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Im Post-Archiv finden Sie alle Briefe, die bisher von drüben bei uns ankamen.

Teresas Himmelsbrief,
sonntags vor dem Namenstag am 15. Oktober 2013

¡Hola! (Also nicht Hoppla, sondern Hallo!)

Meine himmlische Mailbox quillt wieder mal über. "Ich bin ein Weib - und obendrein kein gutes": Teresa von Ávila. Meine Rahmendaten: Geboren am 28.3.1515 in Ávila, gestorben am 4.10.1582 in einem meiner Reformklöster in Alba de Tormes. Und nun der Reihe nach.

Nur gut, dass es zu meiner Zeit noch kein Internet gab. Immerhin wurden erste Texte gedruckt. Bereits um 1472 muss die neue Kunst in Sevilla bekannt gewesen sein, wie Wikipedia - wer ist das denn? - versichert. Kann sein. Jedenfalls gibt es von einer begabten und fleißigen Autorin wie mir durchaus viel zu lesen. Und da erfährt man auch - bevorzugt auf dem Buchrücken - dies und das über mich. Ein gewisser Franz Blei, auch schon gestorben, weiß beispielsweise Folgendes: "Teresa war mitnichten, was man sich unter einem klösterlichen Geschöpf vorstellt, weder dem Leibe noch der Seele noch dem Geiste nach, was alles auf höchste Aktivität gestellt war. Die frommen Bücher langweilten sie nicht weniger als das obligate Hersagen der Gebete. Sie wünschte, dass man von Herzen fröhlich sei und sich damit beschäftige, die anderen zu erheitern. Und dass man sich sehr hüten solle, 'seinem Geist zu entfliehen', wenn man so glücklich sei, einen zu haben. Alle großen Einsiedler und Mönche waren mächtige und heroische Liebhaber der Wirklichkeit, welche die Fackel des Lebens weitergaben, nie vom Leben flüchtende Feiglinge und selbstische Visionäre. Mit Verfall quittiert die Kirche, wenn ihrem geistigen Leben die mystische Nahrung aus diesem Elan vital versagt bleibt." So so! Zugegeben: ganz verkehrt liegen Sie nicht, Bruder Blei.

Dir, Manuela, Trost einer Mitfühlenden. Deine kaum auszuhaltenden Schmerzen im Gipsbett nach einer Bandscheibenentzündung. Geringste Erschütterungen brennen wie Feuer, sagst du. Aber wehleidig bist du nicht, und du kannst auch nicht klagen, nur ganz leise, himmelwärts. Ach, wie gut ich mich in dich hineinfühlen kann. Krankheiten waren mir leider nur allzu vertraut. Als ich einmal zwei Monate eine Kur "durchgemacht hatte, hatte die Stärke der Medicamente mir fast das Leben genommen. Mein Herzleiden, zu dessen Heilung ich hingegangen war, hatte arg zugenommen, so dass es mir manchmal vorkam, ich würde mit spitzigen Zähnen gebissen... Meine Kräfte hatten so abgenommen, dass ich vor Appetitlosigkeit und Ekel an allen Speisen keinerlei Nahrung, weder trockene noch flüssige zu mir nehmen konnte; ich hatte beständig ein starkes Fieber, und die Mittel, welche mir einen Monat lang täglich gereicht wurden, erschöpften mich so sehr, dass ich innerlich förmlich verbrannt war, und die Nerven anfingen, sich zusammenzuziehen, so dass ich Tag und Nacht keine Ruhe hatte. Dazu gesellte sich noch eine sehr tiefe Melancholie..." Mitgefühl ist, wenn man mitfühlt (und nicht nur davon redet.)

Und du, Esther, erlebst Schmetterlinge im Bauch? Und zwar heftig? Trotz der Achterbahnfahrt deiner Gefühle verstehst du jetzt wenigstens den sonderbaren Namen Schmetterling. Sie schmettern wirklich, Leute, wenn ihr wüsstet... Liebeskummer heißt das bei euch. Und obwohl ich sehr anders lebte, ist mir dein spezieller Schmerz bekannt. In meiner Selbstbiographie erzähle ich einmal von einer meiner (vielen) Visionen, wo mir ein Engel erscheint: "In der Hand des Engels sah ich einen langen goldenen Pfeil mit Feuer an der Spitze. Es schien mir, als stieße er ihn mehrmals in mein Herz, ich fühlte, wie das Eisen mein Innerstes durchdrang, und als er ihn herauszog, war mir, als nähme er mein Herz mit, und ich blieb erfüllt von flammender Liebe zu Gott. Der Schmerz war so stark, dass ich klagend aufschrie. Doch zugleich empfand ich eine so unendliche Süße, dass ich dem Schmerz ewige Dauer wünschte. Es war nicht körperlicher, sondern seelischer Schmerz, trotzdem er bis zu einem gewissen Grade auch auf den Körper gewirkt hat; süßeste Liebkosung, die der Seele von Gott werden kann." So viel zu Engeln und Schmetterlingen. Mitgefühl ist, wenn man mitfühlt (und nicht nur davon redet.)

Merci, Angelika, für deinen Gruß aus Mazille, wieder einmal für eine stille Woche im Carmel de la paix, mitten in Burgund, in der Nähe vom berühmten Taizé. Dir fiel mein oft zitiertes Wort ein: "Wenn Rebhuhn, dann Rebhuhn." Na ja, Rebhuhn gab es zwar nicht, aber eine Fastenwoche war es auch nicht. Französisches Frühstück mit Milchkaffee oder Tee, Weißbrot, Butter, Zwetschgenmarmelade. Mittags und abends Vier-Gänge-Menü. Mittags fleischlich, abends vegetarisch. Dazu immer Brot. Frankreich! Leitungswasser und - selbst gekelterter - Wein. Schau an, und es ist dir gar nicht peinlich, zuerst das Essen und dann - natürlich - die gesungene Liturgie zu preisen, die Stille, die Spiritualität. Merci. Ich freue mich über alle Spuren unserer Geschichte, ob beschuht, ob unbeschuht.

Apropos: hier ein amüsanter Brief von Roland. Sie halten mich - aber sind Sie eigentlich katholisch? - für die Patronin der "wahren Barfußläufer". Was ist das denn? Ein wahrer Barfußläufer trägt auf kurzen Autofahrten keine Sandalen im Auto. Ist das vernünftig? Unbeschuhte nannten wir uns, nachdem uns die Leute so nannten. Die Frage des Schuhwerks war wirklich nicht der Clou. Man konnte es eben sehen, wenn jemand barfuß (in Sandalen) ging, so wie die Armen, damals in Kastilien. Es ging mir in meinen Reformklöstern um Klarheit, um Entschiedenheit, um den angemessenen Ort von Kirche. "Einfach leben". (Sie können das erste oder das zweite Wort betonen - und immer stimmt es.) Auf den Spuren von Franz und Clara von Assisi. Meine Sehnsucht nach Armut erklärt sich aus dem laschen Zustand des Karmel, den ich zunächst vorfand: ein feudales Damenstift, ohne Klausur, mit Dienerschaft und viele Besuche. Nebenbei: Was ist eigentlich in Limburg los? Zurück zu uns: Der unrühmliche Streit und die Aufspaltung in Beschuhte und Unbeschuhte ist traurig. Aber historisch. Und unnötig. Wie sagt die kluge Oberin der unbeschuhten Karmelitinnen in Bolton: "Nachts sind wir alle unbeschuht."

¡Buenas tardes!, Michl, du hattest recht, einmal dem deutschen Winter zu entfliehen ins sonnige Spanien. Mit dem Flieger nach Madrid und dann mit einem kleinen roten Mietauto eine Woche Kultur. Etwas enttäuscht warst du wegen den Temperaturen, aber es gab so viel zu sehen. Vor allem: Toledo! El Greco!! Und - das war gar nicht eingeplant - Ávila. Mit drei Ausrufezeichen: Ávila!!! Schön gelegen auf einem Hügel. Ockerfarben. Lehmtöne. Hinreißend. Und an dem Tag war es sogar richtig warm im Januar. Ávila, meine Stadt, genauer gesagt, eine meiner Städte. Toledo übrigens auch: Hier begann ich, meine Autobiographie zu schreiben. Höchstpersönlich. Ich sage "ich" - und meine es auch so. Mein Vorbild: die Bekenntnisse des Augustinus. Nicht immer in der Tendenz, aber in Form und Sprache.

Und dir, gute Schwester, ein Augenzwinkern. Wie sagte dir eine Mitschwester, gut gemeint: "Jesus liebt dich". Und du: "Wenigstens der!" Bravo. Ich hoffe, dir bleibt dein Humor erhalten. Freundschaft ist wichtig. Und die Freundschaft mit Jesus und die Freundschaft mit Menschen gehören zusammen. Einer meiner besten Freunde war unser erster Provinzial, Pater Jerònimo Graciàn, dem man übel mitspielte. (Gerade da half uns unsere doppelte Freundschaft.) "Man"? Ja, ein Mann, und was für eine Katastrophe: Nuntius Filippo (Felipe) Sega. Gönn dir einige Kapitel Kirchengeschichte, Schwester. Dieser schreckliche Vertreter der römischen Administration, der Bruder Jerònimo absägte, schrieb über mich: „Ein unruhiges, herumvagabundierendes, ungehorsames und verstocktes Weibsbild, das unter dem Vorwand von Frömmigkeit falsche Lehren erfand, und gegen die Anordnung des Konzils von Trient und der Oberen die Klausur verließ, und wie eine Lehrmeisterin andere belehrte, ganz gegen das, was der hl. Paulus lehrte, als er anordnete, dass Frauen nicht lehren sollen“. Ach, nicht einmal Paulus hat er begriffen. Merke, Schwester: "Es ist kein kleines Kreuz, wenn man seinen Verstand jemandem unterordnen muss, der keinen hat, ich habe das nie gekonnt und ich glaube auch nicht, dass es richtig wäre." Wo eine Nuntiatur ist, pflegt der Kirchengeschichtler Karl August Fink - übrigens eine sehr vergnügliche Erscheinung im Himmel - zu sagen, ist auch eine Denunziatur.

Du kennst meinen Satz: "Tu deinem Leib des öfteren etwas Gutes, damit deine Seele Lust hat, darin zu wohnen." Einer meiner vielen guten Sprüche. Dazu passend eine meiner Anekdoten: Als ich mit meinem jungen Freund Juan (de la Cruz) unterwegs bin, spendiert uns ein Wirt einen leckeren Nachtisch. Und Juan? Er streckt seine Hand über die Flamme einer Kerze, um für die Gaumenlust Buße zu tun. "Schau, Teresa", sagt er, "wie furchtbar müssen die Flammen der Hölle sein, wenn schon diese Kerze so sehr brennt!" - Und ich: "Schau, Juan, wenn schon diese Süßspeise so herrlich mundet - wie herrlich muss es im Himmel sein!"

Und wieso grüßt mich der Taubenzüchterverein? Es sei wegen der glänzenden weißen Taube, die im Augenblick meines Hinscheidens aus meinem Mund zum Himmel gestiegen sei. Wie bitte?

O je, zuletzt noch ein schwarzhumoriger Gruß an einen, der aufs katholische Reliquiensammeln offensichtlich nicht gut zu sprechen ist. Unlängst haben Sie wegen den Blutkonserven des polnischen Papstes gemeckert, das sei doch allerhand, kurz vor seinem Tod einige Ampullen Wojtyla-Blut beiseite zu tun zwecks späterer Verehrung. Und in diesem Zusammenhang erwähnen Sie auch meine sterblichen Überreste. Ja nun, ich bin auch nicht begeistert. Ein Fuß in Rom St. Maria de la Scala, ein Zeigefinger im Kloster Regina Coeli, die linke Hand in Lissabon, das Herz und der linke Arm in Ávila, der Mittelfinger der rechten Hand in Paris, ein kleiner Finger in Brüssel, ein anderer Finger in Sevilla... Irgendwie hat man seine Sachen doch lieber beisammen.

Heiter und in erlöster Demut: eure und Ihre himmlische Brieffreundin
Teresa