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Victor Jara schreibt zum Ewigkeitssonntag (24. November 2013)

Seid wachsam!

Die einen sagen, heute feiern wir Christkönig. Andere: Heute ist Totensonntag. Und wieder andere: Heute ist Ewigkeitssonntag. Das ist gut. Alle sagen es richtig.

Ich bin einer von den Toten. Bin ich einer von den Toten? Mein Vorname war Programm: Victor, der Sieger. Meine Berufung: Volks- und Protestsänger.

Victor Jara. Am 28. September 1932 kam ich in Loquen, einem kleinen Dorf in der Nähe von Santiago de Chile, zur Welt. Ich lebte als Kind wie viele andere bei uns: war oft hungrig, ging barfuß zur Schule, schlief auf dem Fußboden. Ich kannte das Leben der Armen. Ich kannte das Unrecht. Ich sang davon. Auch die Liebe kannte ich, oh, die Liebe. Ich sang davon. Die Hoffnung kannte ich, den Mut, den verzweifelten tapferen Mut kannte ich, Mut, Hoffnung, Verheißung! Und ich sang davon.

Am 16. September 1973 haben sie mich endlich erschossen, dort in Santiago de Chile. Wer? Wer wohl. Man hatte mich - wie Tausende andere Chilenen -  an jenem berüchtigten 11. September 1973 verhaftet. Vor 50 Jahren. Was für ein Datum. Ihr wisst, es gab nicht nur den schrecklichen 11. September von New York. Es gab auch den schrecklichen 11. September im Stadion von Santiago de Chile. "Endlich" erschossen, sage ich, als hätte ich nur darauf gewartet. Meine letzten fünf Tage waren fünf Tage Golgota. Doch eins nach dem anderen. Jedenfalls bin ich bis heute lebendiger als viele. Einst sang ich. Nun singen andere. Sie singen auch von mir. Zum Beispiel Ernesto Cardenal, einer unserer Unentwegten:

Hier strich er durch die Straßen, ohne Arbeit und Amt und ohne einen Peso...
Nie war er im Ausland. Er war im Gefängnis. Jetzt ist er tot.
Doch denkt an ihn, wenn ihr Zementbrücken habt, wenn ihr Riesenturbinen, Traktoren, Getreidesilos und gute Regierungen haben werdet.
Denn er hat in seinen Gedichten die Sprache des Volkes gereinigt,
in der man eines Tages die Handelsabkommen schreiben wird, die Verfassung, die Liebesbriefe und die Dekrete.

Eines Tages. Das ist dann wirklich der Tag des Herrn im Gelobten Land. Eines Tages! Wann?
Lies im Evangelium, bei Markus, den Tagestext 13,31-37:

Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte werden nicht vergehen.
Doch jenen Tag und jene Stunde kennt niemand, auch nicht die Engel im Himmel, nicht einmal der Sohn, sondern nur der Vater. Seht euch also vor und bleibt wach! Denn ihr wisst nicht, wann die Zeit da ist. Ist es nicht wie mit einem Mann, der sein Haus verließ, um auf Reisen zu gehen? Er übertrug alle Verantwortung seinen Dienern, jedem eine bestimmte Aufgabe; dem Türhüter befahl er, wachsam zu sein.

Seid also wachsam! Denn ihr wisst nicht, wann der Hausherr kommt, ob am Abend oder um Mitternacht, ob beim Hahnenschrei oder erst am Morgen. Er soll euch, wenn er plötzlich kommt, nicht schlafend antreffen. Was ich aber euch sage, das sage ich allen:
Seid wachsam!

Und, war ich nicht ein Türhüter? Im Tor zum himmlischen Jerusalem stehen wir im Gegenlicht und singen von Frieden und Heil. Eine meiner vielen verehrten Dichterinnen, Else Lasker-Schüler (1869-1945) - oh, auch sie kannte das Unrecht, das bittere Leid, vor allem aber die Liebe! - sie singt davon:

Ich suche allerlanden eine Stadt,
Die einen Engel vor der Pforte hat.
Ich trage seinen großen Flügel
Gebrochen schwer am Schulterblatt
Und in der Stirne seinen Stern als Siegel.

Und wandle immer in die Nacht ...
Ich habe Liebe in die Welt gebracht -
Dass blau zu blühen jedes Herz vermag,
Und hab ein Leben müde mich gewacht,
In Gott gehüllt den dunklen Atemschlag.

Doch zurück zu uns nach Chile. Als ich im Stadion zur Gitarre griff und sang, hackten sie mir die Hände ab. Und ich? Sang weiter. Ich sang trotzdem weiter, bis mich endlich der erlösende Schuss traf. Dann brach über Chile die Nacht herein. Fast 17 Jahre Nacht.

Einer der Märtyrer sagt mir: Victor, weißt du, dass du ein Nachfolger Jesu bist? Da erröte ich, denn wir waren daheim nicht gar so fromm. Meine geliebte Tochter Amanda ließen wir nicht einmal taufen. Ich war skeptisch und ahnungsvoll. Die Kirche trat denn auch während des Militärregimes nicht nur als Anwältin des Evangeliums auf. Aber, und das soll uns Mut machen, da gab es auch die herausragende Arbeit der Vicaría de la Solidaridad seitens der Erzdiözese Santiago, engagierten Einsatz für die Opfer von Menschenrechtsverletzungen. Diese Frauen und Männer der Kirche handelten klar und waren Partei. In einem Interview fragte man eine Mitarbeiterin der Vicaría, ob sie denn nicht - als gläubige Christin - dem Bluthund Pinochet verzeihen könne. Claro, sagte sie, das kann ich. Aber der Mann gehört ins Gefängnis. Claro.

Ich erröte, wenn man in mir einen Nachfolger Jesu sieht, aber ist es vielleicht eine Morgenröte? Ich gehöre in der Geschichte Jesu zu einem, der mit ihm gekreuzigt wurde. Als ich fünf Tage lang starb, erblickte ich jene Szene, wo Jesus einem der beiden Nachbarn am Kreuz sagt: Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein. Ja, ich erröte, aber noch anderes verbindet mich mit Jesus. Meine Stimme, meine weiche, sanfte Stimme, sie blieb mächtig über meinen Tod hinaus. "Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte werden nicht vergehen." Auferstehung und Aufstand sind Verwandte.

In meinem Gebet für einen Landarbeiter sagte ich es so:

Befreie uns von denen, die uns in unserer Not beherrschen.
Bringe uns Gerechtigkeit und Gleichheit, das täglich Brot.
Wie der Wind wiege die Blumen in den Schluchten,
Wie Feuer reinige den Lauf meines Gewehrs.

Ein gutes Gebet, sagt da Else, klar und leise, und nun habe ich noch eine Bitte. Lies mein Gedicht zu Ende. Es heißt auch "Gebet".

O Gott, schließ um mich deinen Mantel fest;
Ich weiß, ich bin im Kugelglas der Rest,
Und wenn der letzte Mensch die Welt vergießt,
Du mich nicht wieder aus der Allmacht lässt
Und sich ein neuer Erdball um mich schließt.

Das, Freunde, wollte noch gesagt sein an diesem Ewigkeitssonntag 2013. Venceremos!

Euer Victor
Für die Mächtigen ein Verlierer, für die Sehnsüchtigen und Hoffenden ein Sieger.