In Berlin hatte ich ein sehr eindrückliches Erlebnis mit Christen und Moslems in einem Studentenwohnheim.

Wir saßen bei wunderbarem Sommerabend-Wetter im Innenhof. Natürlich kamen wir sofort auf das Thema Religion. Was sonst? Mohammed ist immer im Gespräch. Wir verabredeten, dass jeder das sagen und fragen dürfe, was er auf dem Herzen beziehungsweise im Kopf habe. Und jeder dürfe und solle ausreden.

Dann erzählten sie mir, was sie glaubten. Sie erzählten von Mohammed und von dem geheimnisvollen Erlebnis, das Mohammed in der Höhle Hira bei Mekka hatte, als er zum ersten Mal einen himmlischen Boten reden hörte. Sie sagten mir, warum sie glauben, dass es nur einen Gott gibt, Allah, und dass der heilige Wille Allahs im Koran stünde und so weiter. Wir redeten lange.

Es ist immer bewegend, wenn Menschen von ihrem Glauben reden, denn wer von seinem Glauben redet, der spricht immer auch von seinem Herzen.

Dann fragten sie mich: »Und was glaubst du?« Ich meinte, dass ich das gerne sagen würde, aber sie müssten nun auch etwas Zeit haben und möchten mich nicht unterbrechen. Da lachten sie und versprachen, Zeit zu haben und mich ausreden zu lassen.

Und ich erzählte: »Wir Menschen leben und lieben, leiden und suchen das Glück, und irgendwann beginnt das Fragen: Wo kommen wir her, wo gehen wir hin, und wie werden wir mit unserem Leben und Leiden und unseren Nöten fertig?

Gott sieht unser Leben, unser Suchen, unser Glück und unser Leid. Er sieht, dass wir oft beim besten Willen nicht zurechtkommen. Wir sollen nicht lügen, und wir lügen. Wir sollen Menschen lieben, aber wir können nicht lieben. Wir sollen Frieden halten, aber wir führen Krieg.

Da hielt es Gott nicht mehr aus. Er beugte sich ganz tief und kam als Kind auf die Welt, von der Jungfrau Maria geboren. Gott wurde Mensch!«

Sie riefen dazwischen: »Ja, aber das gibt's doch gar nicht! Das ist Lästerung. Gott kann nicht Mensch werden!«

Ich erinnerte sie: »Ihr habt versprochen, ihr würdet auch ruhig sein. Lasst mich zu Ende erzählen.« Und dann erzählte ich ihnen das Leben Jesu, von seiner Herkunft, seinen Eltern, der Versuchung in der Wüste, seinen Wundern und Taten und von seinem »Ich bin«.

Da wurden die jungen Moslems ganz aufgeregt: »Aber Mohammed hat gesagt, das ist eine Lüge von den Christen. Gott hat gar keinen Sohn, und er kann auch nicht auf die Erde kommen!«

Da bat ich wieder: »Ihr habt mir versprochen, ihr wollt mich zu Ende reden lassen.«

»Ja, ist ja gut«, sagten sie, und ich erzählte weiter von dem Geheimnis Jesu, so wie wir Christen es empfangen haben:

»In Jesus machte Gott das Menschsein durch. Er lernte alle Höhen und Tiefen, alle Versuchungen und jede Sünde kennen. Obwohl Jesus selber nie gesündigt hat, hat er doch alles Elend und allen Jammer, alle Grausamkeiten und alle Verbrechen des menschlichen Herzens kennen gelernt. Und die Menschen haben in Jesus die Liebe des Vaters kennen gelernt: Alle Wunder, alle Heilungen und Hilfen und jede Freundlichkeit Jesu waren Zeichen der ewigen Liebe Gottes, die in Raum und Zeit gekommen war. In Jesus war Gott nun ganz nahe, ganz bei uns. Aber Gott kam klein und verwundbar, nicht mächtig und nicht zwingend. Er hat uns erlitten!«

Da waren die jungen Moslems wieder nicht zu halten: »Das gibt es doch nicht. So ist Allah nicht! Allah kommt nicht schwach.« Es war unglaublich für sie, und sie waren richtig aufgebracht.

Ich bat wieder: »Ihr habt versprochen, dass ich zu Ende reden darf Ich habe eben bei euch auch zugehört und habe immer nachgefragt, damit ich euch richtig verstehe.«

Sie wurden wieder still. Ich erzählte die Geschichte von der Kreuzigung Jesu: Und am Kreuz Jesu ging Gott in die letzte Einsamkeit. Er ging in und mit Jesus in die Hölle. Er trug am Kreuz das Gericht über alle Sünde, über alles Schreckliche, das jemals geschehen ist und geschehen wird. Gott trug am Kreuz sein eigenes Gericht. Er machte sogar den Augenblick durch, wo der Sohn aufschrie: »Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?« Gott hat auch die Gottlosigkeit durchgemacht!«

Es war ganz still geworden.

Dann fragte einer der jungen Leute: »Und warum ist das passiert?«

»Er will bei uns sein in unseren Fragen und Nöten, in unseren Einsamkeiten und Widersprüchen, in unseren Schulden und in unserem Glück. Er ist auch bei uns, wenn wir gottlos werden. Als Jesus schrie: >Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?< da war Gott selber in der Gottverlassenheit!«

Da bat einer der jungen Moslems: »Sag das noch mal!« Ich wiederholte: »Als Jesus am Kreuz in die Gottverlassenheit musste, da erlebte Gott in Jesus die Gottverlassenheit. Und seit der Zeit weiß Gott, was Gottverlassenheit ist. Seit Golgatha ist Gott auch da, wo ihn keiner vermutet: In der Gottlosigkeit!«

Es war sehr still geworden.

»Und dann wurde Jesus am dritten Tag von den Toten auferweckt. Da hat Gott zu ihm ein ewiges Ja gesprochen. Am Ostermorgen wurde nicht nur ein Toter auferweckt, sondern da hat Gott zu dem Gekreuzigten Ja gesagt. Das heißt: Was am Kreuz von Golgatha geschehen ist, das ist wahr. Das ist von Gott gewollt. Das war kein Fehler der Juden, kein Irrtum von Pilatus. Das Kreuz ist Gottes Kreuz. Das wollte er, das will er bis heute und für alle Zeiten bis zur Ewigkeit!«

Die Moslems waren unruhig. Denn in ihrem göttlichen Wort, im Koran, steht es ganz anders. Dort steht, dass Gott den Jesus (Isa) zu sich nimmt. Jesus wird nicht gekreuzigt, nicht getötet, die Juden haben ihn mit einem anderen verwechselt (Sure 4,157). Ich bat die Zuhörer: »Haltet das mal aus, wie wir Christen es verstehen und glauben.« Und fuhr ungefähr so fort:

»Und mit der Auferstehung bekommt der Gekreuzigte die Vollmacht im Himmel und auf Erden. Der gekreuzigte Jesus ist der Herr der Geschichte. Der Ohnmächtigste hat die Macht. Der Liebende ist der Herr. Und Jesus kann jetzt den Gottesnamen aufnehmen, wenn er sagt: Ich bin bei euch alle Tage, bis an der Welt Ende (Matthäus 28,20).

Und wo immer Menschen sind, hat er jederzeit Zugang. Wo immer diese Botschaft vom Kommen Gottes in Jesus Christus gesagt wird, verbirgt er sich in dieser Botschaft und tut am Menschen, was die Botschaft sagt: Er kommt in die tiefsten Tiefen, um Menschen dort zu lieben, wie sie sind. Und er gibt einen Sinn, den es sonst in der Welt nicht gibt. Und er gibt eine Wahrheit, die sonst keiner weiß. Und er gibt einen Lebensmut und eine Freude, die man bei ihm nicht vermutet!

Wir müssen keine Götter werden, sondern Gott will Mensch werden. Er will uns nicht göttlich machen, sondern menschlich. Das ist die Erlösung Jesu: Durch seine Vergebung, durch seine Versöhnung schafft er eine neue Menschlichkeit. Sie besteht darin, dass wir niemals allein sind, immer geborgen und freigemacht zu einem versöhnten und hoffnungsvollen Leben.«

So ähnlich hatte ich es ihnen versucht zu sagen.

Ein Moslem meinte leise: »So etwas habe ich noch nie gehört.« Er hatte die Offenbarung Gottes gehört.

Es war Abend geworden. Alle waren sehr nachdenklich. Beim Abschied umarmte mich einer von ihnen und sagte: »Das wusste ich alles nicht, das hatte ich noch nie gehört!« Er lachte mich etwas verlegen an und grüßte mich mit dem arabischen Friedensgruß: »Salam.«

Die Offenbarung ist Jesus selbst, der gekreuzigte und auferstandene Herr. Der große, liebende Gott. Der Freund der Menschen! Das ist die Wahrheit der Christen. Und genau damit lassen wir uns ein, wenn wir Christen werden wollen oder es sind.

Klaus Vollmer