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Thomas, in einem Gemälde v. Caravaggio

Osterbrief des Thomas zum Sonntag nach Ostern, 7. April 2013

Guten Morgen, und ich hoffe sehr, es ist für dich wieder ein guter Morgen, ein heiterer, schmerzfreier Morgen. Ja, dein Osterlied kam gut an. Danke.

Endlich werde ich mal wieder als Thomas der Taster angesprochen und nicht als Thomas der Zweifler. Ich bin dein Lieblingsapostel. Der mit dem guten Fingerspitzengefühl. Der Thomas, der Hautkontakt sucht und findet. Was für eine Geschichte. Was für eine Erfahrung. Und was für eine Begabung.

Mit deiner Ostermigräne warst du nach zwei zermürbenden Nächten bei deinem Nachbarn, deinem Wunderheiler, wie du ihn nennst, dem blinden Masseur mit den Zauberhänden. Er erfühlt sie, deine Migräne, den Nerv oder was auch immer. Du kennst dich medizinisch nicht aus, aber du kennst den bohrenden Schmerz im Kopf, diesen Schmerz, der aufs Gemüt schlägt. Dein Hausarzt ist ein guter Mensch, aber deiner Migräne kommt er mit Medikamenten nicht bei. Nur der Nachbar, sagst du, der kann so gut tasten. Und nun ist auch für dich endlich Ostern, mit klarem Kopf und lichtem Sinn.

Dass ich mein Ostern mit einer Woche Verspätung hatte, ist dir sehr sympathisch. Vor allem in diesem Jahr nach dieser üblen Attacke. Und da du gut von mir denkst, war dir auch klar, weshalb meine Hoffnung zum Auferstehen länger als die anderen brauchte. Mir hatte die Jesusgeschichte vom Karfreitag extrem zugesetzt. Ich war wie gelähmt und zog mich zurück. Er hockt im Schneckenhaus, sagten sie. Wenn er wieder kommt, müssen wir ihn durch Freude überwältigen. Das klappt. Er soll mit uns jubeln, das muss ihm gut tun. Aber das kann ich nicht, sagte ich, ich kann es einfach nicht. Ich möchte glauben, aber es geht gerade nicht.

Noch nicht, sagten einige der Einfühlsamen, also die, die ihren Glauben nicht an die große Osterglocke hängten. Noch nicht, Thomas. Warten wir's ab. Und sie nannten mich auch nicht Zweifler, schon gar nicht den Ungläubigen. Ich war - jedenfalls seit meinem Karfreitagstrauma - langsam, bedächtig, sorgfältig. Und tief verwundet. Dabei war ich früher auffallend begeisterungsfähig. Man zitiert gern und oft meinen strammen Nachfolgespruch, als Jesus ins gefährliche Judäa zurückkehren wollte, wo ihn die Steinigung erwartete: "Auf geht's, lasst uns mit ihm gehen, um mit ihm zu sterben!"  Oft und gern zitiert wird auch meine berühmte Frage, als Jesus seinen Kreuzweg ankündigte: „Und wohin ich gehe – den Weg dorthin kennt ihr“. Darauf ich: „Herr, wir wissen nicht, wohin du gehst. Wie sollen wir dann den Weg kennen?“ Und er: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben.“ Gute Frage – gute Antwort.

Aber davon soll jetzt nicht die Rede sein. Die Rede soll sein von meinem Osternachspiel. Hier im Zusammenhang (Johannes 20,19-31):

Am Abend dieses ersten Tages der Woche, als die Jünger aus Furcht vor den Juden die Türen verschlossen hatten, kam Jesus, trat in ihre Mitte und sagte zu ihnen: Friede sei mit euch! Nach diesen Worten zeigte er ihnen seine Hände und seine Seite. Da freuten sich die Jünger, dass sie den Herrn sahen. Jesus sagte noch einmal zu ihnen: Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch. Nachdem er das gesagt hatte, hauchte er sie an und sprach zu ihnen: Empfangt den Heiligen Geist! Wem ihr die Sünden vergebt, dem sind sie vergeben; wem ihr die Vergebung verweigert, dem ist sie verweigert. Thomas war nicht bei ihnen, als Jesus kam. Die anderen Jünger sagten zu ihm: Wir haben den Herrn gesehen. Er entgegnete ihnen: Wenn ich nicht die Male der Nägel an seinen Händen sehe und wenn ich meinen Finger nicht in die Male der Nägel und meine Hand nicht in seine Seite lege, glaube ich nicht.
Acht Tage darauf waren seine Jünger wieder versammelt, und Thomas war dabei. Die Türen waren verschlossen. Da kam Jesus, trat in ihre Mitte und sagte: Friede sei mit euch! Dann sagte er zu Thomas: Streck deinen Finger aus - hier sind meine Hände! Streck deine Hand aus und leg sie in meine Seite, und sei nicht ungläubig, sondern gläubig! Thomas antwortete ihm: Mein Herr und mein Gott! Jesus sagte zu ihm: Weil du mich gesehen hast, glaubst du. Selig sind, die nicht sehen und doch glauben...

Voilà!

Du hast unter der zartfühlenden Fingerfertigkeit deines Masseurs an dein grämliches Ostern gedacht, an die schreckliche Osternacht bei rasendem Kopfweh, an deinen vorzeitigen Abbruch der Feier und Schluss mit Lustig. Als nun aber die grauen Nebel wichen und dir klar und leicht zumute wurde, dachtest du an mich und meine Finger. Für die anderen Apostel genügte der überwältigende Eintritt des Herrn in ihre geschlossene Gesellschaft, der Anblick, die Schau. Sie freuten sich. Und das sei ihnen gegönnt. Dass da aber einer noch nicht so weit war, und dass da ein extrem verwetterter Jesusfreund besondere Zuwendung und Nähe sucht, berührt werden und berühren will, hautnah, direkt, persönlich und dass dies dann auch ganz unkompliziert geht, das freut dich durch und durch. Das ist meine Ostergeschichte, sagst du und bringst deinem Nachbarn eilends einen bunten Blumenstrauß zum Dank, obwohl er blind ist. Egal. Riechen kann er, und die Tulpen befühlen. Und dem lieben Thomas sing ich ein Lied.

Da du uns im Himmel nicht einfach das traditionelle Halleluja-Ständchen singen willst, hast du mir speziell einige hübsche Zitate beigefügt, Perlen aus einem deiner vielen dicken Poesiealben. Sie werden dir gefallen, lieber Thomas, sagst du, die guten Worte vom Tasten und Berühren.

Zum Beispiel von Wolfgang Borchert (1921-1947):
Meine Seele ist wie eine Straßenlaterne. / Wenn es Nacht wird und die Sterne / aufgehn, beginnt sie zu sein. / Mit zitterndem Schein / tastet sie durchs Dunkel, / verliebt wie die Katzen...

Oder von Rabindranath Tagore (1861-1941) in seinem Werk Gitanjali:
Den Himmel verhängen Wolken; der Regen ist endlos. / Ich weiß nicht, was in mir sich regt, weiß nicht seinen Sinn / Ein Blitzstrahl zieht tieferes Dunkel mir übers Aug, / und mein Herz tastet den Pfad, auf den die Stimmen der Nacht mich rufen.

Oder von Paul Celan (1920-1970):
Nun aber schrumpft der Ort, wo du stehst: / Wohin jetzt, Schattenentblößter, wohin?
Steige. Taste empor.

Ja, da ist mein Tasten gut verstanden. Und dass du mir sogar was Lustiges hast, freut mich besonders. Denn in einem deiner Osterlieder lacht ja der lieben Sonne Strahl, und dazu weißt du mir was Nettes vom Tasten. Ich lasse es mir vom Joachim Joachim Ringelnatz (1883-1934) selber vorlesen. Dir aber wünsche ich weiterhin schmerzfreie Ostern und im Zweifelsfall rasche Hilfe vom Nachbarn mit den wunderbaren Fingern.

Dein himmlischer Brieffreund, Thomas der Taster

PS Und hier noch die Reime von Ringelnatz:

Das Schlüsselloch, das im Haupttor saß,
Erlaubte sich nachts einen Spaß.
Es nahten Studenten
Mit Schlüsseln in Händen.
Da dachte das listige Schlüsselloch:
Ich will mich verstecken,
Um sie zu necken!
Worauf es sich wirklich seitwärts verkroch.
Alsbald nun tasteten die Studenten
Suchend,
Fluchend;
Mit Händen
An Wänden.
Und weil sie nichts fanden, zogen sie weiter.
Schlüsselloch lachte heiter.