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Im Post-Archiv finden Sie alle Briefe, die bisher von drüben bei uns ankamen.

Werner Bergengruen

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Das kaschubische Weihnachts-Lied

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Werner Bergengruens Himmelsbrief zu Weihnachten 2012

Werte Herren Gymnasiasten!

Obersekunda? Oder sagen Sie dazu elfte Klasse? Oder schon wieder anders? Außerdem muss ich mich korrigieren: Werte Damen und Herren! Merken Sie was? Da flattert Ihnen ein ziemlich altmodischer Himmelsbrief zu Weihnachten aufs Pult, und von mir haben Sie vielleicht noch nie gehört: Werner Bergengruen. Auf Erden 1892-1964. Sehr im Unterschied zu meinem Schriftstellerkollegen und Literaturnobelpreisträger Thomas Mann, dem ungläubigen Thomas, wie er mitunter schelmisch genannt wurde. Nicht von mir. Wir mochten uns nicht so besonders, trotz gewisser Verbindungen. Zwar an derselben Schule - im Katharineum, Königstraße 27-31, Lübeck - aber 17 Jahre auseinander. Unterschiedlich auch unser Verhältnis zum Gymnasium. Thomas war - aus Sicht der Schule - kein großes Licht. Ich denke, er hasste die Anstalt. Nun, heute gibt es mehr Gymnasien, die nach ihm benannt sind, als nach mir. Obwohl er nicht einmal Abitur hatte. Also möge er zunächst mal schreiben. Ich denke, dass er sich in Ihr Problem besser einfühlen wird als ich...

Höflich dankend übernehme ich. Mit Vergnügen: Thomas Mann. Auf Erden 1875-1955. 

Sie machen sich also Gedanken über die Seele Ihres Mathematiklehrers, genannt "Wurzelsepp", wegen des markanten R, das Ihnen irgendwie bayerisch vorkommt, und der unvermeidlichen Algebra. Nur einmal im Jahr, soweit Sie es wissen, packt ihn plötzlich ganz gewaltig die Religion, punktgenau am Heiligabend. Das ärgert Sie. Nun kommt Ihr heiliger Zorn - weihnachtlich verpackt, etwas grämlich, zielsicher wie eine Fürbitte - bei uns an.

Wenn er wenigstens konsequent wäre, sagen Sie, aber dieser bürgerliche Ausrutscher sei nur peinlich. "Er schmückt daheim einen Christbaum, er versammelt die Familie, es gibt die Weihnachtsgeschichte, Stille Nacht und Bescherung. Und der Gipfel der Verlogenheit: Dann geht's im Gänsemarsch zur Kirche. Alle Jahre wieder. Heuchler! Denn es läuft doch so: Dienstags folgt auf Mathe der Leistungskurs Religion. Und mit vielsagendem Lächeln beendet der Typ seine Stunde ironisch: Und nun, meine Damen und Herren, auf zur himmlischen Rechenkunst! (Fehlt nur noch, dass er uns viel Spaß im Blauen Engel wünscht. Ähnlichkeiten mit Emil Jannings hat er ja.)"

Interessant, dass sein Kollege von der himmlischen Rechenkunst ihn durchaus wohlwollend beurteilt. Er gibt Ihnen Recht, was die bürgerliche Praxis betrifft, aber man schaue keinem Menschen ins Herz, sagt er, und wer weiß, ob es ihn nicht wirklich anrührt, das Fest. Auf jeden Fall sei es auch nicht sehr christlich, ihn schlecht zu reden. Und, fragt er, wussten Sie überhaupt, dass er katholisch ist?

Werner ahnt richtig, dass Ihr Oberstudienrat Weihnachten auf eine Art in Ehren hält, die mir durchaus vertraut und nicht unsympathisch ist. Es wäre auch nicht überraschend, wenn auf dem Gabentisch Lübecker Marzipan bereitliegt. Sie kennen mich vom Deutsch-Grundkurs. Hat nicht einer von Ihnen unlängst ein Referat über die "Buddenbrooks" gehalten? Dann erinnern Sie sich gewiss auch an die Weihnachtsfeiern. Bürgerlich, traditionell, nobel. Nicht Ihr Stil? Das muss auch nicht sein. Doch erbitte ich etwas Respekt vor  "Jahrgängern", wie Sie die nennen, deren Kirchgang sich - von Familienfesten abgesehen - auf Weihnachten konzentriert.

Darf ich auch Sie auf eine kleine Inkonsequenz aufmerksam machen? Sie sind doch beim traditionellen niedersächsischen Krippenspiel dabei. Marcel mit Trompete. Isabella und Heike im Sopran. Sie haben geübt und freuen sich, wenn die Kirche wieder bis auf den letzten Platz besetzt ist. Auch Ihre Familie wird kommen. Und natürlich: Wurzelsepp mit Corona. Dazu Glocken. Kerzen. Strahlende Gesichter... Frage: Für wen spielen Sie? Es ehrt Sie, dass Sie an dieser Stelle nicht sofort den lieben Gott nennen. Also auch für unsereinen? Danke. Diskretion steht Ihnen besser als Sticheleien.

Sie hoffen auf eine gehaltvolle Predigt. Das kann ich gut verstehen. Dabei erwarten wir vom Prediger keinen literarischen Text. Aber er soll seine Sache recht machen. "Unsereiner" will jedenfalls nicht zu häufigerem Kirchenbesuch ermahnt werden. Aber man will auch nicht extra gelobt werden, dass man endlich mal wieder da ist. Wir sind da. Das ist doch was. Weder Lob noch Tadel gehören sich beim Fest, sondern zunächst einmal all das, was ein Fest zum Fest macht. Religion ist Ehrfurcht. Meine Meinung.

Und nun, Werner, übernehmen Sie bitte. Die "himmlische Rechenkunst" war doch eher Ihre Welt... (Soweit Thomas.)

Gern führe ich den Brief zum Ziel. "Religion ist Ehrfurcht". Ja, da knüpfe ich gerne an. Trotz unserer Differenzen im Verhältnis zu den Nazis, ob innere oder äußere Emigration richtiger sei, darf ich nach wiederholter Lektüre seiner Romane und Tagebücher feststellen: Ganz so ungläubig war Thomas nicht. Sein feiner Spott trifft nicht die Mitte, wohl aber manche komische Peinlichkeit rundherum. Er bemerkte sehr wohl den Widerspruch zwischen der Bibel (er kannte seinen Luther gut) und dem rührseligen deutschen Weihnachtsfest. Er ließ sich dadurch aber weder das Spiel noch den Genuss verderben. Sie hätten sich mit ihm besser verstanden, als Sie ahnen.

Und da nun Winter ist: Kennen Sie seinen "Zauberberg"? Keine Lektüre für die Schulzeit, wohl aber für jenes Reifezeugnis, auf das wir uns ein Leben lang vorbereiten. Ich zitiere Ihnen aus dem mystischen Kapitel "Schnee" den einzigen im Buch kursiv gedruckten Satz: „Der Mensch soll um der Güte und Liebe willen dem Tode keine Herrschaft einräumen über seine Gedanken.“ Darf ich in diesem Zusammenhang an eine Oration der Laudes vom 22. Dezember erinnern? "Barmherziger Gott, du hast die Not des Menschen gesehen, der dem Tod verfallen war, und hast ihn erlöst durch die Ankunft deines Sohnes. Gib uns die Gnade, das Geheimnis der Menschwerdung in Ehrfurcht zu bekennen und in der Gemeinschaft mit unserem Erlöser das Heil zu finden."

Anders als beim Festmahl in den Gemächern der Konsulin Buddenbrook geht es vermutlich im Haus Wurzelsepp zu. Der Färbung seiner Sprache nach zu urteilen, stammt seine Familie aus Pommern. (Bayern? Weit gefehlt.) Sepp wäre dort ein sehr ungewöhnlicher Rufname. Ich selbst komme übrigens aus Riga, also noch weiter nördlich. Das Aroma der deftigen kaschubischen Küche vermählt sich wundersam mit Kerzenfunkeln am geschmückten Tannenbaum und dem Duft angesengter Zweige. Und mit dem Kind in der Krippe. Ein altes Volkslied, ein kaschubisches Weihnachtslied, dichtete ich eines Tages nach. Da stellen die Gläubigen, besorgt um die Armut des Stalls von Betlehem, dem Christkind ein besseres Zuhause in Aussicht. "Wärst in Kaschubien du uns geboren, brauchtest dann niemals Hungersnot leiden..." Und auf der Speisekarte - wohlgemerkt, für ein Neugeborenes Baby - Gebratenes und "zum Butterbrödchen, wodki ein Gläschen". "Buchweizengrütze, mit gelber Butter reichlich begossen. Saftiges Gänsefleisch, mit Speck Kartoffelmus... Flinzen und zarte Würstchen mitsamt Pieroggen..." Genug. Wenn es schon Hanno Buddenbrook übel war bei all den kalorienreichen Leckereien auf Großmutters Weihnachtstisch, wie mag es erst dem lieben Jesulein ergehen im Kaschubenland. Und doch: Wie viel Liebe wohnt in solchen Wünschen, und wenn schon die Liebe, wie es heißt, durch den Magen geht: Warum nicht auch der Glaube, wenigstens einmal im Jahr?

Hier einige Kostproben aus meiner Nachdichtung:

Wärst du, Kindchen, im Kaschubenlande,
Wärst du, Kindchen, doch bei uns geboren!
Sieh, du hättest nicht auf Heu gelegen,
Wärst auf Daunen weich gebettet worden.

Nimmer wärst du in den Stall gekommen,
Dicht am Ofen stünde warm dein Bettchen,
Der Herr Pfarrer käme selbst gelaufen,
Dich und deine Mutter zu verehren.

Kindchen, wie wir dich gekleidet hätten!
Müsstest eine Schaffellmütze tragen,
Blauen Mantel von Kaschubischem Tuche,
Pelzgefüttert und mit Bänderschleifen.

Kindchen, wie wir dich gefüttert hätten!
Früh am Morgen weißes Brot mit Honig,
Frische Butter, wunderweiches Schmorfleisch,
Mittags Gerstengrütze, gelbe Tunke...

Und wie wir das Herz dir schenken wollten!
Sieh, wir wären alle fromm geworden,
Alle Kniee würden sich dir beugen,
Alle Füße Himmelswege gehen.

Niemals würde eine Scheune brennen,
Sonntags nie ein trunkner Schädel bluten, -
Wärst Du, Kindchen, im Kaschubenlande,
Wärst du, Kindchen, doch bei uns geboren!

Herzhafte und gesegnete Weihnachten wünscht Ihnen und Ihrem Mathe-Lehrer
Ihr himmlischer Brieffreund Werner
(mit einem feinsinnigen Gruß von Thomas)

PS
Nachzutragen ist noch die Sache mit der "himmlischen Rechenkunst". So heißt nämlich ein Gedicht von mir aus dem Jahr 1942.

Was dem Herzen sich verwehrte,
lass es schwinden unbewegt.
Allenthalben das Entbehrte
wird dir mystisch zugelegt.

Liebt doch Gott die leeren Hände
und der Mangel wird Gewinn.
Immerdar enthüllt das Ende
sich als strahlender Beginn.