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Im Post-Archiv finden Sie alle Briefe, die bisher von drüben bei uns ankamen.

Zacharias meditiert.

Tonplastik von Raul Castro für das Kloster Heiligenbronn. Copyright bhf-media

 

 

Zacharias' Himmelsbrief zum Ersten Advent 2012

Liebe Mirjam,

die ersten beiden Seiten deines liebevollen Adventskalenders sind am Ziel. Du schreibst 24 Lieblingstexte der Bibel ins Reine. Zu jedem Tag gönnst du dir deine kleine Andacht. Alles von Hand. Alles in Schönschrift. Alles ohne Zweck. Alles voller Sinn. Du machst das gern, nicht wahr? Dir tut es gut. Uns auch.

Heute zitierst du meinen großen Text, das Benedictus. Es ist dein Lieblingslieblingstext. Alle Morgen bahnt er dir den Weg in den Tag. Du kannst ihn auswändig sprechen, seit du die gesungenen Laudes im Kloster erlebt hast. Nein, nicht auswändig, sondern inwändig. 'Par cœur', wie du sagst, 'by heart'. Thomas, euer Pastor, war recht angetan von deiner Praxis. Er weiß, dass du keine große Kirchgängerin bist. Stammgast bist du nur beim Bibelkreis. Da hast du einmal ganz begeistert von den Tagen im Kloster erzählt. Und von deiner Entdeckung des Benedictus. Es war keine Liebe auf den ersten Blick. Aber sie blieb. Inzwischen hat sich Thomas etwas Besonderes angewöhnt. Jede Predigt beendet er mit den letzten Zeilen meines Benedictus. Jede Predigt - worüber auch immer, wann auch immer - endet mit diesen Worten:

Durch die barmherzige Liebe unseres Gottes
wird uns besuchen das aufstrahlende Licht aus der Höhe,
um allen zu leuchten,
die in Finsternis sitzen und im Schatten des Todes,
und unsre Schritte zu lenken auf den Weg des Friedens.

Danach sagt er nicht einmal das Amen. Annegret, die Organistin, weiß Bescheid, hält eine kleine Atempause und spielt dann eine Improvisation. Heute vermutlich auf ein vertrautes Adventslied. Einige Zuhörer haben schon gefragt, was das denn für ein hübsches Gedicht sei am Ende der Predigt.

Heute ist mein Benedictus Predigttext. Hier im Zusammenhang, aus dem Lukasevangelium Kapitel 1, Verse 68-79:

Gepriesen sei der Herr, der Gott Israels!
Denn er hat sein Volk besucht und ihm Erlösung geschaffen.
Er hat uns einen starken Retter erweckt im Hause seines Knechtes David.
So hat er verheißen von alters her durch den Mund seiner heiligen Propheten.
Er hat uns errettet vor unseren Feinden und aus der Hand aller, die uns hassen.
Er hat das Erbarmen mit den Vätern an uns vollendet und an seinen heiligen Bund gedacht,
an den Eid, den er unserm Vater Abraham geschworen hat.
Er hat uns geschenkt, dass wir, aus Feindeshand befreit,
ihm furchtlos dienen in Heiligkeit und Gerechtigkeit vor seinem Angesicht all unsre Tage.

(An dieser Stelle habe ich, Zacharias, das Loblied unterbrochen und direkt meinen kleinen Sohn angesprochen:)

Und du, Kind, wirst Prophet des Höchsten heißen; denn du wirst dem Herrn vorangehen und ihm den Weg bereiten.
Du wirst sein Volk mit der Erfahrung des Heils beschenken in der Vergebung der Sünden.

(Und dann ging es weiter mit den Worten, die euer Pastor inzwischen Sonntag für Sonntag spricht:)

Durch die barmherzige Liebe unseres Gottes wird uns besuchen das aufstrahlende Licht aus der Höhe,
um allen zu leuchten, die in Finsternis sitzen und im Schatten des Todes,
und unsre Schritte zu lenken auf den Weg des Friedens.

Meine Geschichte kennst du. Kurz - für die, die jetzt mitlesen - zusammengefasst. Ich gehöre zur Vorgeschichte Jesu. Mit meiner Frau Elisabet lebte ich in der Nähe von Jerusalem. Dort war ich einer der Priester am Tempel. Wir versorgten den Rauchopferaltar. Das Rauchopfer wurde täglich am Morgen und am Abend dargebracht. Unsere Ehe war kinderlos geblieben. Da, eines schönen späten Tages, im hohen Alter, besucht mich mitten im Dienst ein Engel, der Erzengel Gabriel. Und er überrascht mich mit der längst nicht mehr erwarteten Nachricht: Elisabet ist schwanger. In neun Monaten ist es soweit. Wie gesagt: Mitten im Dienst, mitten im Tempel, mitten im Rauch. Was soll man dazu sagen? Am besten gar nichts. Jedenfalls - so erzählt es Lukas im Evangelium - verschließt mir Gott den Mund. Ab sofort für neun Monate. Du siehst, Mirjam: nicht nur für euch Frauen ist die Schwangerschaft eine besondere Zeit.

Euer Pastor, Thomas, hat sich im Bibelkreis umgehört, wie das wohl zu verstehen sei, das Verstummen des alten Zacharias. Manche beharrten auf dem Text, wonach es eine Strafe für seinen Zweifel sei. Quatsch, sagte jemand - warst du das? - , dieses Schweigen war ein Segen. Ein Segen für Elisabet, denn der Tempelpriester war durchaus gesprächig. Also geschwätzig, sagte eine andere, die sofort an ihren Mann dachte. Nicht geschwätzig, aber doch ein Freund ausführlicher Reden. Ein Segen war es also auch für mich selbst (wie Thomas, der einzige Mann im Bibelkreis vermutet). Ein Segen, denn nun gab es viel nachzudenken. Was bedeutet spätes Glück? Was bedeutet ein erfüllter Wunsch, den man eigentlich gar nicht mehr hegt? Was bedeutet eine Verheißung? Was bedeutet die Unterbrechung der Routine, beispielsweise durch einen Engel? Und vor allem: Was werde ich später dazu sagen? Denn dass mir Gott meine Lippen irgendwann wieder öffnet, davon ging ich aus. Und nicht irgendwann, sondern wenn es an der Zeit ist. Neun Monate Schweigen also. Mindestens mal neun Monate.

Du hast mich nicht danach gefragt, Mirjam, aber da mein Text, mein Lobgesang "Benedictus" - so nennt ihr ihn später nach der lateinischen Übersetzung der Anfangsworte - da dieser Text dein Lieblingslieblingstext ist, verstehst du mich gut. Nach neun Monaten in Stille und großer Nachdenklichkeit kann man seine Eröffnungsrede wirklich intensiv vorbereiten. Nichts Albernes wird es sein, kein Scherz, aber auch keine Phrase. Und schon gar nicht irgendeine belanglose Redewendung. Kein "Hallo, ich bin's". Kein "Und, wie geht's?" Kein "Hurra, wir leben noch!" Kein "Kuck mal, wer da spricht." Nein, es wird dein stärkstes Gebet sein, und erst aus diesem Gebet wirst du ins Persönliche gehen. Erst nach einigen Versen großer Schönheit wirst du konkret, und du wirst das Kind der Verheißung ansprechen. Dann deine Frau. Dann die Leute.

Es ist schön, Mirjam, dir beim langsamen Schönschreiben zuzuschauen. Jeder Buchstabe hat seinen kleinen Platz und bekommt seine kleine Zeit. Du schreibst flüssig, aber behutsam. So verstehe ich die Bibel, sagst du, und so verstehe ich mein Leben. Wenigstens der Spur nach. Welche Spur, Mirjam?

Durch die barmherzige Liebe unseres Gottes wird uns besuchen das aufstrahlende Licht aus der Höhe,
um allen zu leuchten, die in Finsternis sitzen und im Schatten des Todes,
und unsre Schritte zu lenken auf den Weg des Friedens.

Dein himmlischer Brieffreund Zacharias