verrückt, sagst du, es ist einfach verrückt. "Jetzt bin ich auf der anderen Seite. Nach dem Abi war ich schon mal hier, als Zivi. Ich führte selber Patienten spazieren und gab Tabletten aus. Anfangs war es mir unheimlich. Bei den Irren in der Geschlossenen. Wenn meine Kumpel Witze über die Klapse machten, reagierte ich empört. Klapse: so sagt man nicht. Das sind Kranke. Manche irren durch die Gänge. Manche bekommen nie Besuch. Sie sind arm dran." Jetzt bist du selber arm dran. Und schreibst den Freunden aus der Klapse.

Immer seltener kommt Besuch. Immer seltener kommt Post. Man gewöhnt sich ins Unglück, sagst du dir. Du weißt, dass es nicht so ist.

Von mir kennst du nur schaurig-schöne Bilder. Sebastian, der junge Mann mit den Pfeilen in der nackten Brust. Sieht gut aus, der Typ, nicht wahr? Doch waren das nur heimliche Gedanken. Annette fand dich jedenfalls süß. Sie spürte, dass du anders bist. Und einsam. Und schüchtern. Und vor allem: lieb. Vielleicht zu zart für diese Welt. Alles, nur kein Weichei, hieß es in der Klasse.

Man weiß nicht viel von mir. Eigentlich gar nichts. Man hat nur mein Bild und Vermutungen. Ich bin eine ziemlich spezielle Legende, von besonderem Interesse für Maler. Ich sei, so wird erzählt, Offizier bei Kaiser Diokletian gewesen. Heimlich ein Christ, also gefährdet. Aber mutig. Mutig und ermutigend. Eines Tages kam heraus, wer ich bin. Man ließ mich an einen Baum binden und von Bogenschützen erschießen. Pfeile durchbohren meine Brust. Das berühmte Bild. Man hielt mich für tot. Aber noch war es nicht so weit. Da war eine gewisse Irene, die meine Wunden pflegte. Da gab es den verblüfften Kaiser. Verblüfft, aber nicht überzeugt. Die Bekehrung der Mächtigen ist schwierig. Nicht unmöglich, aber die Ausnahme. Diokletian ließ mich zu Tode peitschen. Meine Leiche warfen sie ins Abwasser. So weit meine Erzählung.

Alle Menschen haben Pfeile im Köcher, Fabian. Aber du wolltest nicht glauben, dass es dich selbst mal trifft. Und nie hast du genau erzählt, was damals war, an Weihnachten. Erst die Therapeuten lösten dir geduldig die Zunge. War nicht die Klinikseelsorgerin die erste, die dir nahe kam? "Herr, öffne meine Lippen". So empfahl sie. Psalmen seien gut, sagte sie. Da sei für jeden etwas. Anfangs vielleicht nur Klagepsalmen, Fabian. Sie hatte recht.

Für die ersten Monate blieb es beim Psalm 69. Weißt du noch? Du konntest nicht loben, nicht preisen, nicht danken, nicht beten. Nur klagen. Nicht beten? Irrtum, Fabian. Dein Klagen – dein Beten. Armer Irrer. Jedenfalls war es dein Trost, Düsternis düster sein zu lassen. Ein Kreuz auf dem Nachttisch war genug. Keine Blumen. Keine Kerzen. Offenes Licht ist sowieso nicht erlaubt. Nur ein kleines Kreuz. Und manchmal ein wehmütiger Rest aus deiner frommen Phase. "Da will ich nach dir blicken..."

Ach ja, der gute Psalm 69.
Hilf mir, o Gott! / Schon reicht mir das Wasser bis an die Kehle.
Ich bin in tiefem Schlamm versunken
und habe keinen Halt mehr;
ich geriet in tiefes Wasser,
die Strömung reißt mich fort.
Ich bin müde vom Rufen,
meine Kehle ist heiser, mir versagen die Augen,
während ich warte auf meinen Gott.
Entreiß mich dem Sumpf,
damit ich nicht versinke.
Zieh mich heraus aus dem Verderben, aus dem tiefen Wasser!
Lass nicht zu, dass die Flut mich überschwemmt,
die Tiefe mich verschlingt,
der Brunnenschacht über mir seinen Rachen schließt.

Monatelang war dir das genug. Und jetzt erst, nach dem langen schweren Jahr, jetzt erst kommt es dir manchmal über die Lippen:
Ich will den Namen Gottes rühmen im Lied,
in meinem Danklied ihn preisen.
Schaut her, ihr Gebeugten, und freut euch;
ihr, die ihr Gott sucht: euer Herz lebe auf!

Letzte Woche fiel dir ein, dass dich der Oberarzt einmal fragte, ob du Stimmen hörst. Leider nicht, war deine Antwort.

Nun hörst du sie doch, aber davon wirst du nicht erzählen. Meine Seele, sagst du, ist meine Seele. Da lass ich euch nicht ran. Ich bin kräftiger, als ihr denkt, sagst du. Und in der Tat. Du kannst schon von dir absehen und nimmst die Gebeugten wahr. Jennifer, die Ritzerin mit ihren blutigen Geschichten. Leonie, die immer Kreise malt, die sich nicht schließen. Henri, der dauernd komische Sätze murmelt, sogar im Schlaf. Renate, die sie nackt am Ufer fanden. Du nimmst sie wahr und weißt ihnen ein gutes Wort, mittwochs, in der Gruppe. Wenn ich einmal raus komme, sagst du, will ich Arzt werden. Wenn ich einmal rauskomme, sagst du und denkst: Ob es jemals gut wird?

Heute ist unser Namenstag. Annette hat tatsächlich daran gedacht und dir eine CD geschenkt. Sie kennt sich aus im Namenstagskalender. Heute ist Fabian und Sebastian. Ich denke, das passt gut zu dir, schrieb sie, eine Kantate von Johann Sebastian (!) Bach: "Ich hatte viel Bekümmernis". Du wirst sehen, schrieb sie, das tröstet total. Da kommt ein Zwiegespräch zwischen der betrübten Seele und Jesus. Die Seele singt: Ach Jesu, meine Ruh, Mein Licht, wo bleibest du? Und Jesus: O Seele sieh! Ich bin bei dir. Und die Seele: Bei mir? Hier ist ja lauter Nacht. Und Jesus: Ich bin dein treuer Freund, Der auch im Dunkeln wacht..."

Später singt der Chor: Sei nun wieder zufrieden, meine Seele, denn der Herr tut dir Guts. Und im Hintergrund erklingt ein Choral:

Was helfen uns die schweren Sorgen,
Was hilft uns unser Weh und Ach?
Was hilft es, dass wir alle Morgen
Beseufzen unser Ungemach?
Wir machen unser Kreuz und Leid
Nur größer durch die Traurigkeit.

Vielleicht musst du noch lange seufzen, Fabian, und vermutlich ist Traurigkeit ein Stück von dir. Aber du bist nicht allein. Nie bist du allein. Das will ich dir zu unserem Namenstag sagen.

Dein himmlischer Brieffreund: Sebastian
PS Und grüße mir auch deine Annette. Für mich heißt sie Irene.