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Im Post-Archiv finden Sie alle Briefe, die bisher von drüben bei uns ankamen.

Trudi Gersters Himmelsbrief zum Sonntag Exaudi 2013

Bitte, nie Kinder schimpfen, wenn sie lachen müssen. Meine Devise. Doch nun zu euch, Max und Moritz, ausgerechnet "Max und Moritz". In der Schule hat man euch vorsorglich auseinandergesetzt, verständlich. Schlimm genug, sagt die Klassenlehrerin, dass ihr so heißt und Nachbarkinder seid.

Am Donnerstag hattet ihr also wieder reichlich Grund zur Heiterkeit? Himmelfahrt. Gottesdienst im Grünen. Blasmusik. Prozessionsfahnen. Weihrauch. Messdiener. Und natürlich ihr beiden im Doppelpack. Und da bittet ihr jetzt aktuell um himmlischen Beistand...

Nicht böse sein, lieber Gott, aber als der Pfarrer das Evangelium vorlas, kam ein Satz, wo wir uns einfach nicht mehr beherrschen konnten. Wir lachten ja nicht über ihn. Und auch nicht über die Bibel. Der Satz ist eigentlich gar nicht komisch. „Siehe, ich bin bei Euch alle Tage ... “ (Matthäus 28, 20) Aber da kicherte erst der Maxi, und dann ich, der Moritz, und dann, o je... Die Großen schauten grimmig, unseren Eltern war es peinlich, nur den Pfarrer hat es offenbar nicht gestört - oder er hat es gar nicht mitbekommen.

Zum ersten Mal ist es uns vor zwei Jahren passiert. Immer an Himmelfahrt. Es war die Stelle, wo Jesus vor den Augen der Jünger in den Himmel steigt. Plötzlich stößt mich der Maxi mit dem Ellbogen: "Heim!" Und ich: "Wie?" Und er: "Nach Haus, nach Haus, nach Haus." Und da schnall ich's auch: "E.T. nach Hause telefonieren." Wir waren bereits in froher Kichererwartung, und in diesem Jahr kam es eben noch schlimmer: „Siehe, ich bin bei Euch alle Tage ... “ Und prompt sagt Maxi: "Ich bin immer bei dir." Und ich: "Ich bin immer für dich da." Wieso muss das genauso wie im Film sein. Oder hat der Steven Spielberg das aus der Bibel?

Jedenfalls mussten wir wieder lachen. Gott sei Dank haben wir ein Riesenglück mit unseren Eltern. Die Sache wurde gestern im gemeinsamen Familienrat ausdiskutiert. Und wie so oft fand Maxis Opa als genialer Schlichter ein Schlusswort. Er hat sich nämlich über den Film schlau gemacht. E.T. sei ein typisches Kinomärchen, klassisch aufgebaut nach dem Muster der Reise des Helden, wie Indiana Jones, James Bond und Titanic beispielsweise, und deshalb funktioniert das so gut und wird auf der ganzen Welt verstanden, von groß und klein. So sei das. Und das Evangelium sei ganz ähnlich aufgebaut, weiß der Opa, aber da wäre es beinahe zu einem neuen Streit gekommen, denn jetzt ging es nicht mehr um uns und unser Himmelfahrtsgekicher, sondern um die Bibel. Nun sag den Kindern bloß noch, die Bibel sei ein Märchen, empörte sich Omi und um ein Haar hätte sie geweint. Aber dann kam Gottseidank die Tagesschau.

Jetzt, lieber Gott, haben wir aber ein neues Problem. Sag bloß: ist die Bibel wirklich wie ein Märchen?

Mit dieser heiklen Frage landet euer Problem bei mir. Wenn ihr Schweizer wärt, hättet ihr mich – oder meine Stimme vom Radio oder iPod – gekannt. Ich bin Trudi Gerster und war die berühmte Märchentante (ein blöder Titel übrigens - Märchenkönigin, Märchenfee wäre mir lieber gewesen), von Beruf Schauspielerin, Märchenerzählerin und Politikerin. Vor zwei Wochen gestorben. 93 Jahre alt, denn wenn ich nicht gestorben wäre, dann lebte ich heute noch. Und irgendwie lebe ich ja auch noch. Irgendwie? Wohl doch so, wie es Jesus uns allen in Aussicht stellt. Wer da die Nase rümpft (Aber nun erzähl doch keine Märchen...), kennt weder das Leben noch den Tod.

Märchen heißen bei uns Märli. Natürlich kannte (und konnte!) ich die berühmte Sammlung der Gebrüder Grimm und die kunstvollen Märchen von Hans Christian Andersen, aber auch Peter Pan und Bambi, Dschungelbuch, Gullivers Reisen und Alice im Wunderland. Euer Opa vermutet ganz richtig, wenn er E.T. ein Märli nennt, ein Märchen. Und was für ein Schönes, und sogar auf weite Strecken dem Evangelium abgeguckt.

Die Bibel ist kein Märli, wenn man damit sagen will, sie sei erfunden und erlogen. Aber dass die Evangelisten von Jesus so packend erzählen können, liegt auch an ihrer Erzählkunst. Ich kenne mich da aus, denn die sogenannte "Reise des Helden" ist ein uraltes Grundmuster, nicht nur in Sagen und Märchen. Und es spricht nicht gegen die Bibel, sondern für die Bibel und ihre Qualität. Die Reise des Helden Jesus, wenn ich es mal so formulieren darf, beginnt bekanntlich auch im Jenseits, im Himmel, in seiner geheimnisvollen Herkunft von Gott. Da waren Missverstehen und Konflikte, Wunder und Verheißungen, Freunde und Feinde. Am besten verstehen die Kinder. Seine "Reise" führt schließlich über Leiden und Kreuz, Tod, Auferstehung und Himmelfahrt wieder "heim". Denen aber, die seine Freunde wurden, gab er seine Liebe, seine Kraft - und eine überwältigend große Sendung. Ist das nicht wirklich märchenhaft, zauberhaft, wunderbar? Wer solche Wörter verachtet, hat sie nicht verstanden.

Ihr könnt froh sein, dass ihr einen so klugen und vernünftigen Opa habt. Er wollte euch ja nicht den Glauben kleinmachen, sondern rechtzeitig helfen, die Wahrheit der Bibel ganz lebendig zu verstehen, zu Kopfe und zu Herzen gehend also. Ich finde das jedenfalls prima. Und so wie ich sehen es bei uns im Himmel viele. Der tief religiöse Erzähler, Gilbert Keith Chesterton (1874-1936), der Dichter der Pater-Brown-Geschichten, meinte am Ende seines Lebens: "Die Märchen kommen mir durch und durch vernünftig vor. Das Märchenland ist nichts anderes als die sonnige Landschaft des gesunden Menschenverstandes... Märchen erzählen Kindern nicht, dass Drachen existieren. Denn das wissen Kinder schon. Märchen erzählen den Kindern, dass Drachen getötet werden können." Bravo!

Lieber Maxi, lieber Moritz, noch seid ihr Kinder, die etwas zu lachen haben. Geb's Gott, dass es euch nie vergeht!

Eure himmlische Brieffreundin: Trudi

PS
Unserer wunderbaren Rose Ausländer (1901-1988) verdanke ich zwei schöne Zeilen:

Kennst du das Märchen vom Du?
Du bist es!