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Susette Gontards Himmelsbrief
zum 22. Sonntag nach Trinitatis (27. Oktober 2013)

Meine Liebe,

das zerreißt einem ja das Herz. Und flugs greife ich zur Feder, Briefeschreiberin aus Passion. Susette Gontard, auch als Diotima bekannt. Hölderlins unglückliche Geliebte. Ich weiß, wie weh das tut. Schmerzen sind Kosten der Liebe.

Bevor ich mich dir zuwende: einige Takte zu Friedrich und mir und unserer großen, unmöglichen Liebe: Frankfurt. Januar 1796. Ich bin die junge Frau eines Bankiers. Wir haben vier gesunde Kinder. Und ich bin eigentlich nicht unglücklich. Da: ein junger Mann tritt in unser Leben. Er heißt Friedrich Hölderlin, schreibt Gedichte und schlägt sich zum Geldverdienen als Hauslehrer durch. Später hat er mir erzählt, dass er seiner frommen Übermutter ausgerissen war. Denn sie sah in ihm den künftigen Pfarrer. Er aber war zum Dichter geboren. Rabenmutter? Nein. Doch für ihren Sohn ein echtes Problem.

Aber kommen wir zur Sache. Ich liebte ihn, er liebte mich. Und so begannen die schönsten und schwierigsten Jahre meines Lebens. Einzelheiten kannst du anderswo nachlesen. Am besten, du liest den "Hyperion", einen Briefroman. Diotima: das bin ich. Und mehr (und Schöneres) musst du über unsere Liebe nicht wissen. Durchs Schlüsselloch guckt man nicht.

September 1798. Mein Mann bekommt Wind von unserer Affaire (was für ein läppisches Wort: Affaire) - und Friedrich muss uns Hals über Kopf, mit Schimpf und Schande verlassen. Hausverbot. Natürlich war dadurch unsere Liebe nicht abgestellt. Im Gegenteil. Nun aber heißt es Heimlichtun. Friedrich bleibt in der Nähe, zieht zu seinem Freund Isaac von Sinclair nach Bad Homburg. Zwei Jahre lang tauschen wir heimliche Liebesbriefe aus und arrangieren sogar manches komplizierte Rendezvous. Unsere Himmel waren unsere Höllen. Verzweiflung pur. Und wie entwürdigend! Nein, auf Dauer kein Zustand. Ich jedenfalls halte es einfach nicht mehr aus und beende - zu Tode betrübt - unsere Kontakte. Mai 1800.

Wie zu erwarten war, ist dann aber auch die endgültige Trennung unerträglich. Im Sommer 1802, erst 33 Jahre alt, sterbe ich an den Röteln, die ich mir in der Pflege meiner erkrankten Kinder zugezogen habe. Waren es nur diese verdammten Röteln? Oder mein gebrochenes Herz? Ich tippe aufs Herz. Meine Kinder wurden jedenfalls wieder gesund. Und Cobus, mein Mann, heiratet noch zweimal. Unser Sohn Henry wird erfolgreicher Bankier. Was man eine gesunde Linie nennt.

Und mein Geliebter? Ach! Anfang 1802 war er nach Bordeaux gewandert, wo er als Hauslehrer der Kinder eines Konsuls endlich wieder eigenes Geld verdienen konnte. Er blieb dort aber nur einige Monate und irrte - so muss man wohl sagen - auf einem wochenlangen Fußweg über Bad Homburg nach Stuttgart. Dort - so sagen seine Freunde - habe man ihn kaum wiedererkannt. Und dort erfuhr er von meinem Tod. Das war wohl der Anfang vom Ende. Aber er starb daran nicht. Noch nicht. Noch lange nicht. Er überlebte mich vierzig Jahre.

Unser Hölder, wie wir ihn so gern nannten, kehrte zunächst zur Mutter nach Nürtingen zurück. Er hatte ja kein Geld. Und wo hätte er hingehen sollen? Wohin? Mein lieber Hölder war nirgends daheim. Jedenfalls wohnte er geraume Zeit bei seiner Mutter und schrieb und schrieb. Großartiges enstand, auch das berühmte kurze Gedicht "Hälfte des Lebens". Wenigstens das will ich dir aufsagen. Es passt ja auch zur Jahreszeit.

Mit gelben Birnen hänget
Und voll mit wilden Rosen
Das Land in den See,
Ihr holden Schwäne,
Und trunken von Küssen
Tunkt ihr das Haupt
Ins heilignüchterne Wasser.

Weh mir, wo nehm ich, wenn
Es Winter ist, die Blumen, und wo
Den Sonnenschein,
Und Schatten der Erde?
Die Mauern stehn
Sprachlos und kalt, im Winde
Klirren die Fahnen.

Merke: es war nicht immer Winter in Friedrichs Leben! Die zweite Strophe ist traurig, aber vergisse nie die erste Strophe, das Glück, die Seligkeit. Und wenn du nun um deinen Ex in Sorge bist, und wenn er nur noch herumhängt und dumme Sachen macht, gefährliche Sachen, und wenn er dir ab und zu das Herz schwer macht und ewig und drei Tag - wie man bei euch sagt - dem Vergangenen nachtrauert und partout nicht loslassen kann, dann  würde ich ihn gern in den Arm nehmen und sagen: Vergiss nicht, wie schön es war. Du hast es wenigstens erlebt. Viele Menschen erleben es nie. Es gibt nicht nur die zweite Strophe. Mir kommt Jesus in den Sinn, von dem manche immer nur das Kreuz betrachten. Sie sagen, die Evangelien seien nur Passionsgeschichten mit einer langen Einleitung. Meine Liebe, es gibt nicht nur den Karfreitag. Und es gibt nicht nur die zweite Strophe.

Ob es deinen Freund tröstet? Ob es dich tröstet?

Ich will dir nicht Angst machen. Aber mit unserem Hölder ging es so weiter:  April 1805. Gutachten: Hölderlin sei verrückt. Er tobt. Er rast. August 1806. Und am 11. September (was für ein Datum!) erfolgt die Zwangseinweisung in das Tübinger Autenriethsche Klinikum. Therapien, wie sie damals bei Schizophrenie zum Einsatz kamen, brachten nichts. Und dann: die Geschichte des Engels. Ein herzensguter Mensch, der Tübinger Tischler Ernst Zimmer, kannte und las (!) und bewunderte Hölders Gedichte und nahm den Ärmsten zur Pflege auf. Hölder ist 37 Jahre alt und wird die folgenden 36 Jahre in seinem Turm verbringen. Ab und zu besuchen ihn Freunde. Wusstet ihr, dass Ludwig Uhland ihm zum Geburtstag im März immer einen Strauß Hyazinthen brachte? Hölders Lieblingsblumen. Die Freunde. Wenn er sie nicht gehabt hätte! Die Geschichte der Engel.

Man spricht von Umnachtung. War es das? Ist Nacht nur Nacht?

Auf die Frage "Wer oder was hätten Sie sein mögen?" sagte der italienische Komponist Luigi Nono einmal: "Der Tübinger Turm, um Hölderlin zuzuhören."

Noch in jenen dunklen Jahren entstehen nicht nur rätselhafte, tiefgründige, sondern auch zu Herzen gehende, geradezu schlichte Gedichte. Eines davon ist mir wie ein Lieblingsgedicht.

Die Linien des Lebens sind verschieden
Wie Wege sind, und wie der Berge Grenzen.
Was hier wir sind, kann dort ein Gott ergänzen
Mit Harmonien und ewigem Lohn und Frieden.

Und da es ein kluger Brauch ist, Himmelsbriefe einem Sonntag zuzuordnen, dünkt es mich wunderbar passend, was heute zum 22. Sonntag nach Trinitatis aus dem Buch Micha (6, 6-8) gelesen wird: "Es ist dir gesagt worden, Mensch, was gut ist und was der Herr von dir erwartet:
Nichts anderes als dies: Recht tun,  Güte und Treue lieben,  in Ehrfurcht den Weg gehen mit deinem Gott."

Hölder und seine Freunde: Lebten sie nicht nach dieser Weisung?

Lass dich beschützen!
Deine himmlische Brieffreundin:
Diotima Susette

PS Hölder für deinen Ex: "Komm ins Offene, Freund!" Sag's ihm!